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1911 - 1920 Die Bekämpfung der Schlafkrankheit – Kleine und Koch in Afrika

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Die Bronzefigur war ein Abschiedsgeschenk an den Tropenmediziner Friedrich Karl Kleine - zum Dank für seine Bemühungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Schlafkrankheit in Deutsch-Ostafrika einzudämmen. Quelle: RKI Die Bronzefigur war ein Abschiedsgeschenk an den Tropenmediziner Friedrich Karl Kleine - zum Dank für seine Bemühungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Schlafkrankheit in Deutsch-Ostafrika einzudämmen. Quelle: RKI

Im Museum des Robert Koch-Instituts kann man sie leicht übersehen. Den Askari, den ostafrikanischen Soldaten, der mit entschlossenem Blick vorwärts marschiert. Und den Reiter auf seinem Pferd, mit Pluderhose, Turban und Waffe über der Schulter. Die dunklen Bronzefiguren sind Abschiedsgeschenke an den Tropenmediziner Friedrich Karl Kleine, zum Dank für seine Bemühungen, die Schlafkrankheit in Deutsch-Ostafrika und Kamerun einzudämmen. In Kamerun war Kleine von 1914 bis 1916.

Tatsächlich sollte es aber noch einige Jahre dauern, bis er die Krankheit besiegen konnte. Ein abgestoßenes Holzschächtelchen mit Bayer-Logo, darin braune Ampullen mit einem weißen Pulver: „Germanin“ – oder auch „Bayer 205“ – war das erste Medikament, mit dem sich die Schlafkrankheit in den 1920er Jahren vollständig heilen ließ. „Das Mittel war ein Meilenstein in der Bekämpfung der Tropenkrankheiten“, sagt Klaus Janitschke, ehemaliger Leiter des Fachgebiets Klinische Parasitologie des Robert Koch-Instituts. Doch der Weg dorthin war steinig, und er führte durch das wohl dunkelste Kapitel in der Karriere des Institutsgründers Robert Koch: Seine Schlafkrankheits-Heilversuche mit Atoxyl in Ostafrika.

Begeißelte Parasiten im Blut

Die Schlafkrankheit kommt hauptsächlich in den tropischen Regionen Afrikas vor. Ausgelöst wird sie durch Trypanosomen, das sind winzige, begeißelte Parasiten – im Blutausstrich von Infizierten sieht man sie durch das Gewühl an roten Blutkörperchen schlängeln, erzählt Janitschke. Es gibt verschiedene Arten von Trypanosomen: manche befallen Rinder, manche Krokodile oder andere Wildtiere.

Die dunklen Bronzefiguren sind Abschiedsgeschenke an den Tropenmediziner Friedrich Karl Kleine, zum Dank für seine Bemühungen, die Schlafkrankheit in Deutsch-Ostafrika und Kamerun einzudämmen.

Für Infektionen beim Menschen ist Trypanosoma brucei verantwortlich. Der Parasit wird durch Tsetsefliegen verbreitet, Stechfliegen, die in Ostafrika überwiegend in den Trockengebieten leben. Wenn die Fliegen das Blut eines infizierten Menschen gesaugt haben, können sie die Trypanosomen zwar nicht sofort weitergeben – im Insektenkörper muss der Parasit erst einen komplizierten Entwicklungszyklus durchlaufen – doch nach drei Wochen werden die Fliegenstiche für den Menschen gefährlich. Die Einstichstelle schwillt Wochen später massiv an. Die Trypanosomen fluten das Lymphsystem; sie gehen ins Blut über, führen zu Fieber, Ödemen, Herzrasen. Nach Monaten, manchmal auch erst nach Jahren dringen die Parasiten ins zentrale Nervensystem vor. Erst dämmern die Patienten nur vor sich hin. Dann sterben sie. „Daher der Name: Schlafkrankheit“, sagt Klaus Janitschke.

Expedition nach Deutsch-Ostafrika

Anfang des 20. Jahrhunderts, zu Robert Kochs Zeiten, liegen die Details der Schlafkrankheit noch weitgehend im Dunkeln. Was man weiß ist: Die Last der Schlafkrankheit wiegt schwer. Allein in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, vor allem rund um den Viktoriasee, fordert sie hunderttausende Todesopfer.

1906 macht sich eine Gruppe um Robert Koch im Auftrag der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes und des Reichsgesundheitsrats auf den Weg in die Kolonie. Mit dabei ist auch Kochs langjähriger Mitarbeiter, der Königlich Preußische Oberarzt Friedrich Karl Kleine. Die Wissenschaftler sollen die Situation vor Ort beschreiben, die von der Schlafkrankheit am schwersten betroffenen Gebiete identifizieren und Therapiemöglichkeiten ausloten. „Nicht zuletzt ging es darum, die Arbeitskräfte und Soldaten vor Ort zu erhalten“, sagt Janitschke.

Koch und seine Kollegen schlagen ihr Forschungslager auf den britisch-ostafrikanischen Sese-Inseln auf. Innerhalb weniger Jahre sind hier mehr als 20.000 Menschen der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen – fast zwei Drittel aller Inselbewohner. Die Wissenschaftler haben auch potenzielle Kandidaten zur Behandlung der Erkrankung im Expeditionsgepäck: darunter Atoxyl, ein arsenhaltiges Mittel, mit dem damals Haut-, Blut- und Nervenkrankheiten therapiert werden.

