Navigation und Service

Zielgruppeneinstiege

Poliomyelitis-Fälle in Syrien – Gefahr der Einschleppung nach Deutschland

Empfehlungen des Robert Koch-Instituts – aktualisierte Fassung vom 29.11.2013

Am 22. Oktober 2013 hat das Robert Koch-Institut in einer E-Mail an die Landesstellen und Seuchenreferenten der Länder über eine Häufung akuter schlaffer Lähmungen (AFP) in Syrien berichtet. Mittlerweile wurde bei 10 der seit Anfang Oktober in der Provinz Deir Al Zour (auch "Dair az Zur" oder "Dayr az Zawr", Ostsyrien, siehe Karte) identifizierten 22 AFP-Fälle eine Infektion mit dem Polio-Wildvirus Typ 1 bestätigt. Der überwiegende Anteil der Polio-Fälle ist jünger als 2 Jahre alt und war nicht bzw. nicht vollständig geimpft. In der Folge wurden weitere Polio-Fälle bestätigt, wobei diese auch außerhalb der o.g. Provinz auftraten und zwar in Aleppo und in der Umgebung von Damaskus. Damit stieg die Zahl der offiziell bestätigten Polio-Fälle in Syrien auf insgesamt 17 an (Stand: 28.11.2013).

Aufgrund der Bürgerkriegssituation sind die offiziell berichteten Polio-Impfquoten in Syrien von 91% (im Jahr 2010) auf 68% (2012) gesunken. UNICEF geht von noch niedrigeren Impfquoten aus. Daher stellen in Syrien insbesondere Kinder unter 3 Jahren (d.h. nach 2010 geboren) eine Risikogruppe dar. Aufgrund der Flüchtlingsbewegungen muss in Deutschland eine mögliche Einschleppung von Polioviren durch Asylsuchende aus Syrien sehr ernst genommen werden. Nach entsprechender Beratung durch die Nationale Kommission für die Polioeradikation in Deutschland empfiehlt das Robert Koch-Institut die Einhaltung bzw. Durchführung folgender Maßnahmen:

1. Impfung

Entsprechend der aktuellen STIKO-Empfehlungen und des Asylbewerberleistungsgesetzes soll bei allen Flüchtlingen und Asylbewerbern bei Ankunft in Deutschland grundsätzlich eine Impfstatuskontrolle und ggf. die Nachholung oder Vervollständigung fehlender oder unvollständiger Impfungen erfolgen. Aufgrund der aktuellen Situation ist die Polio-Impfung von Asylbewerbern und Flüchtlingen aus Syrien, insbesondere von nach 2010 geborenen Kindern, vordringlich. Zur Verhinderung einer Virus-Übertragung in den Unterkünften muss aber auch bei allen anderen Bewohnern und beim Personal von Gemeinschaftseinrichtungen, in denen sich Flüchtlinge und Asylbewerber aus Syrien (und anderen Gebieten mit Poliorisiko) aufhalten, ein ausreichender Polio-Impfschutz sichergestellt werden. Unabhängig vom Alter wird eine Auffrischimpfung empfohlen, wenn die letzte Impfung der Grundimmunisierung bzw. die letzte Auffrischimpfung länger als 10 Jahre zurückliegt.

Die Impfungen erfolgen mit inaktiviertem Poliovirus-Impfstoff (IPV). Dieser kann als Kombinationsimpfstoff verabreicht werden, falls gleichzeitig eine Indikation für weitere Impfungen besteht (z.B. hexavalenter DTP-IPV-Hib-HepB-Impfstoff für Säuglinge und Kleinkinder, Tdap-IPV für ältere Kinder und Erwachsene). Bei vollständig dokumentierter Grundimmunisierung ist eine IPV-Impfdosis zur Auffrischung ausreichend, auch dann, wenn die Grundimmunisierung mit oralem Polio-Impfstoff erfolgte. Bei fehlender oder nicht dokumentierter Grundimmunisierung hängt die Anzahl der Impfdosen vom Impfstoffpräparat (Kombinations- oder Monoimpfstoff) und vom Alter ab. Für detailliertere Informationen siehe die aktuellen STIKO-Empfehlungen (Link siehe unten, alle hier erwähnten Links sind am Textende zu finden).

2. Stuhl‐Surveillance bei syrischen Kindern

Von allen nach 2010 geborenen syrischen Kindern, die neu in eine Asylbewerberaufnahmestelle in Deutschland aufgenommen werden, sollte eine Stuhlprobe auf Poliovirus untersucht werden, um eine aktive Virusausscheidung auszuschließen. Soweit organisatorisch möglich, sollte von allen nach 2010 geborenen Kindern aus Syrien, die seit dem 15. Oktober in Deutschland eingetroffen sind, eine Stuhlprobe untersucht werden – unabhängig davon, ob sie sich in einer Aufnahmestelle aufhalten oder nicht.

