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Ab 2001: EHEC und die Detektive

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Den Geruch kennt fast jeder: Bockshornklee-Samen kommen oft in Gewürzmischungen vor. Quelle: © RKI Den Geruch kennt fast jeder: Bockshornklee-Samen kommen oft in Gewürzmischungen vor. Quelle: RKI

Das besondere Stück ist eine kleine Flasche mit dunklen Körnchen, die leise klappern, wenn man sie schüttelt. Auf den ersten Blick, sagt Reinhard Burger, würde wohl kaum einer die Körnchen zuordnen können – ihren Geruch kennt aber fast jeder von Gewürzmischungen. Es sind Bockshornklee-Samen. Sie stammen aus genau der Charge aus Ägypten, die 2011 in Norddeutschland den bislang schwersten EHEC-Ausbruch der Welt verursacht hat.

Reinhard Burger stand 14 Jahre lang an der Spitze des Robert Koch-Instituts. Seit 2001 war er Vizepräsident, von 2010 bis 2015 hat er das Institut geleitet. In dieser Zeit hat der Immunologe so manchen Ausbruch erlebt. Die Angst vor BSE, die SARS Epidemie in Asien 2003. Die Vogelgrippe H5N1 im Jahr 2006, die Influenza-Pandemie von 2009. Der große Norovirus-Ausbruch durch kontaminiertes Schulessen 2012, Ebolafieber in Westafrika 2014 – von dem Deutschland glücklicherweise nicht betroffen war. Doch EHEC, im Frühsommer 2011, war etwas Besonderes. „Es ging damals ganz akut los, praktisch über Nacht. Jeden Tag gab es neue Meldungen über Erkrankungen. Menschen sind gestorben“, sagt Reinhard Burger. Sieben Wochen lang hielt der Ausbruch das Land in Atem. Für das RKI war es ein Wettlauf gegen die Zeit. „Der Druck, die Erwartungen seitens der Fachkreise und der Öffentlichkeit, den Ausbruch aufzuklären, waren enorm. Solche Ereignisse stellen ein Institut auf die Probe. Erst dann zeigt sich, ob es funktioniert.“

Blutige Durchfälle und Nierenversagen

EHEC – enterohämorrhagische E. coli – kommen normalerweise bei Wiederkäuern wie Rindern und Ziegen vor. Menschen infizieren sich mit den Bakterien über nicht erhitzte Lebensmittel, meist über rohes Fleisch oder ungekochte Milch. Die Folgen sind teils blutige Durchfälle. Einige Patienten entwickeln ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS): ihre Blutgerinnung ist gestört, die Nieren versagen. EHEC-Infektionen und HUS treffen vor allem Kinder; und genauso scheint es zunächst auch im Mai 2011 in Hamburg zu sein.

Doch EHEC, im Frühsommer 2011, war etwas Besonderes. „Es ging damals ganz akut los, praktisch über Nacht. Jeden Tag gab es neue Meldungen über Erkrankungen. Menschen sind gestorben.“

Die erste Ausbruchsmeldung erreicht das RKI am Freitag, den 19. Mai 2011. Die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz bittet das Institut, sie bei der Untersuchung von drei HUS-Fällen bei Kindern zu unterstützen. Noch am selben Tag nehmen die Infektionsepidemiologen aus dem RKI ihre Arbeit in der Hansestadt auf. Gleichzeitig beginnen RKI-Kollegen in Wernigerode damit, den genauen Ausbruchsstamm aus Patientenproben zu isolieren. Die EHEC-Epidemie ist zu diesem Zeitpunkt – wie man heute weiß – bereits seit drei Wochen im Gange.

