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Surveillance Nichtübertragbarer Krankheiten

Warum brauchen wir eine Surveillance nichtübertragbarer Krankheiten?

Public Health-Surveillance wird von der WHO definiert als „systematische, fortlaufende Erhebung, Zusammenführung und Analyse von Daten und die zeitnahe Bereitstellung von Informationen an Entscheidungsträger zur Umsetzung von Public Health-Maßnahmen“. Der Begriff Surveillance ist im Zusammenhang mit dem Schutz vor akuten Gefahren durch Infektionskrankheiten bereits lange etabliert, hat jedoch in den letzten Jahren international auch für die Prävention nichtübertragbarer Krankheiten große Bedeutung erlangt.

Nichtübertragbare Krankheiten (Noncommunicable Diseases, NCD) sind eine heterogene Gruppe von Krankheiten, die nicht ansteckend, das heißt von Person zu Person nicht übertragbar sind und die in der Regel komplexe Ursachen haben. Individuelle gesundheitsrelevante Verhaltensweisen spielen hierbei eine wichtige Rolle und sind eng mit den Lebensverhältnissen und größeren gesellschaftlichen und globalen Kontextfaktoren verknüpft. Public Health kommt dadurch ins Spiel, dass bestimmte nichtübertragbare Krankheiten besonders häufig sind und erhebliche sozioökonomische Folgen nach sich ziehen – durch vorzeitige Sterblichkeit im Erwachsenenalter und Einschränkung gesunder Lebenszeit. Ein zusätzlicher Punkt ist, dass viele nichtübertragbare Krankheiten gemeinsame Ursachen haben, die prinzipiell vermeidbar oder zumindest durch geeignete Maßnahmen beeinflussbar sind.

Insgesamt machen nichtübertragbare Krankheiten weltweit 71% aller Todesfälle aus, in Deutschland sind es sogar über 90%. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen und Diabetes mellitus stehen hier im Vordergrund. Aktuelle Daten der Global Burden of Disease Studie zeigen, dass noch andere Krankheiten wie z.B. psychische Störungen und Suchterkrankungen relevant sind, wenn sowohl durch Tod verlorene Lebensjahre als auch in gesundheitlicher Einschränkung verbrachte Lebensjahre berücksichtigt werden.

Globaler WHO-Aktionsplan zu nichtübertragbaren Krankheiten

Im Mittelpunkt des 2013 verabschiedeten globalen WHO-Aktionsplans zu nichtübertragbaren Krankheiten stand zunächst das Ziel, die vorzeitige Sterblichkeit durch nichtübertragbare Krankheiten bis 2025 um 25% zu senken (sogenannte 25x25 Strategie) und zwar durch Prävention der wichtigsten gemeinsamen Risikofaktoren (Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Salzkonsum, Rauchen, Bluthochdruck, Adipositas und Diabetes) sowie Sicherstellung von Behandlungsstandards für die medizinische Versorgung bereits Erkrankter. Zur Überwachung des Fortschritts hat die WHO ein Stufenkonzept zur Surveillance ausgearbeitet, mit Standardprotokollen für die Datenerhebung in drei Stufen, um möglichst viele Mitgliedstaaten zu beteiligen: 1) Befragungsdaten, 2) Messdaten und 3) Labordaten. Inzwischen wurden die Ziele des WHO-Aktionsplans über insgesamt drei UN-Konferenzen zu nichtübertragbaren Krankheiten weiterentwickelt und in 17 Nachhaltigkeitsziele zur globalen Entwicklung integriert. Dabei wurden zwei Punkte besonders herausgestellt: Erstens, die Ziele zur Gesundheit (Nachhaltigkeitsziel 3) müssen im Kontext mit den anderen Zielen, z.B. zur Bildung, Bekämpfung von Armut und zum Erhalt sicherer Lebenswelten betrachtet werden ("Health in All Policies"). Zweitens, die Förderung von psychischer Gesundheit muss in die Präventionskonzepte integriert werden, nicht nur aufgrund der hohen Public Health-Relevanz psychischer Störungen, sondern auch aufgrund wachsender wissenschaftlicher Evidenz, dass körperliche und psychische Gesundheit eng zusammenhängen.

Diabetes Surveillance als Prototyp einer NCD-Surveillance in Deutschland

In Deutschland gibt es noch keine zusammenhängende und zeitnahe Berichterstattung zu nichtübertragbaren Krankheiten im Sinne einer Surveillance. Vor einigen Jahren beauftragte das Bundesministerium für Gesundheit das RKI mit dem Aufbau einer Diabetes-Surveillance im Rahmen eines Forschungsvorhabens, exemplarisch für den Aufbau einer NCD-Surveillance. Die Diabetes-Surveillance wird durch einen interdisziplinären wissenschaftlichen Projektbeirat begleitet. Zudem wird externe Expertise im Rahmen von organisierten internationalen und nationalen Workshops sowie geförderten methodischen Kooperationsprojekten einbezogen.

In der ersten Projektphase (12/2015-12/2019) wurde zunächst ein wissenschaftliches Rahmenkonzept zur systematischen Erfassung des Krankheitsgeschehens mit folgenden vier Handlungsfeldern erarbeitet: 1) Diabetesrisiko reduzieren, 2) Diabetesfrüherkennung und -behandlung verbessern, 3) Diabeteskomplikationen reduzieren und 4) Krankheitslast und Krankheitskosten senken. Die Zuordnung von 40 gesundheitspolitisch relevanten und messbaren Indikatoren bzw. Indikatorengruppen zu den Handlungsfeldern erfolgte durch einen mehrstufigen Prozess auf Basis systematischer Literaturrecherchen und eines strukturierten Konsensprozesses.

