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Zielgruppeneinstiege

10 Punkte-Programm zur Erhöhung der Impfbereitschaft und zur Steigerung der Durchimpfungsraten in Deutschland

Präambel: Ziele und Nutzen von Schutzimpfungen

Schutzimpfungen zählen zu den wichtigsten und effektivsten medizinischen Präventivmaßnahmen. Moderne Impfstoffe sind gut verträglich, unerwünschte gravierende Nebenwirkungen werden nur in ganz seltenen Fällen beob­ach­tet. Unmittelbare Ziele von Impfungen für das Indi­vidu­um sind die Stär­kung seines natürlichen Abwehrsystems gegenüber eindringenden Erregern und die Verhinderung einer Erkrankung. Impfungen schützen vor:

  • schweren, kausal nicht therapierbaren Infektionskrankheiten
  • möglichen schweren Komplikationen bei Infektionskrankheiten
  • Komplikationen bei schweren Grundkrankheiten
  • Infektionskrankheiten, die während der Schwangerschaft zu schweren Schäden beim ungeborenen Kind führen können.

Bei Erreichen hoher Durchimpfungsraten können Infektionsketten unter­brochen und einzelne Krankheitserreger regional eliminiert und schließlich weltweit ausgerottet werden. Impfungen weisen einen hohen Kosten-Nutzen-Effekt auf und tragen damit zur Senkung der Kosten im Gesundheitswesen bei.

Die Notwendigkeit von Schutzimpfungen

Angesichts der epidemiologischen Ausgangslage - dem weltweiten Wiederauf­treten längst besiegt geglaubter Infektionskrankheiten, der Zu­nahme der Mobilität durch Reisen und Migration und der damit verbundenen Gefahr der Ein­schlep­pung von Infektions­krank­heiten sowie der un­zu­rei­chen­den Durch­imp­fungs­raten in der Bundesrepublik Deutschland - ist ein aus­reichender Impfschutz mit die wichtigste Prä­ven­tions­maßnahme zum Schutz vor zahlreichen Infektions­krank­heiten. Im inter­na­tio­nalen Vergleich ist Deutsch­land bei den erreichten Impf­raten ein Entwicklungs­land. International formulierte gesundheits­po­litische Ziele wie etwa die Eradikation der Polio­mye­litis und die Elimi­nierung der Masern sind in Deutsch­land nur zu erreichen, wenn die Impf­situation wesentlich verbessert wird.

Die bundesdeutschen Strukturen sind subsidiär und föderal. Das Haupt­au­gen­merk verschiedener Einrichtungen und Institutionen richtet sich daher vielfach nicht auf die gesamte Bevölkerung in Deutschland, sondern orientiert sich qua Aufgabenstellung auf den Individualschutz oder den Kollektivschutz in einem regionalen Bereich. Strategien eines Interventionsprogrammes dürfen daher nicht monolithisch sein, sondern müssen die verschiedenen Perspektiven und Arbeitsfelder synergetisch verbinden.

Es stellt sich aber nicht die Frage: Individual- oder Kollektivschutz. Vielmehr sind Impfungen eine vordringliche Public Health-Maßnahme und eine effektive Individual-Prävention, die unabhängig von regionalen und institutionellen Zugehörigkeiten von allen für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung Verantwortlichen gleichermaßen verstärkt durchgeführt werden müssen.

1. Konzentrierte Aktion "Impfen": Maßnahmen und Aktivitäten auf Bundes- und Länderebene bündeln, konzentrieren und harmonisieren:

