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Hepatitis E

RKI-Ratgeber für Ärzte

Präambel

Die Herausgabe dieser Reihe durch das Robert Koch-Institut (RKI) erfolgt auf der Grundlage des § 4 Infektionsschutzgesetz (IfSG). Praktisch bedeutsame An­ga­ben zu wichtigen Infektionskrankheiten sollen aktuell und konzentriert der Ori­en­tie­rung die­nen. Die Beiträge werden in Zusammenarbeit mit den Nationalen Re­fe­renz­zen­tren (NRZ), Konsiliarlaboren (KL) sowie weiteren Experten er­ar­bei­tet. Die Erst­pub­li­ka­tion und deutlich überarbeitete Folgeversionen werden im Epi­de­mi­o­lo­gi­schen Bulletin und im Internet (www.rki.de/rat­geber) ver­öf­fent­licht. Eine Aktu­a­li­sie­rung erfolgt nach den Erfordernissen, aktualisierte Fassungen ersetzen die älteren.

Erstveröffentlichung im Epidemiologischen Bulletin 44/2015

Erreger

Die Hepatitis E wird durch eine Infektion mit dem Hepatitis-E-Virus (HEV) verursacht. Es handelt sich um ein einzelsträngiges RNA-Virus aus der Familie Hepeviridae (Genus Orthohepevirus). Eine weitergehende Differenzierung von beim Menschen vorkommenden HEV der Spezies Orthohepevirus A erfolgt in die Genotypen 1 bis 4 und in Subgenotypen (z.B. 3f).

Vorkommen

Die Hepatitis E und das verursachende Hepatitis-E-Virus kommen weltweit vor, weisen jedoch je nach Region und Genotyp deutliche Unterschiede in Epi­de­mio­lo­gie und Klinik auf. In Deutschland sowie mehreren Ländern Europas und Nord­ameri­kas kommt die durch HEV Genotyp 3 verursachte Hepatitis E endemisch vor. Die Zahl der jährlich gemeldeten Infektionen nimmt in vielen dieser Länder kontinuierlich zu, was jedoch höchst­wahr­scheinlich nicht auf eine tat­säch­li­che Steigerung der Erkrankungs­zahlen beim Menschen zurück­zu­führen ist, sondern auf eine erhöhte Auf­merk­sam­keit der Ärzte­schaft, häufigere Diagnostik und den Einsatz sensitiverer diagnostischer Tests. Die in Deutschland gemäß IfSG ge­mel­de­ten symp­to­ma­ti­schen Infektionen betreffen zu etwa drei Vierteln Personen über 40 Jahren und zu etwa zwei Dritteln Männer. Todesfälle im Zusammen­hang mit Hepatitis E-Infektionen sind in Deutsch­land sehr selten. Die Letalität unter den gemeldeten Fällen liegt deutlich unter 1%.

Die Prävalenz von Antikörpern gegen HEV in der erwachsenen Bevölkerung Deutsch­lands liegt bei 16,8% (etwa 5% bei unter 30-Jährigen bis zu 25% bei den über 60-Jährigen). In der alters­gruppen­spezifischen Sero­prävalenz von Frauen und Männern bestehen keine Unter­schiede (Faber, Wenzel et al., 2012) Die Anti­körper-Prävalenz liegt damit im Bereich der Ergebnisse anderer in Europa oder den USA durch­ge­führter Studien. Im Zusammen­hang mit den gemeldeten Infek­tionen deutet dies (neben einer Untererfassung symptomatischer Infektionen) auf einen hohen Anteil asymptomatisch oder subklinisch verlaufender Infektionen hin.

In vielen Ländern Asiens und Afrikas mit unzureichender Trinkwasser- und Lebens­mittel­hygiene kommt das Hepatitis-E-Virus ebenfalls endemisch vor. Die dort vorherrschenden Genotypen 1 und 2 verursachen sporadische Infektionen und Ausbrüche, die in der Regel in Verbindung zu mit menschlichen Fäkalien kontaminiertem Trinkwasser stehen. Vereinzelt werden auch in Deutschland Genotyp-1- und -2-Infektionen bei Reiserückkehrern diagnostiziert.