Vier Tage später ist der Erreger identifiziert: O104:H4. Im Gegensatz zu anderen EHEC-Erregern wurde dieser Stamm bislang nur ganz vereinzelt bei Menschen nachgewiesen, noch nie bei einem Tier. Außerdem hat O104:H4 spezielle Fähigkeiten, um sich fest an die Darmschleimhaut anzuheften – „praktisch Schichten zu bilden“, sagt Burger – und Shigatoxine freizusetzen. Und noch etwas ist ungewöhnlich: Wie sich herausstellt, sind in Hamburg offenbar vor allem Erwachsene am HUS erkrankt, darunter auffallend viele Frauen. Und die Fallzahlen steigen weiter. „Die große Frage war: Woher kam dieser Erreger“, sagt Reinhard Burger. Nur wenn man die Quelle kennt, kann man den Ausbruch stoppen. Die Detektivarbeit beginnt. „Und das Ganze in einer Atmosphäre, in der die Verunsicherung der Bevölkerung beinahe stündlich größer wurde.“

Ursachenforschung in Hamburg

Krankheitsausbrüche, die durch Lebensmittel hervorgerufen werden, sind besonders heikel. Jeder Mensch muss essen. Jeder ist potenziell gefährdet. Über den Zeitraum, in dem die Infektion stattgefunden haben könnte, haben die Menschen viele verschiedene Produkte und Zutaten zu sich genommen. Oft lässt sich das eigentliche Vehikel des Ausbruchs in der schieren Masse erst nach Wochen aufspüren – wenn überhaupt. Die Infektionsepidemiologen des RKI beginnen damit, die betroffenen Lebensmittel einzugrenzen. Sie schwärmen in Hamburger Kliniken aus, fragen Patienten, was sie in den letzten Tagen gegessen haben und vergleichen diese Daten mit Kontrollgruppen – Menschen der gleichen Altersgruppe und sozialen Schicht, die nicht an EHEC erkrankt sind.

„Die üblichen Verdächtigen wie rohes Fleisch und Milch ließen sich schnell ausschließen“, berichtet Burger. Doch die Erkrankten hatten öfter Salat, Tomaten und Gurken gegessen als gesunde Studienteilnehmer. Was nicht automatisch bedeutet, dass eines dieser drei Lebensmittel tatsächlich die Ausbruchsursache sein muss. Es kann auch eine andere Zutat verantwortlich sein. Das RKI und das Bundesinstitut für Risikobewertung empfehlen, auf rohe Gurken, Tomaten und Blattsalate vorsichtshalber zu verzichten. Es ist der 25. Mai 2011.

Am 26. Mai 2011 verkündet die Hamburger Gesundheitssenatorin, dass auf einer aus Spanien importierten Gurke EHEC gefunden worden sei.

Doch immer mehr Menschen erkranken. Allein in Hamburg sind es hunderte. Manche HUS-Patienten leiden an schweren neurologischen Störungen, eine spezielle Behandlung gibt es nicht. „Die Krankenhaus-Kapazitäten waren völlig erschöpft. Alle Betten waren belegt, weil es so schnell ging“, sagt Burger. Von Norddeutschland aus werden auch Fälle in andere Regionen Deutschlands, nach Skandinavien und in die USA importiert. Die Befragungen laufen auf Hochtouren. Verdächtige Lebensmittel werden gesammelt und beprobt. Das RKI und andere Bundes- und Landesbehörden arbeiten an ihrer Leistungsgrenze – der Druck, Informationen zu liefern, wächst. Am 26. Mai 2011 verkündet die Hamburger Gesundheitssenatorin, dass auf einer aus Spanien importierten Gurke EHEC gefunden worden sei und der Verzehr verunreinigter Gurken viele der HUS-Fälle in Hamburg erklären würde. Tage später stellt sich heraus: Auf der spanischen Gurke ist zwar tatsächlich EHEC nachgewiesen worden. Aber nicht der für den Ausbruch verantwortliche Stamm O104:H4.