Schwerste Nebenwirkungen durch Atoxyl

Schlafkranke werden, leblos in Laken an einem Stock hängend, zu den Forschern gebracht, erzählt Klaus Janitschke. Familien errichten Hütten in der Nähe des Lagers. Bald untersuchen und behandeln die Ärzte aus Deutschland mehr als 1.000 Patienten pro Tag. Robert Koch setzt – wie auch britische Tropenmediziner – auf Atoxyl. Die arsenhaltige Arznei vermag die Krankheitssymptome offenbar zu lindern. Doch im Blut leben die Parasiten weiter. „Die Patienten erlitten Rückfälle, weil das Mittel nicht lange genug wirksam war“, sagt Klaus Janitschke. Daraufhin verdoppelt Koch die Dosis – obwohl er um die Risiken des Mittels weiß. Die Folgen sind fatal: Viele Patienten leiden an Schmerzen und Koliken, manche erblinden sogar. Jeder zehnte Patient stirbt. 1907 tritt Koch die Heimreise an; zu seinem Nachfolger und Leiter der Schlafkrankheitsbekämpfung in Afrika wird Friedrich Karl Kleine ernannt. Vom Nutzen des Atoxyls ist Robert Koch unverständlicherweise immer noch überzeugt. Zurück in Berlin schlägt er dem Reichsgesundheitsamt vor, eigene Lager für Schlafkranke zu errichten und Atoxyl konsequent zu nutzen. Kochs letzte Forschungsreise ist gleichzeitig seine unrühmlichste.

Koch und seine Kollegen schlagen ihr Forschungslager auf den britisch-ostafrikanischen Sese-Inseln auf. Innerhalb weniger Jahre sind hier mehr als 20.000 Menschen der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen – fast zwei Drittel aller Inselbewohner.

An einer geringer dosierten Atoxyl-Therapie und anderen arsenhaltigen Präparaten wird im Kampf gegen die Krankheit tatsächlich noch jahrelang festgehalten. Doch der Druck, ein wirksameres Medikament zu finden, ist groß. Eine fieberhafte Suche beginnt. Paul Ehrlich etwa, berichtet Klaus Janitschke, entdeckt dabei eher zufällig ein Mittel gegen die Syphilis, das bis heute eingesetzt wird.

„Germanin“: Ein Meilenstein im Kampf gegen Tropenkrankheiten

Der Durchbruch gelingt schließlich einem ehemaligen Mitarbeiter von Paul Ehrlich, der 1916 den Wirkstoff „Bayer 205“ entwickelt, später „Germanin“ genannt. 1921 testet es Friedrich Karl Kleine erstmals an Schlafkranken in Nordrhodesien, dem heutigen Sambia. Das weiße Pulver – die Tropenmediziner haben 30 Kilogramm dabei – wird vor Ort in Regenwasser aufgelöst und tausenden Erkrankten injiziert. Die Heilungsrate beträgt fast 100 Prozent. „Bayer 205“ war damals das erste echte Tropenmittel, das auf den Markt kam und breite Anwendung fand. „Es war ein Meilenstein in der Bekämpfung von Tropenkrankheiten“, sagt Klaus Janitschke. Kleines Freund Robert Koch erlebte den Therapie-Erfolg nicht mehr. Er war 1910 gestorben.

1933 wird Friedrich Karl Kleine Präsident des Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten „Robert Koch“. Doch immer wieder zieht es ihn in den Süden: „Nach Abreise blieb die neu genährte Sehnsucht nach Afrika. Nach seiner strahlenden Sonne und seiner großen Freiheit“, schreibt er. Kleine bekämpft weiter Schlafkrankheitsherde, erforscht das durch Zecken übertragene Rückfallfieber und, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, die Maul- und Klauenseuche am veterinärmedizinischen Forschungsinstitut in Onderstepoort nahe dem südafrikanischen Pretoria. 1947 siedelt der Wissenschaftler mit seiner Frau ganz nach Kapstadt über. Er ist nach Kriegsende der erste deutsche Gelehrte, dem die damalige Südafrikanische Union eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erteilt – seiner Verdienste um das Gesundheitswesen des Landes wegen. Anfang der Fünfzigerjahre stirbt Friedrich Karl Kleine in Johannesburg.

Die Schlafkrankheit kommt auch heute noch rund um den Viktoriasee vor. „Bayer 205“, oder „Germanin“, heißt jetzt „Suramin“, es wird immer noch verwendet. Doch die Bekämpfungsmaßnahmen werden durch politische Unruhen oft erschwert. „Auch heute noch gibt es hunderttausende Betroffene in der Region. Ab und zu infiziert sich auch ein Tourist“, sagt Janitschke.

Der Durchbruch gelingt schließlich einem ehemaligen Mitarbeiter von Paul Ehrlich, der 1916 den Wirkstoff „Bayer 205“ entwickelt, später „Germanin“ genannt.

Die Urne Friedrich Karl Kleines, ein Zinkkästchen mit seinem Namen, ist in Johannesburg bestattet. Er hinterließ dem Robert Koch-Institut Geld, mit dem Aufenthalte von RKI-Wissenschaftlern im veterinärmedizinischen Forschungsinstitut in Onderstepoort in Südafrika finanziert werden sollen. Klaus Janitschke nahm das Angebot an: Anfang der 1980er Jahre forschte er dort ein halbes Jahr an Toxoplasmose-verwandten Parasiten.

Stand: 16.10.2017

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