Aktuelle Fallzahlen und weitere epidemiologische Kenn­größen aller melde­pflich­tigen Krank­heiten finden Sie im aktuellen Infektions­epi­de­mio­lo­gischen Jahr­buch unter www.rki.de/jahrbuch. Ein vereinfachter Datenbestand der gemäß IfSG melde­pflichtigen Krankheitsfälle und Erreger­nach­weise kann mit Hilfe von SurvStat@RKI unter www.rki.de/survstat abgefragt werden.

Reservoir

Für den hauptsächlich in Deutschland und anderen Industrienationen vor­kom­men­den HEV Genotyp 3 und den in Teilen Asiens vorkommenden Genotyp 4 stellt das Hausschwein das vermutlich wichtigste tierische Reservoir dar. Wildschweine spielen wahrscheinlich ebenfalls eine gewisse Rolle. Andere Wildtiere (z.B. Reh) sind von untergeordneter Bedeutung. Inwieweit HEV-Stäm­me, die bei weiteren Tierarten (z.B. Geflügel, Nagetieren, Fischen) gefunden wurden, auf den Menschen übertragbar sind, ist nicht abschließend geklärt.

Für die in Asien und Afrika hauptsächlich anzutreffenden Genotypen 1 und 2 ist der Mensch das einzige bekannte Reservoir.

Infektionsweg

In den Industrie­ländern inklusive Deutsch­land findet haupt­säch­lich eine zo­o­no­ti­sche Über­tragung über den Ver­zehr von unzureichend gegartem Schweine- bzw. Wild­fleisch und daraus her­ge­stellten Produkten statt. Filtrierende Orga­nismen (z.B. Muscheln) können im Wasser vorkommendes HEV anreichern und so eben­falls als Infektionsquelle dienen. Das Virus kann auch parenteral (z.B. durch konta­mi­nierte Blutprodukte) übertragen werden. Eine Mensch-zu-Mensch-Über­tragung (z.B. unter Haus­halts­an­ge­hö­ri­gen) ist bei reiseassoziierten HEV-1- und -2-Infek­ti­o­nen durch Kontakt­über­tragung (Schmier­infektion) möglich. In Deutsch­land erworbene Infektionen durch HEV-3 scheinen (wenn überhaupt) jedoch nur extrem selten direkt von Mensch zu Mensch übertragbar zu sein. Aus­brüche mit diesem Geno­typ wurden bisher lediglich im Zusammen­hang mit dem Verzehr konta­mi­nierter Lebensmittel (z.B. Schweine­fleisch­pro­dukte) beobachtet.

In Ländern mit wenig Ressourcen und niedrigem Hygiene­standard wird das Virus (Genotyp 1 und 2) haupt­sächlich durch die Auf­nahme von fäkal verunreinigtem Wasser oder Lebens­mitteln übertragen.

Inkubationszeit

15 bis 64 Tage

Klinische Symptomatik

Die Infektion mit dem in Deutsch­land vorkommenden Hepatitis-E-Virus (HEV-3) verläuft über­wiegend asymp­tomatisch. Sympto­matische Infektionen verlaufen in der Regel akut, selbst­limitie­rend und häufig ohne Ikterus mit milden gastro­intes­tinalen oder all­ge­meinen Symp­tomen. Prinzi­piell ist jedoch ein breites Spek­trum der klinischen Symp­tomatik zu beobachten, bis hin zu fulmi­nanten Hepatitide (ins­bes­ondere bei bestehender Vor­schädigung der Leber oder unter Immun­sup­pres­sion).

