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Auf ein Wort mit Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO: Zur aktuellen Lage und den Aufgaben der STIKO in Zeiten der Corona-Pandemie

Es ist die Aufgabe der STIKO, auf Basis der verfügbaren wissenschaftlichen Daten mit Blick auf den einzelnen Menschen und den größten Nutzen für die gesamte Bevölkerung eine Impfempfehlung auszusprechen. Nun haben die ersten Impfstoffe gegen COVID-19 in Deutschland ihre Zulassung erhalten. Diese stehen jedoch noch nicht in ausreichender Menge zur Verfügung, um allen eine Impfung anbieten zu können. Aufgrund dieser Einschränkung hat die STIKO in der Pandemie erstmals die sehr schwierige Aufgabe, eine Empfehlung zu geben, wem und in welcher Reihenfolge die Impfung zuerst angeboten werden sollte.

Diese Reihung (Priorisierung) unterscheidet dabei nicht nach dem einfachen Kriterium "berechtigt" oder "nicht berechtigt". Man kann vermuten, dass etwa die Hälfte unserer Bevölkerung einen Grund für eine priorisierte Impfung anführen kann. Die STIKO muss versuchen, eine Reihung für die Menschen, entsprechend ihren quantitativen Risiken für eine schwere Erkrankung oder Tod (und nachgeordnet für eine Infektion), zu erarbeiten. Eine solche Priorisierung muss den ethischen Anspruch des Schutzes der Schwächsten erfüllen, dabei größtmögliche Schadensvermeidung für den Einzelnen und die Gemeinschaft sichern, sowie eine möglichst solidarische und gerechte Verteilung zum Nutzen aller berücksichtigen. Beides war und ist die Grundlage der Arbeit der STIKO, entsprechend des im gemeinsamen Positionspapier von STIKO, Deutschem Ethikrat und Leopoldina dargestellten rechtsethischen Rahmen.

Bei ihrer Arbeit zur Priorisierungsempfehlung muss sich die STIKO im genannten Rahmen an die beste verfügbare Datengrundlage halten. Die STIKO wäre sehr schlecht beraten, gäbe sie diese Arbeitsweise auf. Da alle Menschen grundsätzlich gleich zu werten sind, kann "Wertschätzung" oder können "Verdienste" einzelner Menschen oder Gruppen ebenso wenig ein Kriterium der STIKO sein wie "gefühlte" Wahrheiten über Auswirkungen von Impfungen, die nicht durch wissenschaftliche Ergebnisse belegbar sind. Die STIKO muss natürlich Kritik bewerten, bei Verfügbarkeit neuer Erkenntnisse ihre Empfehlung anpassen und Kritik auch aushalten, bis hoffentlich bald Impfstoff in so ausreichender Menge zur Verfügung steht, dass Priorisierung nicht mehr stattfinden muss.

Die Empfehlung zur Priorisierung bei der COVID-19-Impfung erregt manche Gemüter. Seit Wochen erreichen mich persönlich, wie viele andere Menschen, die tatsächlich oder vermeintlich in die Priorisierung eingebunden sind, die Forderung nach Einordnung in eine "höhere Priorisierungsstufe" der STIKO. Dies geschieht entweder als Individuum oder als Interessensvertreter einer Gruppe. Die Forderungen werden manchmal sachlich, manchmal argumentativ anspruchsvoll, manchmal emotional und nicht selten auch "sehr fordernd" vorgetragen.

Vielen dieser Forderungen nach einer Veränderung der Priorisierung ist gemeinsam, dass sie den Anspruch einzelner Menschen oder einzelner Gruppen fest im Auge haben, aber nicht gleichzeitig den berechtigten Anspruch anderer, besonders gefährdeter Menschen oder Gruppen. Einfach gesagt, wird Solidarität gefordert, die dazu führt, dass man als Einzelner oder Gruppe etwas bekommt. Die zweite wichtige Seite der Solidarität – dass man auf etwas zugunsten anderer verzichtet –, bleibt dabei unberücksichtigt. Es ist klar, dass eine bloße zahlenmäßige Vergrößerung der oberen Priorisierungsstufen bei eingeschränkter Impfstoffverfügbarkeit unsinnig ist, da sie faktisch nicht für alle in den Gruppen zu einem früheren Impfzeitpunkt führen kann. Eine Forderung nach höherer Eingruppierung müsste im Grunde mit der Aussage verbunden werden, welche Gruppe stattdessen "heruntergestuft" werden soll.

Die STIKO ist unabhängig und ihre Empfehlung basiert auf dem aktuellen Wissensstand. Eine Einflussnahme auf die Priorisierungsempfehlung fand nicht statt. Die Empfehlung wird fortlaufend durch die STIKO aktualisiert werden, im Sinne einer "Living Guideline". Dies geschieht, sobald zusätzliche Impfstoffe in Deutschland verfügbar sind oder neue relevante Erkenntnisse bekannt werden. Die Publikation jeder Aktualisierung erfolgt wie üblich ebenfalls im Epidemiologischen Bulletin und wird auf der RKI-Webpage bekannt gegeben. Durch die Zulassung von mehr Impfstoffen und die Verfügbarkeit von größeren Impfstoffmengen wird die Priorisierung an Bedeutung verlieren. Bis dahin werden wir Solidarität und auch Geduld brauchen.

Thomas Mertens
Februar 2021

Stand: 23.02.2021

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