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Nationales Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren (NRZ PE)

Leitung:
Sabine Diedrich

Gemeinsam mit den Partnern im Verbund der Globalen Polio Eradikationsinitiative (GPEI) – Unicef, Rotary International und den US-Gesundheitsbehörden CDC – ist es der WHO gelungen, die Poliomyelitis (Kinderlähmung) weitgehend zurückzudrängen.

Durch die seit 1988 weltweit durchgeführten Impfprogramme konnte die Zahl der Polioerkrankungen um 99,9 % reduziert werden. Endemisch kommt die Poliomyelitis nur noch in Afghanistan, Pakistan und Nigeria vor (Stand: September 2012). Von dort kommt es jedoch nicht selten zur Einschleppung von Poliowildviren (z. B. durch Migranten oder Reisende) in bereits poliofreie Regionen (Beispiel: Polioausbruch in Tadschikistan mit Weiterverbreitung u.a. nach Russland im Jahr 2010). Die Zertifizierung der Poliofreiheit erfolgt zunächst auf regionaler Ebene. Voraussetzung dafür ist die Abwesenheit von Erkrankungen durch Poliowildviren für mindestens drei Jahre in einer Region bei gleichzeitiger Krankheitsüberwachung. Drei der WHO-Regionen gelten bereits als poliofrei. So wurde der amerikanische Kontinent 1994 zertifiziert, im Jahr 2000 folgte die Westpazifische Region. Europa ist seit Juni 2002 frei von einheimischer Poliomyelitis.

Das Programm zur globalen Polioeradikation beinhaltet neben der konsequenten Durchführung der Impfungen auch eine Überwachung der Poliovirus-Zirkulation (Surveillance) sowie das Laborcontainment. Zur Überwachung der Poliosituation können folgende Methoden zum Einsatz kommen:

  • Überwachung der akuten schlaffen Paresen (AFP-Surveillance = WHO-Goldstandard)
  • Enterovirussurveillance
  • Umweltmonitoring

In Deutschland gab es 1990 den letzten einheimischen Poliofall. Nach den importierten Erkrankungen durch Poliowildviren aus Indien und Ägypten 1992 wurden in den Folgejahren bis zu drei Vakzine-assoziierte paralytische Poliofälle registriert (sogenannte VAPP-Fälle durch Lebendimpfstoff). 1998 wurde auf Totimpfstoff IPV umgestellt.

Als Überwachungssystem der Poliofreiheit wurde unter Federführung des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes in Hannover die Nationale AFP-Surveillance etabliert und in den Jahren 1998-2010 durchgeführt. Da jedoch die Ergebnisse der AFP-Surveillance unzureichend waren, wurde zusätzlich ein alternatives System zur Überwachung der Poliofreiheit eingeführt. Im Rahmen der Enterovirussurveillance wird seit 2006 allen pädiatrischen und neurologischen Kliniken in Deutschland zur differentialdiagnostischen Abklärung von viralen Meningitiden bzw. Enzephalitiden eine unentgeltliche Enterovirus-Diagnostik angeboten. Dafür wurde ein vom NRZ PE koordiniertes Labornetzwerk für Enterovirusdiagnostik in Deutschland etabliert (LaNED). Da die Untersuchungen aus qualitätsgeprüften Laboratorien stammen müssen, gehört die Organisation von Ringversuchen zum Nachweis von Enteroviren durch Virusanzucht (Zellkultur) und Typisierung (Neutralisationstest) als auch mittels Genomnachweis (PCR) zum Aufgabenspektrum des NRZ PE. Diese bundesweiten Ringversuche werden in Zusammenarbeit mit INSTAND regelmäßig (alle zwei Jahre) durchgeführt.

Durch die Untersuchung von Stuhl- oder Liquorproben auf Enteroviren mittels PCR, Anzucht und Typisierung werden durch dieses System Aussagen zu zirkulierenden Enteroviren und damit auch zum Auftreten von Polioviren in Deutschland möglich. Die Ergebnisse der Labor- und epidemiologischen Untersuchungen werden von der Geschäftsstelle der Nationalen Kommission für die Polioeradikation in Deutschland am RKI erfasst und ausgewertet.

Auf Beschluss des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) wurden alle Aktivitäten hinsichtlich der Überwachung der Poliofreiheit in Deutschland 2010 in den Aufgabenbereich des RKI überführt. Seit dieser Zeit ist auch die klassische AFP-Surveillance eingestellt worden. Im Rahmen der bundesweiten Enterovirussurveillance wird am NRZ PE vorwiegend die weiterführende Enterovirusdiagnostik durchgeführt. Das bedeutet, dass die Netzwerklabore alle

  • nicht typisierbaren Enteroviren
  • PCR positiven und Anzucht negativen Proben sowie
  • Polioviren

zum NRZ PE zur weiteren Analyse schicken sollen. Ziel ist es, in diesen Proben u. a. durch Sequenzanalysen in verschiedenen Genombereichen Polioviren auszuschließen bzw. deren Ursprung (Impf-/Wildvirus) zu charakterisieren.

Stand: 14.11.2012

Ausgewählte Publikationen

  • Mirand A, Schuffenecker I, Henquell C, Billaud G, Jugie G, Falcon D, Mahul A, Archimbaud C, Terletskaia-Ladwig E, Diedrich S, et al. (2010): Phylogenetic evidence for a recent spread of two populations of human enterovirus 71 in European countries.
    J. Gen. Virol. 91 (9): 2263-2277. Epub May 26. mehr

  • Eggers M, Terletskaia-Ladwig EN, Rabenau HF, Doerr HW, Diedrich S, Enders G, Enders M (2010): Immunity status of adults and children against poliomyelitis virus type 1 strains CHAT and Sabin (LSc-2ab) in Germany.
    BMC Infect. Dis. 10 (1): 347. Epub Dec 9. doi:10.1186/1471-2334-10-347. mehr

  • Mugisha L, Pauli G, Opuda-Asibo J, Joseph OO, Leendertz FH, Diedrich S (2010): Evaluation of poliovirus antibody titers in orally vaccinated semi-captive chimpanzees in Uganda.
    J. Med. Primatol. 39 (2): 123-128. Epub Jan 25. mehr

  • Diedrich S, Weinbrecht A, Schreier E (2009): Seroprevalence and molecular epidemiology of enterovirus 71 in Germany.
    Arch. Virol. 154 (7): 1139-1142. Epub Jun 9. mehr

  • Zurbriggen S, Tobler K, Abril C, Diedrich S, Ackermann M, Pallansch MA, Metzler A (2008): Isolation of sabin-like polioviruses from wastewater in a country using inactivated polio vaccine.
    Appl. Environ. Microbiol. 74 (18): 5608-5614. mehr

  • Silva PA, Diedrich S, de Paula Cardoso DD, Schreier E (2008): Identification of enterovirus serotypes by pyrosequencing using multiple sequencing primers.
    J. Virol. Methods 148 (1-2): 260-264. mehr

  • Diedrich S, Schreier E (2007): The German Health Interview and Examination Survey for Children and Adolescents (KiGGS): State of immunity against poliomyelitis in German children.
    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 50 (5-6): 771-774. mehr

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