Neben der typischen Symptomatik infektiöser Hepatitiden mit Ikterus, Dunkel­färbung des Urins, Ent­färbung des Stuhls, Fieber, Ober­bauch­be­schwerden, Müdigkeit und Verlust des Appetits wurden auch atypische Krank­heits­zeichen beschrieben, ins­be­sondere eine Reihe neurologischer Mani­fes­ta­tionen (z.B. Guillain-Barré-Syndrom, periphere Neuralgien, Meningitis, Pseudo­tumor cerebri).

Aus Gebieten mit endemischer Ver­breitung des Genotyps 1 wurde bei Schwan­geren, insbesondere im letzten Schwanger­schafts­drittel, ein hoher Anteil fulmi­nanter Hepa­ti­tiden mit Todes­raten von bis zu 30% berichtet. Für die hierzulande über­wiegend auf­tre­te­nden Genotyp-3-Infektionen gibt es bislang keine Hin­weise, dass eine Schwanger­schaft die Prognose der Infektion verschlechtert.

Bei immunsupprimierten Personen (z.B. Transplantatempfänger, Patienten mit HIV/AIDS oder während und nach Chemotherapie) kann es zu chronischen Hepa­titis-E-Infektionen kommen. Auch diese verlaufen oft asymp­to­matisch, können aber, wie andere chronische Hepatitiden, zur Leberzirrhose führen.

Antikörper können mehrere Jahre nach einer Hepatitis E-Infektion persistieren. Es ist jedoch unklar, ob eine lebens­lange Immunität bestehen bleibt.

Dauer der Ansteckungsfähigkeit

Die Dauer der Ansteckungs­fähigkeit ist nicht abschließend geklärt. Das Virus kann im Stuhl etwa eine Woche vor bis 4 Wochen nach Beginn des Ikterus nach­ge­wiesen werden. Im Falle von chronischen Infektionen muss davon aus­ge­gan­gen werden, dass das Virus ausgeschieden wird, solange die Infektion besteht.

Diagnostik

1. Differentialdiagnostik

Bei den Hepatitis-E-Patienten ist eine Erhöhung der Transaminasen AST und ALT zu beobachten, die in der Regel überproportional zur Erhöhung der alkalischen Phosphatase (AP) und Gamma-GT ausfällt. Besonders bei ikterischen Verläufen kommt es zu deutlich erhöhten Konzentrationen des Gesamt-Bilirubins im Serum und des Urobilinogens im Urin.

Differenzialdiagnostisch kommen für das klinische Bild einer akuten Hepatitis verschiedene Ursachen in Frage:

  • Virushepatitis (z.B. verursacht durch HAV, HBV, HCV, HDV, aber auch durch die Herpesviren EBV, CMV, HSV und VZV),
  • Medikamente (z.B. Paracetamol), Alkohol und andere Gifte (z.B. Pilzgifte),
  • Speicherkrankheiten (z.B. Morbus Wilson, Hämochromatose), Alpha-1-Antitrypsinmangel und Autoimmunhepatitis.

Zur Abklärung stehen jeweils spezifische labordiagnostische Nachweisverfahren zur Verfügung.

2. Labordiagnostik

Bei entsprechender klinischer Symptomatik und Erhöhung der Transaminasen ist der Nachweis von Anti-HEV-IgM im Serum in der Regel beweisend für eine frische HEV-Infektion. Diese Antikörper sind beim immun­kom­pe­tenten Patienten bereits bei Auftreten der ersten Symptome nachweisbar (Nach­weis­dauer ca. 3-6 Mo­na­te). Unspezifische IgM-Reaktionen kommen jedoch gelegentlich vor. Positive IgM-Be­funde bei nicht eindeutiger oder fehlender Symptomatik (z.B. im Rahmen von Um­gebungs­unter­su­chun­gen) sollten daher durch den direkten Erreger­nach­weis im Blut oder Stuhl mittels Nuklein­säure­ampli­fi­ka­tions­techniken (NAT), z.B. PCR, verifiziert werden. Auch Anti-HEV-IgG ist zu Beginn der Symptomatik bereits meist positiv; ansonsten zeigt der Nach­weis von Anti-HEV-IgG eine früher abgelaufene Infektion an. Von Bedeutung ist die Verwendung von Nach­weis­ver­fahren, die Anti­körper gegen HEV des in Deutsch­land vorkommenden Genotyps 3 mit ausreichender Empfind­lichkeit erfassen. Der Nach­weis von HEV-RNA (z.B. mittels PCR) im Blut oder Stuhl beweist eine frische HEV-Infektion.