Zur Abbildung der konsentierten Indikatoren werden vorhandene Datenquellen genutzt bzw. Datenzugänge erprobt. Eine sehr wichtige Datenquelle im Rahmen der Diabetes-Surveillance sind die bevölkerungsrepräsentativen RKI-Gesundheitssurveys. Zusätzlich werden verschiedene, geeignete Sekundärdatenquellen genutzt. Dazu zählen insbesondere routinemäßig dokumentierte Abrechnungs- und Versorgungsdaten (z.B. Daten der Gesetzlichen Krankenversicherung gemäß Datentransparenzverordnung, Dokumentationsdaten der Disease-Management-Programme zu Diabetes, fallpauschalenbezogene Krankenhausstatistik). Weitere genutzte Datenquellen sind amtliche Statistiken (z.B. Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes) sowie verfügbare Diabetesregister (drei regionale Register und eine bundesweite „Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation“-Initiative). Eine wiederkehrende Abbildung der Indikatoren ermöglicht zusätzlich zum Aufbau von Zeitreihen auch eine verbesserte Prognose zur zukünftigen Entwicklung des Krankheitsgeschehens.

Die Ergebnisse wurden in unterschiedlichen Formaten aufbereitet und so für Akteure in Politik, Forschung und Praxis verfügbar gemacht. Dies umfasst bislang eine Webseite zur Diabetes-Surveillance, die zum Weltdiabetestag am 14. November 2019 online gegangen ist. Zusätzlich ist ein erster Diabetesbericht erarbeitet, der als pdf-Version über die Webseite verfügbar ist und in Kürze auch als Druckexemplar sowie als englisch-sprachige pdf-Version vorliegen wird. Fast fertiggestellt sind ein Erklärvideo zur Diabetes-Surveillance sowie eine interaktive Ergebnisvisualisierung und Methodenbeschreibung aller Indikatoren, die ebenfalls über der Webseite abrufbar sein werden. Alle Ergebnisse und Publikationen der Diabetes Surveillance sind einsehbar unter https://diabsurv.rki.de.

Wie geht es mit der Umsetzung einer NCD-Surveillance am RKI weiter?

Als Teil der Forschungsagenda RKI 2025 ist fachgebietsübergreifend in der Abteilung 2 (Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring) das Ziel gesetzt, durch eine Surveillance zu nichtübertragbaren Krankheiten und psychischer Gesundheit im Sinne des UN Nachhaltigkeitsziels 3 zu Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen in Deutschland beizutragen und gesundheitliche Chancengleichheit zu gewährleisten.

Die BMG-Förderung der Diabetes-Surveillance ist für den weiteren Auf- und Ausbau bis Ende 2021 verlängert worden. Gleichzeitig fördert das BMG seit Anfang 2019 bis Ende 2021 den Aufbau einer Mental Health-Surveillance (MH-Surveillance) und bereits seit 2015 bis Ende 2021 ein Vorhaben zur Surveillance umweltbasierter Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Adipositas im Kleinkind- und Schulalter. Nicht zuletzt besteht bereits ein registerbasiertes System zur epidemiologischen Surveillance des Krebsgeschehens – hier wird derzeit überlegt, inwieweit Daten der klinischen Krebsregister zukünftig integriert werden können (siehe Abbildung).

Gesundheitsmonitoring und NCD-/MH-Surveillance in der RKI-Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring (NCD: Non communicable Diseases, MH: Mental Health). Quelle: RKI Gesundheitsmonitoring und NCD-/MH-Surveillance in der RKI-Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring. Quelle: RKI

Auf dieser Grundlage besteht bis Ende 2021 in der Abteilung 2 folgende Arbeitsplanung zum weiteren Ausbau einer NCD-/MH-Surveillance in enger Anbindung an die Weiterentwicklung des kontinuierlichen Gesundheitsmonitorings:

  • Ausbau von Indikatoren und Datengrundlagen in Kooperation mit den Ländern, um ein "minimal data set" für eine regionalisierte Berichterstattung zu erarbeiten;
  • Ausbau von Analysemethoden, hier mit Schwerpunkten auf systematische Bestandsaufnahmen zu Informationslücken in der NCD-/MH-Surveillance und den Ausbau von Know-how zur Modellierung von Zeittrends, Prognosen und der Wirkung von Maßnahmen;
  • Ausbau der Ergebnisdarstellung und -dissemination, einschließlich der Erarbeitung eines Konzeptes zur Nutzenevaluation.

Auf Institutsebene muss und soll sich eine NCD-/MH-Surveillance in das Gesamtkonzept einer Public Health-Surveillance am RKI einordnen. Wichtig dabei sind gemeinsame Themenschwerpunkte und Standards zur Themenpriorisierung zu finden, synergistisch an einem starken „Health Information System“ zu arbeiten und die Ergebnisdissemination effektiv zu gestalten. Als Anlass für eine abteilungsübergreifende Zusammenarbeit kann die gemeinsame Vorbereitung des Robert Koch Colloquiums 2020 mit dem Thema "Public Health Surveillance" dienen.

Stand: 18.12.2019

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