  • Nationales Impfprogramm zur Beseitigung von Infektionskrankheiten, z.B. Masern.
  • Ein nationaler Konsens über die BedeutungNotwendigkeit von Impfungen bei allen Beteiligten im Gesundheitssystem (Ärzte, Kassen, Gesetzgeber) ist durch eine intensivere Information und Aufklärung herzustellen.
  • Alle relevanten Institutionen auf Bundes- und Länderebene müssen mit einer verbindlichen Aufgabenübernahme aktiv beteiligt werden.
  • Impfprogramme sind zu etablieren, die die jeweiligen Ressourcen und Ausgangsbedingungen effizient nutzen.
  • Bestehende indikationsspezifische bzw. berufsständische Netzwerke müssen effizient ausgebaut werden und eine größere Transparenz erhalten.
  • Form und Inhalte von Informationen und Aktionen müssen harmonisiert werden, da nur widerspruchsfreie Maßnahmen effektiv sind und den Wiedererkennungseffekt nutzen können.
  • Um die Elimination der Masern zu erreichen, müssen gegebenenfalls entsprechende Prioritäten gesetzt werden.

In der Bundesrepublik gibt es eine Vielzahl von Institutionen und Organisationen, die in der Impfprävention erfolgreiche Arbeit leisten. Eine effektivere Zusammenarbeit, eine Bündelung und Konzentration geplanter Maßnahmen und Harmonisierung der Präventionsbotschaften kann die Impfsituation jedoch wesentlich verbessern.

2. Die epidemiologische Datenlage verbessern durch:

  • Ein neues Infektionsschutzgesetzes (IfSG), das eine verbesserte Meldepflicht für Infektionskrankheiten und durchgeführte Impfungen vorsieht.
  • Eine Verbesserung der Datenlage zu regionalen und altersspezifischen Durchimpfungsraten, Antikörper-Prävalenzen und Morbititätsraten impfpräventabler Krankheiten.
  • Die Integration des Themas Impfen in bestehende Sentinels und Surveys.
  • Den Aufbau von Sentinels zur Erfassung z.B. von Masern und reisebedingter Erkrankungen.
  • Die Verbesserung der Erfassung von Impfstoffnebenwirkungen.
  • Die flächendeckende Erhebung des Impfstatus von Vorschul- und Schulkindern durch den ÖGD.
  • Die bundesweite Vereinheitlichung der erhobenen Daten aus den Reihenuntersuchungen des ÖGD.

Belastbare und differenzierte Daten tragen zur Erhöhung der Impfakzeptanz und der Versachlichung der Diskussion bei und sind für die Planung, Durchführung und Bewertung von Impfprogrammen, die Politikberatung und Aufklärung der Bevölkerung und Ärzteschaft notwendig.

3. Infrastrukturelle Hindernisse beseitigen:

  • Die STIKO-Empfehlungen sollten einheitlich durch die Länder übernommen werden.
  • Die Information zur Haftungsproblematik für Impfärzte muß weiter intensiviert werden, um Handlungssicherheit zu schaffen.
  • Der ÖGD muß gestärkt werden, da nur er auf kommunaler Ebene die Impfsituation überblicken kann und Zugang zu Bevölkerungsgruppen hat, die die ambulante Versorgung nicht in Anspruch nehmen.
  • Die Kooperation zwischen niedergelassenen Ärzten und ÖGD muß verbessert werden.
  • Erstellung des Impfstatus für den Patienten mittels EDV bzw. Chipkarte, Zusammenführung der Daten.

Infrastrukturelle Hindernisse führen zur Verunsicherung in der Allgemeinbevölkerung und in der Ärzteschaft und behindern eine effektive Impfbeteiligung.

4. Schaffung von materiellen Anreizen, Verbesserung der Impfstoffkostenregelungen und Abrechnungsorganisation durch:

  • Einheitliche Kostenübernahmeregelungen durch die Krankenkassen.
  • Die Kostenübernahme der von der STIKO empfohlenen Inlandsimpfungen sollte nicht im Ermessen der Krankenkassen liegen, sondern eine Pflichtleistung sein.
  • Senkung der Impfstoffkosten durch wirtschaftliche Verordnung von Großpackungen und einheitlichen Bezug über alle Kassenarten über Sprechstundenbedarf.
  • Entlastung der Impfstoffkosten durch Änderung des Mehrwertsteuersatzes (siehe europäisches Ausland).
  • Bessere Honorierung der Impfleistung und -beratung werden zur Erhöhung der Impfmotivation.
  • Einfache und einheitliche Abrechnungsorganisation.
  • Separate Abrechnungsziffern für jede Impfung.
  • Herausnahme von Impfleistungen aus jeglicher Budgetierung.
  • Bonussysteme für Ärzte und Patienten.
  • Übernahme der Kosten für ÖGD-Impfungen in sozialen Problemgebieten und bei einzelnen Zielgruppen durch die Krankenkassen.