Bei Patienten unter Immunsuppression ist die serologische Diagnostik der Hepatitis E unzuverlässig. Bei entsprechender Indikation sollte der Erreger­nach­weis mittels NAT in Erwägung gezogen werden, da unter Immun­suppression das Risiko einer persis­tierenden oder chronischen HEV-Infektion mit rapider Pro­gres­sion zur Leber­zirrhose besteht. Eine chronische HEV-Infektion liegt vor, wenn der Virus­nachweis über einen Zeit­raum von mehr als 6 Monaten positiv ausfällt.

Eine nur in Speziallaboratorien durchgeführte Sequenzierung von Teilen des HEV-Genoms („HEV-Feintypisierung“) kann zur Klärung von Infektionsquellen oder Aus­bruchs­analysen beitragen.

Der Nachweis von HEV mit Hilfe von Zellkultur-Infektions­modellen ist möglich, hat jedoch wegen der hohen Komplexität und des Zeitbedarfs von ca. 4 Wochen keine Bedeutung für die Labor­diagnostik der Hepatitis E erlangt. Elektronen­mikroskopische Nach­weis­ver­fahren sowie immun­histo­chemische Färbe­ver­fahren aus Leber­ge­webe­prä­paraten sind nur an wenigen spezialisierten Laboratorien etabliert und spielen für die Diagnostik zurzeit keine nennens­werte Rolle.

Therapie

Die akute Hepatitis E bedarf bei immun­kompe­tenten Personen in der Regel keiner oder allenfalls sympto­ma­tischer Behandlung.

Bei bestehender Leber­vor­schädigung (z.B. schwerer Alkohol­abusus, HBV- und/oder HCV-Infektion, Auto­immun­hepatitis) besteht ein erhöhtes Risiko eines fulminanten Verlaufs. Dies gilt auch bei bestehender Schwanger­schaft, wenn die Möglich­keit einer Genotyp 1-Infektion besteht. Daher sollten schwangere Patien­tinnen nach Aufent­halten in Afrika und Asien, und hier insbesondere in Nord­indien und Bangla­desch, befragt werden.

Bei chronischer HEV-Infektion sollte eine Virus­elimination angestrebt werden, um eine verlängerte Ausscheidungs­dauer und weitere Zerstörung des Leber­paren­chyms zu verhindern. Ist eine Reduzierung der Immun­sup­pression nicht möglich oder erfolgreich, so kommt eine antivirale Behandlung (z.B. mit Riba­virin oder pegy­liertem Inter­feron alpha) in Frage.

Eine Lebertransplantation ist zurzeit die einzige Behandlungs­option bei Leber­ver­sagen im Rahmen eines fulminanten Verlaufs einer Hepatitis E.

Infektionsschutz und Hygienemaßnahmen

1. Präventive Maßnahmen

Ein Impfstoff gegen die Hepatitis E (Hecolin) ist in China zugelassen und verfügbar, steht in Europa aber nicht zur Verfügung.

Bei Reisen in Gebiete mit endemischer Verbreitung des Genotyps 1 oder 2 sollten die allgemeinen Regeln zur Vermeidung von lebensmittelbedingten Infektionen beachtet werden:

  • nicht abgekochtes Leitungswasser und damit hergestelltes Eis für Getränke nach Möglichkeit meiden,
  • kein Verzehr von rohen oder nicht ausreichend erhitzten Speisen. Es gilt deshalb die alte Regel erfahrener Tropenreisender „Peel it, cook it, or forget it!“ („Schäle es, koche es oder vergiss es!“).

In Deutschland und anderen Ländern mit Vorkommen des Genotyps 3 und 4 sollten Produkte von Schwein und Wild (z.B. Wildschwein, Reh und Hirsch), insbesondere Innereien, nur durchgegart verzehrt werden. Das Durchgaren bzw. Erhitzen auf ≥ 71°C über mindestens 20 Minuten inaktiviert das Virus. Zur Vermeidung von Kreuz­konta­mi­na­tionen sollte auf eine gute Küchen­hygiene geachtet werden.

2. Maßnahmen bei Einzelerkrankungen

Im Rahmen einer ambulanten Behandlung ist zur Vermeidung des Risikos einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung auf eine gute persönliche Hygiene hinzuweisen. Diese und die Reinigung der Wäsche in einer handelsüblichen Waschmaschine erscheinen ausreichend, um eine Übertragung zu verhindern.

Im Rahmen eines stationären Aufenthalts sind während der Dauer der Ansteckungsfähigkeit (in der Regel ein bis zwei Wo­chen vor und bis zwei Wochen nach Auftreten des Ikterus) zusätzlich zu den Maßnahmen der Basis­hygiene das Tragen von Einmal­hand­schuhen und patienten­be­zogenem Schutz­kittel sowie die räumliche Unter­bringung in einem Isolier­zimmer mit separater Nass­zelle zu empfehlen. Aufgrund des fäkal-oralen Übertragungs­weges kann vor allem durch eine konsequente Hände­hygiene, das heißt durch Tragen von Hand­schuhen bei möglichem Kontakt mit Aus­schei­dungen des Patienten sowie Hände­desinfek­tion mit einem Hände­desinfektions­mittel mit nach­ge­wie­se­ner "viruzider" Wirksamkeit das Risiko einer Übertragung des Erregers reduziert werden (RKI 2004). Das Virus kann außerhalb des Wirts unter Umständen monatelang stabil bleiben, daher sind kontaminierte Ober­flächen mit einem Desinfektions­mittel mit nach­ge­wiesener "viruzider" Wirksamkeit zu desinfizieren (Hände- und Flächen­desinfektions­mittel VAH-Liste oder Liste der geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel- und verfahren des RKI).

Bei immunsupprimierten Patienten wird die Überwachung der Viruselimination bzw. eine unterstützende Behandlung empfohlen, um eine chronische Infektion mit verlängerter Ausscheidungsdauer und Zerstörung des Leberparenchyms zu verhindern.

Blutspendeeinrichtungen sollten umgehend informiert werden, wenn die Mög­lich­keit besteht, dass der Patient in der virämischen Phase Blut gespendet hat.

In Gemeinschaftseinrichtungen gemäß § 33 IfSG (u.a. Kindergärten, Schulen, Heime)
Gemäß § 34 Abs. 1 IfSG dürfen Personen, die an Virushepatitis E erkrankt oder dessen verdächtig sind, in Gemeinschaftseinrichtungen keine Tätigkeiten aus­ü­ben, bei denen sie Kontakt zu den dort Betreuten haben, bis nach ärzt­li­chem Urteil eine Weiterverbreitung der Krankheit durch sie nicht mehr zu befürchten ist.

In Gemeinschaftseinrichtungen Betreute, die an Virushepatitis E erkrankt oder dessen verdächtig sind, dürfen die dem Betrieb der Gemeinschaftseinrichtung dienenden Räume nicht betreten, Einrichtungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht benutzen und an Veranstaltungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht teilnehmen, bis nach ärztlichem Urteil eine Weiterverbreitung der Krankheit durch sie nicht mehr zu befürchten ist.