Zutatenlisten führen auf die richtige Spur

Den Durchbruch bringen zwei Wochen später Informationen von Gruppen, die gemeinsam essen gingen und von denen einige an EHEC erkrankt sind. „Einige der Gruppen sind im selben Restaurant gewesen“, sagt Reinhard Burger. Die Infektionsepidemiologen fragen den Chefkoch nach der Zutatenliste für die Gerichte an jenem Tag. Über manche Gerichte waren Bockshornkleesprossen gestreut. Es sind nur Restaurantgäste erkrankt, die eines dieser Gerichte gegessen hatten. Alle anderen nicht.

"Sprossen sind das, was man in den USA ein ‚Stealth Food‘ nennt“, sagt Burger. Tarnkappenessen. Man nimmt sie nicht wahr. Die Infektionsepidemiologen hatten die Erkrankten in Hamburg schon früh nach Sprossen gefragt, doch kaum einer hatte angegeben, welche gegessen zu haben. Die meisten haben sich schlicht nicht an sie erinnert. Am 10. Juni 2011 empfehlen die Behörden, keine rohen Sprossen mehr zu verzehren und noch vorhandene Sprossen zu vernichten. Die Samen, aus denen die Sprossen gezogen wurden, führen die Lebensmittelbehörden schließlich auf eine Charge aus Ägypten zurück; sie werden aus dem Verkehr gezogen.

Der Ausbruch hat weit über 100 RKI-Mitarbeiter wochenlang beschäftigt – darunter praktisch die gesamte Abteilung für Infektionsepidemiologie.

„Was leider nie gelungen war: den Erreger im Samen selbst nachzuweisen“, sagt Burger. „Die Liefercharge aus Ägypten bestand allerdings aus 15.000 Kilogramm dieser Samen. Es ist sehr unwahrscheinlich, da die einzelnen kontaminierten Körnchen zu finden.“ Anfang Juli 2011 wird der letzte EHEC-Fall gemeldet. Drei Wochen später, am 26. Juli 2011, erklärt das Robert Koch-Institut den Ausbruch für beendet.

Folgen des Ausbruchs

Während des EHEC-Ausbruchs in Norddeutschland erkrankten rund 4.000 Menschen, 800 entwickelten ein hämolytisch-urämisches Syndrom. Über 50 Patienten starben. Das RKI war mit insgesamt 13 Teams vor Ort und hat dabei mehr als 28 verschiedene Studien durchgeführt. Der Ausbruch hat weit über 100 RKI Mitarbeiter wochenlang beschäftigt – darunter praktisch die gesamte Abteilung für Infektionsepidemiologie. Die Pressestelle hat in dieser Zeit mehr als 1.800 Presse- und fast 4.600 Bürgeranfragen beantwortet.

Weil viele in der Hochphase des Ausbruchs einen Bogen um Salat und rohes Gemüse gemacht hatten, erlitten die Erzeuger finanzielle Einbußen: Die EU-Kommission beziffert allein die Einnahmeausfälle in der Europäischen Union auf mehr als 800 Millionen Euro. Der gesamte wirtschaftliche Schaden des Ausbruchs beläuft sich auf rund 1,6 Milliarden Euro. Ein deutscher Rucola-Produzent verklagte das RKI sogar auf Schadensersatz, weil es angeblich zu Unrecht und zu breit vor Salat, Gurken und Tomaten gewarnt habe. „Dabei ist das die Aufgabe des RKI: die Bevölkerung vor Gesundheitsrisiken schützen – nach bestem Wissen“, sagt Burger. Dass die Informationen damals recht unspezifisch waren, sei den Fachleuten des RKI bewusst gewesen. Sie haben damit aber Menschenleben gerettet, sagt Burger. Die Klage wurde vor Gericht abgewiesen.

O104:H4 ist seit dem Ausbruch in Norddeutschland verschwunden. Wo der Erreger seinen Ursprung hatte, wie er in Ägypten auf die Sprossensamen gelangt ist, und ob es vielleicht doch ein Tierreservoir gibt, ist bis heute unklar. Niemand weiß, ob O104:H4 eines Tages wiederkommt.

Stand: 16.10.2017

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