Die unterschiedlichen Regelungen der Kostenübernahme für Impfstoffe durch die Krankenkassen und die uneinheitliche Abrechnungsorganisation stehen einer Steigerung der Durchimpfungsraten bisher im Wege.

5. Ärztliche Aus- und Weiterbildung intensivieren:

  • Ein obligater Impfkurs im Medizinstudium sollte wiedereingeführt werden, um alle künftigen Ärzte in diesem Bereich zu qualifizieren. Die Forderung der deutschen Ärztetage der letzten Jahre sollte umgesetzt werden.
  • Umsetzung des Beschlusses der Bundesärztekammer vom 22.08.1997: Jeder Arzt soll qualitätsgesichert Impfungen durchführen können.
  • Allgemeinmediziner und Internisten sollten verstärkt durch Kassenärztliche Vereinigungen, Berufsverbände und Krankenkassen zur Durchführung von Impfungen aufgefordert werden, um die gravierenden Impflücken im Erwachwachsenenalter zu schließen.
  • Qualitätssicherung kann durch eine Zertifizierung über Impffortbildungen erreicht werden.
  • In der teilweise unzureichenden reisemedizinischen Beratung und Betreuung muß eine Qualifizierung und Standardisierung erreicht werden.
  • Verstärkte Thematisierung des Masern-Eliminations-Programmes der WHO auf ärztlichen Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen.
  • Veranstaltung von Impfkongressenweiterbildung durch Fachgesellschaften, Berufsverbände und berufsständische Organisationen.

Dem niedergelassenen Arzt kommt bei der Impfberatung und der Durchführung von Impfungen die zentrale Rolle zu. Seine Motivation und Qualifikation sind daher Kernstücke eines erfolgreichen Impfinterventionsprogrammes.

6. Impfberatung und Impfungen nach STIKO-Empfehlungen als Kernstück eines aktiven Arzt-Patientenbezugs:

  • Nutzen jedes Arzt-Patienten-Kontaktes und aller Vorsorgeuntersuchungen zur Überprüfung des Impfschutzes und zur Durchführung und Auffrischung der empfohlenen Impfungen.
  • Aktives Ansprechen der Patienten auf Impfschutz, gegebenenfalls im Rahmen spezifischer Praxismarketing-Konzepte.
  • U7-Untersuchungen sowie J1 sollten nur dann als vollständig gelten, wenn die Impfberatung eingeschlossen ist.
  • Einführung eines standesrechtlich abgesicherten Wiedereinbestellsystems für Auffrischimpfungen im Rahmen der aktiven Patientenbetreuung.
  • (Re-)Aktivierung der Kindergarten-Eintrittsuntersuchung für die Impfberatung und Impfung.
  • Nutzen des Ereignisbezugs (Reise, Kindergarteneintritt, Saison) für die Impfberatung und Impfung durch den Hausarzt.
  • Schließen von Impflücken durch den ÖGD bei den Patientengruppen, die durch die niedergelassenen Ärzte nicht erreicht werden.

Durch ein aktives Praxismarketing und der Nutzung aller Arzt-Patientenkontakte zur Überprüfung des Impfstatus können die Patienten für das Thema sensibilisiert und die Durchimpfungsraten erhöht werden.

