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Ständige Impfkommission (STIKO)

Dr. Jan Leidel, Vorsitzender der STIKODr. Jan Leidel, Vorsitzender der STIKO Quelle: privat

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr herzlich möchte ich Sie auf der Website der Ständigen Impf­kommission (STIKO) begrüßen. Die STIKO möchte durch ihren Internet­auftritt die Trans­parenz ihres Vor­gehens verbessern, die Gründe für ihre Emp­feh­lungen und Stellung­nah­men vor allem für die Fach­öffent­lich­keit, aber auch für interes­sierte Bürge­rinnen und Bürger noch nach­voll­zieh­barer und ver­ständ­licher machen und Infor­ma­tionen darüber geben, warum Schutz­imp­fungen auch heute noch so wichtig sind, auch in unserem Land, in dem manche früher gefürch­teten Krank­heiten gerade wegen der Imp­fungen selten ge­worden sind und viel von ihrem Schrecken verloren haben.

Auch 2016 sind im August die aktuellen Emp­feh­lungen der STIKO erschienen. Hin­sicht­lich der Impf­emp­feh­lungen stehen Präzi­sie­run­gen bei der Indi­kations­impfung gegen Pneumo­kokken im Vorder­grund. Bei der Standard­impfung der ab 60-jäh­rigen bleibt die STIKO nach sorg­fältiger und um­fas­sender Be­wer­tung der publi­zierten Daten bei der präferen­tiellen Emp­feh­lung des 23-valenten Poly­saccharid-Impf­stoffs. Hierzu wird es eine aus­führ­liche wissen­schaft­liche Be­grün­dung geben. Es gibt über­ar­bei­tete Hin­weise zur Auf­klärungs­pflicht vor einer Schutz­impfung, zum Um­gang mit Liefer­eng­pässen bei Impf­stoffen und Hin­weise zur Schmerz- und Stress­re­duktion bei Imp­fungen. Die STIKO hat jetzt auch gemäß ihres zweiten gesetz­lichen Auftrags Kriterien zur Ab­gren­zung einer üb­li­chen Impf­reak­tion von dem melde­pflich­tigen (!) Ver­dacht auf eine mögliche Impf­kompli­kation ver­öf­fent­licht. Diese Kriterien waren vorher auf dem Melde­formular ab­ge­druckt. Da es ge­le­gent­lich Rück­fragen gab, hat die STIKO die Kriterien nun erstmals in die Emp­feh­lungen auf­g­enommen und dabei auch gering­fügig aktualisiert.

Aber wieder wird es einige geben, die ver­wundert, vielleicht auch ent­täuscht sind, weil nicht alle neuen Impf­mög­lich­keiten im aktuellen Impf­kalender zu finden sind. Ich denke hier besonders an die Impfung gegen Meningo­kokken B oder die Imp­fung gegen Herpes Zoster. Daher möchte ich ver­suchen zu er­läutern, warum dies so ist und wodurch sich die Emp­fehlun­gen der STIKO z.B. von der arznei­mittel­recht­lichen Zulassung der Impf­stoffe unter­scheiden.

Die 1972 erfolgte Bildung der Ständigen Impf­kommission (STIKO) stand im Zu­sammen­hang mit der 1971 fest­ge­legten und auch heute noch gemäß dem Infektions­schutz­gesetz (IfSG) gültigen Ent­schädi­gungs­regelung bei einem etwaigen „Impf­schaden“. Die obers­ten Länder­ge­sund­heits­be­hörden sprechen danach „öffent­liche Emp­feh­lungen“ für bestimmte Schutz­imp­fungen aus. Diese be­deuten zwei­erl­ei: Zum einen den drin­gen­den Rat an die Bürge­rinnen und Bürger, sich bzw. ihre Kinder im eigenen, aber besonders auch im Interesse der All­ge­mein­heit gegen be­stimmte über­trag­bare Krank­heiten impfen zu lassen. Zum anderen ist die „öffent­liche Emp­fehlung“ die Vor­aus­set­zung für staat­liche Ver­sor­gungs­leis­tungen bei einem etwaigen Gesund­heits­schaden durch eine solche Impfung.

Diese Zusage einer staat­lichen Ent­schä­digung ist in der Medizin un­ge­wöhn­lich. Es gibt sie weder bei un­er­wün­schten Wir­kungen von thera­peu­tisch ein­ge­setzten Arznei­mitteln, noch bei Kompli­ka­tionen inva­siver Ein­griffe, sondern aus­schließ­lich bei öffent­lich empfoh­lenen Schutz­impfungen. Der Grund hierfür ist das besondere „öffent­liche Interesse“ an bestimmten Schutz­impfungen, da diese neben dem indivi­duellen Schutz des Impflings auch eine Schutz­wirkung auf Be­völ­ke­rungs­niveau entfalten („Herden­immunität“).

Nach dem Infektionsschutzgesetz sind die Empfehlungen der STIKO nach wie vor die Grund­lage für die öffentl­ichen Emp­feh­lungen der Bundes­länder. Schon daraus wird deutlich, dass bei den Ent­schei­dungen der STIKO das öffent­liche Inte­resse an einer Schutz­impfung einen er­heb­lichen Stellen­wert hat. Es geht bei den Emp­feh­lungen der STIKO also nicht vor­rangig darum, Einzel­per­sonen mög­lichst um­fassend zu schützen, sondern eine Impf­strategie als Public-Health-Maß­nahme so zu gestalten, dass mög­lichst viele Fälle von Er­kran­kung, Tod und blei­ben­den Schäden vermie­den werden.