Die zuständige Behörde kann im Einvernehmen mit dem Gesundheitsamt in den in § 33 genannten Einrichtungen Ausnahmen von den genannten Verboten zulassen, wenn Maßnahmen durchgeführt werden oder wurden, mit denen eine Übertragung der aufgeführten Erkrankung verhütet werden kann.

Hinweis
Bei strikter Einhaltung der persönlichen Hygiene bzw. der oben genannten Maßnahmen im Rahmen eines stationären Aufenthaltes ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Hepatitis-E-Virus sehr unwahrscheinlich. Aus epidemiologischer Sicht sollte daher die Verhältnismäßigkeit des Verbots des Besuchs von Gemeinschaftseinrichtung genau geprüft werden.

In Lebensmittelbetrieben und Einrichtungen zur Gemeinschaftsverpflegung (gemäß § 42 Abs. 1)
Gemäß § 42 IfSG dürfen Personen, die an Hepatitis E erkrankt oder dessen verdächtig sind, nicht tätig sein oder beschäftigt werden:

a) beim Herstellen, Behandeln oder Inverkehrbringen der in § 42 Absatz 2 ge­nann­ten Lebensmittel (s.u.), wenn sie dabei mit diesen in Berührung kommen,
oder
b) in Küchen von Gaststätten und sonstigen Einrichtungen mit oder zur Gemeinschaftsverpflegung.

Lebensmittel im Sinne des § 42 Abs. 2 IfSG sind:

  • Fleisch, Geflügelfleisch und Erzeugnisse daraus
  • Milch und Erzeugnisse auf Milchbasis
  • Fische, Krebse oder Weichtiere und Erzeugnisse daraus
  • Eiprodukte
  • Säuglings- und Kleinkindernahrung
  • Speiseeis und Speiseeishalberzeugnisse
  • Backwaren mit nicht durchgebackener oder durcherhitzter Füllung oder Auflage
  • Feinkost-, Rohkost- und Kartoffelsalate, Marinaden, Mayonnaisen, andere emulgierte Soßen, Nahrungshefen
  • Sprossen und Keimlinge zum Rohverzehr sowie Samen zur Herstellung von Sprossen und Keimlingen zum Rohverzehr.

Hinweis
Die in § 42 IfSG genannte Liste von Lebensmitteln ist im Zusammenhang mit dem Hepatitis-E-Virus als unvollständig anzusehen. Aus epidemiologischer Sicht sollten Personen, die Virus ausscheiden, nicht mit unverpackten Lebensmitteln umgehen, die potenziell ohne weiteres Erhitzen (auf mindestens 71°C über 20 Minuten) oder Kochen verzehrt werden können.

Bezüglich weiterer Informationen verweisen wir auf die auf der RKI Internetseite veröffentlichten Materialien.

3. Umgang mit Kontaktpersonen

Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung von Hepatitis-E-Virus unter engen Kontakt­per­sonen (z.B. unter Haushaltsangehörigen) kann zwar prinzipiell nicht aus­ge­schlos­sen werden, ist in der Praxis aber offensichtlich ein sehr seltenes Ereignis. Insofern sollten Haushaltskontakte von Erkrankten bei Wahrung guter per­sön­li­cher Hygiene aller Haushaltsangehörigen als nicht ansteckungsverdächtig gelten.

Die oben genannten Vorschriften für Gemeinschaftseinrichtungen gelten auch für Personen, in deren Wohngemeinschaft nach ärztlichem Urteil eine Erkrankung oder ein Verdacht auf Virushepatitis E aufgetreten ist. Die Verhältnismäßigkeit eines Besuchsverbots von Gemeinschaftseinrichtungen sollte aber genau geprüft werden.

Eine Ausnahme bilden stark abwehrgeschwächte Personen, welche emp­fäng­li­cher für die Infektion sind, nach Kontakt mit Hepatitis-E-Erkrankten eine chro­ni­sche Hepatitis E entwickeln und das Virus unbemerkt über längere Zeit aus­schei­den können. Bei dieser Personengruppe empfiehlt sich der Ausschluss einer asymptomatischen Hepatitis E im Abstand von einigen Wochen nach Exposition.

4. Maßnahmen bei Ausbrüchen

Beim Auftreten von zeitlich-räumlichen Häufungen sollte bei serologisch oder mittels NAT bestätigten Fällen eine Feintypisierung des Virus durchgeführt werden. Durch einen Stammvergleich ist es möglich, zufällige Häufungen von echten Ausbrüchen mit epidemiologischem Zusammenhang zwischen den Patienten sicher abzugrenzen bzw. die zum Ausbruch gehörenden Patienten von sporadischen Fällen zu unterscheiden. Für den ÖGD führt das Konsiliarlabor für HAV und HEV Feintypisierungen und Stammvergleiche kostenlos durch.

Ausbrüche durch Mensch-zu-Mensch-Übertragung von Hepatitis-E-Virus Genotyp 3 sind bisher nicht beobachtet worden. Durch kontaminierte Lebensmittel könn­ten aber unter Umständen regional oder überregional vermehrt Er­kran­kungs­fälle auftreten. Besteht der Verdacht auf eine Übertragung durch bestimmte Lebens­mittel oder infizierte Tiere, sollte das Gesundheitsamt die zuständige Lebens­mit­tel­über­wachungs­be­hörde und das zuständige Veterinäramt un­ver­züg­lich in­for­mie­ren. In gleicher Weise sollten auch Veterinär- und Lebens­mittel­über­wachungs­be­hörden bei Kenntnis von Krankheiten, die im Zusammenhang mit Lebens­mittel­ver­zehr oder Tierkontakt stehen, das zuständige Gesundheitsamt informieren.

Gesetzliche Grundlage

Meldepflicht gemäß IfSG

Dem Gesundheitsamt wird gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 1 IfSG der Krankheitsverdacht, die Erkrankung sowie der Tod an akuter Virushepatitis sowie gemäß § 7 Abs. 1 IfSG der direkte oder indirekte Nachweis von Hepatitis-E-Virus, soweit er auf eine akute Infektion hinweist, namentlich gemeldet.

Des Weiteren ist gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 2 IfSG der Verdacht auf und die Erkrankung an einer akuten infektiösen Gastroenteritis meldepflichtig, wenn

  • die betroffene Person Umgang mit Lebensmitteln hat oder in Einrichtungen zur Gemeinschaftsverpflegung (z.B. Küchen, Gaststätten) beschäftigt ist (siehe Maßnahmen bei Einzelerkrankungen),
  • zwei oder mehr gleichartige Erkrankungen auftreten, bei denen ein epidemischer Zusammenhang wahrscheinlich ist oder vermutet wird.

Darüber hinaus können allgemeine nicht erreger- oder krankheitsspezifische Meldepflichten bestehen (siehe www.rki.de/falldefinitionen > Kapitel „Struktur der Falldefinitionen“ > „Gesetzliche Grundlage“).

Die Meldungen müssen dem Gesundheitsamt spätestens 24 Stunden nach erlangter Kenntnis vorliegen.

Hinweis
Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen (gem. § 33 IfSG) haben gemäß § 34 Abs. 6 IfSG das zuständige Gesundheitsamt unverzüglich zu benachrichtigen, wenn in ihrer Einrichtung betreute oder betreuende Personen

  • an Virushepatitis E erkrankt oder dessen verdächtigt sind oder,
  • wenn in deren Wohngemeinschaft nach ärztlichem Urteil eine Erkrankung an oder ein Verdacht auf Virushepatitis E aufgetreten ist.

Übermittlung

Das Gesundheitsamt übermittelt gemäß § 11 Abs. 1 IfSG an die zuständige Landesbehörde nur Erkrankungs- oder Todesfälle und Erregernachweise, die der Falldefinition gemäß § 4 Abs. 2 Nr. 2a IfSG entsprechen.