Die Untersuchungen werden vorrangig durch das Nationale Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren (NRZ-PE) am Robert Koch-Institut durchgeführt. In Absprache mit dem NRZ-PE können auch andere Labore aus dem Labornetzwerk Enterovirus-Diagnostik (LaNED) in die Erstuntersuchungen eingebunden werden.

Das NRZ-PE bietet eine kostenlose Untersuchung auf Polioviren an. Dazu wird eine erbsengroße Stuhlmenge benötigt. Stuhlröhrchen und vorfrankierte Versandboxen können beim NRZ-PE angefordert werden. Die Proben können ungekühlt als diagnostische Proben verschickt werden. Der Einsendeschein ist auf den Internetseiten des RKI abrufbar.

Keine Stuhluntersuchungen bei syrischen Kontingentflüchtlingen aus dem Libanon

Laut Informationen seitens des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) halten sich die Menschen, die aktuell als Kontingentflüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden, seit ca. März 2012 im Libanon auf. Dem Robert Koch-Institut liegen Informationen vor, dass die Kinder am regulären Impfprogramm im Libanon teilnehmen. Außerdem wurden bzw. werden Kinder unter 5 Jahren im Rahmen der aktuellen von WHO/UNICEF durchgeführten Impfkampagnen mit OPV geimpft. Der letzte Polio-Fall im Libanon trat 1994 auf; auch aktuell sind keine Polio-Fälle berichtet. Das Risiko einer Polio-Wildvirus-Einschleppung durch diese Kinder ist somit als extrem gering einzuschätzen. Deshalb sind Stuhluntersuchungen bei den als Kontingentflüchtlinge aus dem Libanon eintreffenden asymptomatischen Kindern nicht erforderlich.

Erhaltene Impfungen werden laut BAMF bei einer ärztlichen Untersuchung im Libanon vor Abreise in englischer Sprache dokumentiert. Diese Angaben sollen bei der Beurteilung, welche weiteren Impfungen in Deutschland notwendig sind, berücksichtigt werden.

3. Maßnahmen im Fall eines Nachweises von Polio-Wildviren

Sollte bei einer Person, die sich in Deutschland aufhält, Poliovirus nachgewiesen werden, muss diese Person sofort isoliert werden. Maßnahmen zur Verhinderung der Virusausbreitung müssen unverzüglich erfolgen. Konkrete Hinweise dazu sind im "Leitfaden für Gesundheitsämter zum Vorgehen bei Fällen von Poliomyelitis in der Bundesrepublik Deutschland" zu finden, der von der Nationalen Kommission für die Polioeradikation in Zusammenarbeit mit dem NRZ-PE erstellt und an die Gesundheitsbehörden der Bundesländer übermittelt wurde.

4. Information der Fachöffentlichkeit

Die Ärzteschaft, der ÖGD und Beschäftige von Asylbewerberaufnahmestellen sollten auf die Möglichkeit einer Einschleppung von Polioviren aus Syrien und die Notwendigkeit einer Enterovirus-Diagnostik bei akuter schlaffer Lähmung oder Verdacht auf virale Meningitis/Enzephalitis hingewiesen werden. Bei entsprechendem Verdacht kann die Enterovirus-Diagnostik kostenlos im LaNED durchgeführt werden.

Die Ärzteschaft sollte zudem an die Impfempfehlungen der STIKO für die o.g. Indikations- und Berufsgruppe, aber auch an die Standardimpfung der Allgemeinbevölkerung und die Polio-Auffrischimpfung bei Reisen in ein Polio-Risikogebiet erinnert werden. Weitere Informationen zur Polio finden sich online im "Ratgeber für Ärzte" des RKI.

Die Bewohner der Aufnahmeeinrichtungen sollen über die Krankheitszeichen der Poliomyelitis aufgeklärt und informiert werden und sollen sich bei ersten Verdachtssymptomen in der Krankenstation bzw. beim zuständigen Arzt vorstellen. Auf Einhaltung der Basis‐Händehygiene ist verstärkt hinzuweisen.

5. Umsetzung der Empfehlungen und Dokumentation der Maßnahmen

Die Länderbehörden werden dringend gebeten, die Umsetzung dieser Empfehlungen zu veranlassen und die Maßnahmen im Einzelnen zu dokumentieren. Eine Abfrage zur Umsetzung der Empfehlungen wird das Robert Koch-Institut in den kommenden Wochen durchführen, um das Risiko einer Virus-Einschleppung besser abschätzen zu können und um gegenüber der Weltgesundheitsorganisation und der Nationalen Kommission für die Polioeradikation aussagefähig zu sein. Hierbei ist insbesondere von Interesse, für welche Personengruppen in den einzelnen Landeserstaufnahmestellen Impfungen angeboten werden und wo eine Stuhl-Surveillance implementiert wurde.

Stand: 29.11.2013

Zusatzinformationen

Ge­sund­heits­mo­ni­to­ring

In­fek­ti­ons­schutz

For­schung

Kom­mis­sio­nen

Ser­vice

© Das Robert Koch-Institut ist ein Bundesinstitut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit