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Ständige Impfkommission (STIKO)

Dr. Jan Leidel, Vorsitzender der STIKODr. Jan Leidel, Vorsitzender der STIKO Quelle: privat

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr herzlich möchte ich Sie auf der Website der Ständigen Impf­kom­mis­sion (STIKO) begrüßen. Die STIKO möchte durch diesen Inter­net­auftritt die Trans­pa­renz ihres Vorgehens verbessern, die Gründe für ihre Empfehlungen und Stel­lung­nahmen vor allem für die Fach­öf­fent­lich­keit, aber auch für inte­res­sier­te Bürgerinnen und Bürger noch nach­voll­zieh­barer und ver­ständ­li­cher machen und Informationen darüber geben, warum Schutz­imp­fun­gen auch heute noch so wichtig sind, auch in unserem Land, in dem manche früher gefürchteten Krank­heiten gerade wegen der Impfungen selten geworden sind und viel von ihrem Schrecken verloren haben.

Auch 2015 sind im August die aktuellen Empfehlungen der STIKO er­schie­nen. Und wieder wird es einige geben, die verwundert, vielleicht auch enttäuscht sind, weil nicht alle neuen Impf­mögl­ich­kei­ten im aktuellen Impfkalender zu finden sind. Ich denke hier besonders an die Impfung gegen Meningokokken B, die Impfung gegen Herpes Zoster oder die regelhafte Einbeziehung des Konju­gat­impfstoffs gegen Pneumokokken in die Emp­feh­lung für die Menschen ab 60 Jahren. Daher möchte ich versuchen zu erläutern, warum dies so ist und wodurch sich die Empfehlungen der STIKO z.B. von der arzneimittelrechtlichen Zulassung der Impfstoffe unterscheiden.

Die 1972 erfolgte Bildung der Ständigen Impfkommission (STIKO) stand im Zusammenhang mit der 1971 festgelegten und auch heute noch gemäß dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) gültigen Entschädigungsregelung bei einem etwaigen „Impfschaden“. Die obersten Ländergesundheitsbehörden sprechen danach „öffentliche Empfehlungen“ für bestimmte Schutz­imp­fungen aus. Diese bedeuten zweierlei: Zum einen den dringenden Rat an die Bürgerinnen und Bürger, sich bzw. ihre Kinder im eigenen, aber besonders auch im Interesse der Allgemeinheit gegen bestimmte übertragbare Krankheiten impfen zu lassen. Zum anderen ist die „öffentliche Empfehlung“ die Voraussetzung für staatliche Versorgungsleistungen bei einem etwaigen Gesundheitsschaden durch eine solche Impfung.

Diese Zusage einer staatlichen Entschädigung ist in der Medizin ungewöhnlich. Es gibt sie weder bei unerwünschten Wirkungen von therapeutisch eingesetzten Arzneimittel, noch bei Komplikationen invasiver Eingriffe, sondern aus­schließ­lich bei öffentlich empfohlenen Schutz­imp­fun­gen. Der Grund hierfür ist das besondere „öffentliche Interesse“ an bestimmten Schutzimpfungen, da diese neben dem individuellen Schutz des Impflings auch eine Schutzwirkung auf Bevöl­ke­rungs­niveau entfalten („Herdenimmunität“).

Nach dem Infektionsschutzgesetz sind die Empfehlungen der STIKO nach wie vor die Grundlage für die öffentlichen Empfehlungen der Bundesländer. Schon daraus wird deutlich, dass bei den Entscheidungen der STIKO nach wie vor das öffent­liche Interesse an einer Schutzimpfung einen erheblichen Stellenwert hat. Es geht bei den Empfehlungen der STIKO also nicht vorrangig darum, Einzel­per­so­nen möglichst umfassend zu schützen, sondern eine Impfstrategie als Public-Health-Maßnahme so zu gestalten, dass möglichst viele Fälle von Erkrankung, Tod und bleibenden Schäden vermieden werden.

Dies aber muss nach dem Anspruch, den die STIKO selbst an sich stellt, auf der Basis der besten verfügbaren Evidenz geschehen. Um das zu erreichen und die Entscheidungen der STIKO nachvollziehbar und transparent zu machen, hat sie im Jahr 2011 eine Standardvorgehensweise für die systematische Entwicklung von Impfempfehlungen (SOP) verabschiedet, die auf dieser Website unter „Aufgaben und Methodik“ veröffentlicht ist.