Die vom RKI erstellten Falldefinitionen sind auf den Internetseiten des RKI unter www.rki.de/falldefinitionen veröffentlicht.

Beratung und Spezialdiagnostik

Das Robert Koch-Institut führt keine individuelle medizinische Beratung zu Klinik, Therapie oder Impfungen durch. Bitte wenden Sie sich ggf. an Ärzte oder Kliniken in Ihrer Nähe, bei denen eine Spezialisierung für Infek­tions­krank­hei­ten besteht.

Bezüglich Fragen zur Wiederzulassung in Gemeinschaftseinrichtungen oder der Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit kontaktieren Sie bitte Ihr lokales Gesundheitsamt.

Beratung zur Epidemiologie

Robert Koch-Institut
Abteilung für Infektionsepidemiologie
Fachgebiet 35 – Gastrointestinale Infektionen, Zoonosen und tropische Infektionen
Seestraße 10, 13353 Berlin
Ansprechpartner: Prof. Dr. Klaus Stark
Tel.: 030 18754 – 3432
Fax: 030 18754 – 3533
E-Mail

Beratung zur Spezialdiagnostik

Konsiliarlabor für Hepatitis-A-Virus (HAV) und Hepatitis-E-Virus (HEV)
Universitätsklinikum Regensburg
Institut für Klinische Mikrobiologie und Hygiene
Franz-Josef-Strauß-Allee 11, 93053 Regensburg
Ansprechpartner: PD Dr. Jürgen Wenzel
Tel.: 0941 944 – 6411
Fax.: 0941 944 – 6402
E-Mail: juergen.wenzel@ukr.de
Homepage: www.imhr.de/konsiliarlabore-zentren/hepatitis-a-virus-und-hepatitis-e-virus-hav-hev

Weitere Informationen

www.rki.de/hev

Ausgewählte Informationsquellen

  1. Faber MS, Wenzel JJ, Jilg W, et al.: Hepatitis E Virus Seroprevalence among Adults, Germany. Emerg Infect Dis 2012, 18(10):1654-1657.
  2. Neukam K, Barreiro P, Macias J, et al.: Chronic hepatitis E in HIV patients: rapid progression to cirrhosis and response to oral ribavirin. Clin Infect Dis. 2013 Aug;57(3):465-468.
  3. Pischke S, Behrendt P, Bock CT, et al.: Hepatitis E in Germany – an under-reported infectious disease. Dtsch Arztebl Int. 2014, 111(35-36):577-83.
  4. RKI: Hepatitis-E-Virus-Infektion aus virologischer Sicht. Epid Bull 2015, 15: 119-127.
  5. RKI: Prüfung und Deklaration der Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln gegen Viren. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz Gesundheitsschutz 2004; 47: 62–66. www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Desinfektionsmittel/Viruzid.pdf
  6. Smith DB, Simmonds P; International Committee on Taxonomy of Viruses Hepeviridae Study Group, et al.: Consensus proposals for classification of the family Hepeviridae. J Gen Virol. 2014 Oct;95(Pt 10):2223-2232.
  7. Wenzel JJ, Preiss J, Schemmerer M, et al.: Test Performance Characteristics of Anti-HEV IgG Assays Strongly Influence Hepatitis E Seroprevalence Estimates. J Infect Dis 2013, 207(3):497-500.

Redaktion der Reihe "RKI-Ratgeber für Ärzte"

Hinweise zur Reihe "RKI-Ratgeber für Ärzte" richten Sie bitte an das Robert Koch-Institut, Abteilung für Infektionsepidemiologie, Dr. med. Markus Kirchner (Tel.: 030 18754 – 3312; E-Mail: Ratgeber@rki.de) oder an die Redaktion des Epidemiologischen Bulletins (EpiBull@rki.de).

Stand: 02.11.2015

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