7. Aktivierung von betriebs- und gewerbeärztlichen Diensten für die Schließung von Impflücken im Erwachsenenalter:

  • Motivierung und Qualifikation der in betriebs- und gewerbeärztlichen Diensten beschäftigten Mediziner für das Impfen.
  • Nutzung des Arzt-Patientenkontaktes im Rahmen betriebs- und gewerbeärztlicher Untersuchungen für die Impfberatung, Auffrischimpfung, Indikationsimpfung.
  • Initiierung impfbezogener Aufklärung/Impfinformationsaktivitäten durch betriebs- und gewerbeärztliche Dienste.
  • Systematische Integration der Impfaufklärung in die betrieblichen Aktivitäten zur Gesundheitsförderung.

Betriebs- und Gewerbeärzte können auch gesunde Mitarbeiter leicht erreichen. Sie spielen bei der betrieblichen Impfaufklärung, der Überprüfung des Impfschutzes und der Durchführung von Impfungen eine wichtige Rolle.

8. Verstärkung des Impfgedankens bei Multiplikatoren außerhalb der medizinischen Profession:

  • Verstärkte Motivierung und Qualifizierung von Hebammen, Pflege- und Praxispersonal, Erzieher/innen, Lehrer/innen, Sozialarbeiter/innen etc.
  • Einbeziehung des Ausbildungs- und Erziehungssektors in konzertierte Aktionen.
  • Einbeziehung von Multiplikatoren außerhalb der medizinischen Profession in konkrete informationspolitische Aktionen (Impfstatusermittlung, Impfaufklärung, Impfaktionen).
  • Entwicklung/Optimierung von Informationsmaterialien für diese Multiplikatoren.
  • Thematisierung von Impfprävention (generell und indikationsspezifisch) im Unterricht, auch über den ÖGD.

Nichtärztliche Multiplikatoren im Gesundheits- und Erziehungswesen haben großen Einfluß auf die Meinungsbildung von Erziehungsberechtigten, Kindern, Jugendlichen und einzelnen Zielgrupp und Jugendlichen. Ihre verstärkte Motivierung und Einbeziehung in Impfaktionen ist bei einer konzertierten Aktion wichtig.

9. Motivation der Allgemeinbevölkerung durch personale Kommunikation, Massenkommunikation und Aktionstage:

  • Entwicklung einer effizienten Dramaturgie zwischen personaler Kommunikation, Massenkommunikation und Aktionstagen.
  • Identifikation unterschiedlicher Zielgruppen und Entwicklung zielgruppen-spezifischer Teilprogramme mit jeweils verständlichen und einheitlichen Botschaften.
  • Offensive Vermittlung des individuellen und gesellschaftlichen Nutzens von Schutzimpfungen und Information über mögliche schweren Komplikation bei impfpräventablen Krankheiten bei fehlendem Impfschutz.
  • Offensiver Umgang mit dem Angstpotential durch verstärktes Aufklären über die Sicherheit von Impfstoffen.
  • Offensive Auseinandersetzung mit den Argumenten von Impfgegnern.
  • Durchführung von Aktionstagen, jährlichen Impftagen und Pilotprojekten in Abstimmung mit informationspolitischen Maßnahmen.

Zur sachgerechten Aufklärung der Allgemeinbevölkerung müssen unterschiedliche und zielgruppenspezifische Kommunikationsstrategien und Materialien entwickelt werden, die den individuellen Informationsbedürfnissen entsprechen.

10. Agenda-Setting in den Medien durch:

  • Die Intensivierung der Ansprache von Journalisten, insbesondere auch im Radio- und Fernsehbereich.
  • Die Vorbereitung von mediengerechten Informationsmaterialien.
  • Die systematische Beteiligung von Medienvertretern an der Vorbereitung und Durchführung von Impfaktionen.
  • Verstärkte Informationen im Internet.
  • Die Propagierung des Impfgedankens im "Hucke-Pack-Verfahren" im Rahmen von Infotainment-Konzepten.

In der modernen Informationsgesellschaft nehmen die Medien eine Schlüsselrolle ein für die Existenz eines Themas auf der öffentlichen Tagesordnung.

Stand: 01.08.1999

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