Am Beispiel der Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe B möchte ich nun deutlich machen, dass für eine qualifizierte Empfehlung Kenntnisse und Daten erforderlich sind, über die wir noch nicht in ausreichendem Maße verfügen, die aber für eine Entscheidung auf Bevölkerungsebene von ausschlaggebender Relevanz sind (siehe dazu auch die Mitteilungen der STIKO im Epid Bull 36/2014 (PDF, 150KB, Datei ist nicht barrierefrei) und 37/2015 (PDF, 160KB, Datei ist nicht barrierefrei)).

So ist es z.B. wichtig zu wissen, wie wirksam die Impfung tatsächlich in Bezug auf die Verhinderung invasiver Meninogokokken-B Infektionen ist (der verfügbare Impfstoff wurde auf Basis von Immunogenitätsdaten zugelassen), wie lang die Dauer der Immunität anhält und welche Effekte der Impfstoff auf die Besiedlung der Schleimhäute im Nasen-Rachenraum hat. Da asymp­to­ma­tische Meningo­kokken-Träger die hauptsächliche Infektionsquelle für andere Menschen dar­stel­len, wäre die Verhinderung der Besiedlung eine Voraussetzung für einen möglichen Herdenschutz und damit für das öffent­liche Interesse. Diese Daten fehlen jedoch bislang. Nur wenn diese bekannt sind, lässt sich z.B. berechnen, wie groß die „Number needed to vaccinate“ (NNV) in etwa ist, wie viele Personen (z.B. Säuglinge) also geimpft werden müssen, um einen Erkrankungsfall zu verhindern.

Vor dem Hintergrund einer sehr niedrigen Inzidenz (ca. 3 Meningokokken-B Fälle pro 100.000 Kinder im Alter <3 Jahre) einerseits und einer vor­aus­sicht­lich großen NNV andererseits muss bei der Abwägung von Nutzen und Risiken der Impfung auf Bevölkerungsebene besonderer Wert darauf gelegt werden, dass auch seltene möglicherweise schwerwiegende Neben­wir­kun­gen mit hin­rei­chen­der Sicherheit ausgeschlossen werden können. An­ge­sichts dieser Lücken in unseren Kennt­nissen, sieht die STIKO sich aktuell nicht in der Lage zu entscheiden, ob diese Impfung als Standardimpfung allen Kindern (und falls ja in welcher Alters­gruppe) zu empfehlen ist. Daher wird sie zunächst nur für besonders gefährdete Personen als Indikations­impfung von der STIKO empfohlen, die jedoch fortlaufend neu publizierte Daten zum Impfstoff bewertet.

Allerdings kann ein Arzt über diese STIKO-Empfehlung hinausgehen und eine Meningokokken-B Impfung z.B. bei einem gesunden Kind unter Berück­sich­ti­gung des individuellen Risikos und Nutzen durchführen. Folgende Überlegungen spielen dann eine Rolle:

Invasive Meningokokkenerkrankungen (IME) sind lebensbedrohliche Erkran­kun­gen. Bei insgesamt niedriger Inzidenz werden die meisten IME (70%) bei uns in Deutschland durch Meningokokken der Serogruppe B verursacht. Es gibt einen zugelassenen und verfügbaren Impfstoff. Zugelassen heißt, dass Wirksamkeit und Sicherheit gemäß der geltenden hohen Standards und auf Basis der ein­ge­reich­ten Studien mit positivem Ergebnis geprüft worden sind. Ein Arzt, für den der individuelle Schutz seines Patienten im Vordergrund steht und der die Lebens­um­stände seines Patienten kennt, kann im begründeten Fall die Eltern auf diese Impfung sowie mögliche Risiken hinweisen und die Impfung durchführen, um dieses Kind auf individueller Ebene zu schützen.

Ich möchte nochmals daran erinnern, dass die STIKO immer wieder deutlich macht, dass über ihre Empfehlungen hinaus auf der Basis der existierenden Impfstoff-Zulassungen weitere „Impfindikationen“ möglich sind, die für den Einzel­nen sinnvoll sein können. Es liegt in der Verantwortung des Arztes, seine Patienten auf diese weiteren Schutzmöglichkeiten hinzuweisen. Insofern hindert auch eine fehlende STIKO-Empfehlung den Arzt nicht an einer begründeten Impfung.

Mit herzlichen Grüßen

Dr. Jan Leidel

Stand: 17.09.2015

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