Dies aber muss nach dem Anspruch, den die STIKO selbst an sich stellt, auf der Basis der besten ver­füg­baren Evi­denz ge­sche­hen. Um das zu er­rei­chen und die Ent­schei­dungen der STIKO nach­voll­zieh­bar und trans­parent zu machen, hat sie im Jahr 2011 eine Standard­vor­gehens­weise für die sys­te­ma­tische Ent­wick­lung von Impf­emp­feh­lungen (SOP) ver­ab­schie­det, die auf dieser Website unter „Aufgaben und Methodik“ veröffentlicht ist.

Am Beispiel der Impfung gegen Meningo­kokken der Sero­gruppe B möchte ich nun deut­lich machen, dass für eine quali­fi­zierte Emp­fehlung Kennt­nisse und Daten er­for­der­lich sind, über die wir noch nicht in aus­rei­chen­dem Maße verfügen, die aber für eine Ent­schei­dung auf Bevöl­kerungs­ebene von aus­schlag­gebender Rele­vanz sind (siehe dazu auch die Mit­tei­lun­gen der STIKO im Epid Bull 36/2014 (PDF, 150 KB, Datei ist nicht barrierefrei) und 37/2015 (PDF, 160 KB, Datei ist nicht barrierefrei)).

So ist es z.B. wichtig zu wissen, wie wirk­sam die Impfung tat­säch­lich in Be­zug auf die Ver­hin­derung inva­siver Meningo­kokken-B Infek­tionen ist (der ver­füg­bare Impf­stoff wurde auf Basis von Immuno­geni­täts­daten zu­ge­lassen), wie lang die Dauer der Immuni­tät an­hält und welche Effekte der Impf­stoff auf die Be­sied­lung der Schleim­häute im Nasen-Rachen­raum hat. Da asymp­to­ma­tische Meningo­kokken-Träger die haupt­säch­liche Infektions­quelle für andere Menschen darstellen, wäre die Ver­hin­derung der Be­sied­lung eine Vor­aus­setzung für einen mög­lichen Herden­schutz und damit für das öffent­liche Interesse. Nur wenn valide Daten bekannt sind, lässt sich z.B. be­rech­nen, wie groß die „Number needed to vaccinate“ (NNV) in etwa ist, wie viele Personen (z.B. Säuglinge) also geimpft werden müssen, um einen E­rkran­kungs­fall zu verhindern.

Vor dem Hintergrund einer derzeit sehr niedrigen Inzidenz (ca. 3 Meningo­kokken-B Fälle pro 100.000 Kinder im Alter <3 Jahre) einerseits und einer vor­aus­sicht­lich sehr großen NNV anderer­seits muss bei der Ab­wägung von Nutzen und Risiken der Imp­fung auf Be­völ­ke­rungs­ebene be­son­derer Wert auf die Sicher­heit der Impfung, ins­be­sondere hin­sicht­lich seltener aber schwer­wiegender Neben­wirkungen, gelegt werden. An­ge­sichts dieser Lücken in unseren Kennt­nissen, sieht die STIKO sich aktuell nicht in der Lage zu ent­scheiden, ob diese Impfung als Standard­impfung allen Kindern (und falls ja in welcher Alters­gruppe) zu empfehlen ist. Daher wird sie zunächst nur für besonders gefährdete Personen als Indikations­impfung von der STIKO empfohlen, die jedoch fort­laufend neu publizierte Daten zum Impf­stoff bewertet.
Allerdings kann ein Arzt durchaus über die STIKO-Emp­feh­lungen hinausgehen und eine Meningo­kokken-B Impfung z.B. bei einem gesunden Kind unter Berück­sich­tigung des indivi­duellen Risikos und Nutzen durch­führen. Folgende Über­le­gungen spielen dann eine Rolle:

Invasive Meningo­kokken­er­kran­kungen (IME) sind lebens­be­droh­liche Er­kran­kungen. Bei ins­ge­samt nie­dri­ger Inzi­denz werden die meisten IME (70%) bei uns in Deutsch­land durch Meningo­kokken der Sero­gruppe B ver­ur­sacht. Es gibt einen zu­ge­las­senen und ver­füg­ba­ren Impf­stoff. Zugelassen heißt, dass Wirk­sam­keit und Sicher­heit gemäß der gel­ten­den hohen Stan­dards und auf Basis der ein­ge­reichten Studien mit posi­ti­vem Ergebnis geprüft worden sind. Ein Arzt, für den der indi­viduelle Schutz seines Patienten im Vorder­grund steht und der die Lebens­um­stände seines Patienten kennt, kann im begründeten Fall diesen oder seine Sorge­be­rech­tigten auf die Impfung sowie mögliche Risiken hin­weisen und die Impfung durch­führen, um dieses Kind auf indivi­dueller Ebene zu schützen.

Ich möchte nochmals daran erinnern, dass die STIKO immer wieder deut­lich macht, dass über ihre Emp­feh­lungen hinaus auf der Basis der exis­tie­ren­den Impf­stoff-Zulas­sungen weitere „Impf­indi­ka­tionen“ möglich sind, die für den Einzelnen sinn­voll sein können. Es liegt in der Ver­ant­wortung des Arztes, seine Patienten auf diese weiteren Schutz­mög­lich­keiten hin­zu­weisen. Insofern hindert auch eine fehlende STIKO-Emp­feh­lung den Arzt nicht an einer begründeten Impfung.

Mit herzlichen Grüßen
Dr. Jan Leidel

Stand: 29.08.2016

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