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Gesundheitliche Langzeitfolgen (Stand: 19.4.2022)

Warum ist es wichtig, längerfristige Auswirkungen einer SARS-CoV-2-Infektion besser zu verstehen?

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass wir nicht nur die akuten Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion, sondern auch gesundheitliche Langzeitfolgen der Infektion ernst nehmen und besser verstehen müssen. Nur so können wir die von längerfristigen gesundheitlichen Folgen betroffenen Menschen entsprechend ihren Bedürfnissen unterstützen und unser Gesundheitssystem, aber auch die Gesellschaft als Ganzes, auf zukünftige Krisen besser vorbereiten.

Im Folgenden werden die FAQ zu möglichen gesundheitlichen Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion beantwortet. Nicht angesprochen werden hier die indirekten gesundheitlichen Folgen der Pandemie, wenngleich auch diese im Blickpunkt wissenschaftlicher Analysen stehen und noch breitere Bevölkerungsgruppen betreffen können (bspw. aufgrund von erhöhter Stressbelastung, verändertem Gesundheitsverhalten oder Verzicht auf die Inanspruchnahme von Früherkennungsangeboten oder medizinischer Versorgung aufgrund von Kontaktbeschränkungen).

Stand: 19.04.2022

Was ist Long-COVID/Post-COVID?

Im Zusammenhang mit einer vorangegangenen SARS-CoV-2-Infektion sind zahlreiche mögliche gesundheitliche Langzeitfolgen beobachtet worden. Hierzu zählt eine Vielfalt körperlicher, kognitiver und psychischer Symptome, welche die Funktionsfähigkeit im Alltag und Lebensqualität negativ beeinflussen. Die Beeinträchtigungen treten entweder bereits in der akuten Erkrankungsphase auf und bleiben längerfristig bestehen, oder sie treten im Verlauf von Wochen und Monaten nach der Infektion (wieder) auf. Dabei wird über sehr unterschiedliche Symptome berichtet, die allein oder auch in Kombination auftreten und von sehr unterschiedlicher Dauer sein können. Bislang lässt sich daher kein einheitliches Krankheitsbild abgrenzen. Zudem sind die zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht geklärt, wobei Erkenntnisse hierzu dank intensiver Forschung fortlaufend hinzukommen. So gibt es mittlerweile u. a. Hinweise darauf, dass chronische Entzündungen und Verschlüsse der kleinen Gefäße (Mikrothromben), eine Aktivierung des Epstein-Barr-Virus sowie Autoimmunprozesse an der Entstehung gesundheitlicher Langzeitfolgen beteiligt sind. Personen mit längerfristigen gesundheitlichen Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion sind in der Regel nicht ansteckend – es sei denn, es liegt erneut eine akute Infektion mit dem Virus bzw. einer der Virusvarianten vor (Reinfektion).

Der Begriff „Long-COVID“ wurde zunächst den in sozialen Medien durch Personen geprägt, die nach einer SARS-CoV-2-Infektion über langanhaltende gesundheitliche Einschränkungen berichteten. Die bereits Ende 2020 veröffentlichte Leitlinienempfehlung des britischen National Institute for Health and Care Excellence (NICE) definiert „Long-COVID“ als gesundheitliche Beschwerden, die jenseits der akuten Krankheitsphase einer SARS-CoV-2-Infektion von 4 Wochen fortbestehen oder auch neu auftreten. Als Post-COVID-Syndrom werden Beschwerden bezeichnet, die noch mehr als 12 Wochen nach Beginn der SARS-CoV-2-Infektion vorhanden sind und nicht anderweitig erklärt werden können. Somit umfasst „Long-COVID“ sowohl im Anschluss an eine akute COVID-19-Erkrankung 4 bis 12 Wochen nach Symptombeginn noch bestehende Symptome als auch das „Post-COVID-19-Syndrom“. Auch die deutsche S1-Leitlinie zu Post-COVID/Long-COVID der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) nimmt eine zeitliche Abgrenzung in Anlehnung an NICE vor, benennt jedoch als weitere mögliche Manifestation von Long-COVID/Post-COVID auch die Verschlechterung vorbestehender Grunderkrankungen.

Im Oktober 2021 wurde nach einem wissenschaftlich fundierten Abstimmungsprozess eine vorläufige klinische Falldefinition von Post-COVID-19 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht. Gemäß dieser Definition werden unter dem Begriff Post-COVID-19-Zustand gesundheitliche Beschwerden zusammengefasst, die in längerem Abstand (in der Regel drei Monate) im Anschluss an eine durchgemachte SARS-CoV-2 Infektion über längere Zeit fortbestehen und anderweitig nicht erklärbar sind. Dabei werden Symptome und gesundheitliche Einschränkungen berücksichtigt, die über mindestens zwei Monate anhalten oder auch wiederkehrend und in wechselnder Stärke auftreten. Da nach bisherigen Erkenntnissen auch milde oder gar symptomlose Verläufe einer SARS-CoV-2-Infektion mit entsprechenden Langzeitfolgen einhergehen können und gerade zu Anfang der Pandemie noch kein breites Testangebot verfügbar war, bezieht sich die klinische Falldefinition der WHO sowohl auf Personen mit Labornachweis einer SARS-CoV-2-Infektion, als auch auf Personen, für die eine Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus aufgrund von Krankheitssymptomen oder auch engen Kontakten zu nachweislich Infizierten als wahrscheinlich angesehen werden kann. Die WHO weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich weiterhin um eine vorläufige Falldefinition handelt, die in Anpassung an neue wissenschaftliche Erkenntnisse fortlaufend aktualisiert werden muss. Darüber hinaus ist laut WHO aufgrund der eingeschränkten Datenlage noch unklar, inwieweit die vorgelegte Falldefinition auch auf Kinder und Jugendliche übertragbar ist.

In wissenschaftlichen Studien wird zunehmend die Falldefinition der WHO zugrunde gelegt. Der Einfachheit halber verwenden wir in dieser FAQ den Begriff der „gesundheitlichen Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion“, da in bisherigen Arbeiten nicht immer streng die Definition für Post-COVID-19 unter Beachtung der Zeitspanne von 12 Wochen nach Diagnose bzw. vermutetem Beginn einer SARS-CoV-2-Infektion eingehalten wird. Zudem werden in einigen Arbeiten Symptome im Zeitraum zwischen 4 und 12 Wochen nach Infektionsbeginn und jenseits der Grenze von 12 und mehr Wochen parallel betrachtet.

Stand: 19.04.2022

Welche Symptome haben Menschen mit gesundheitlichen Langzeitfolgen von COVID-19?

Eine Liste von gesundheitlichen Symptomen und Beschwerden, welche die Definitionskriterien des Post-COVID-19-Zustands nach bisherigem Wissensstand erfüllen, wurde von der WHO hinterlegt. Darüber hinaus wurde ein Core Outcome Set für Post-COVID in einem internationalen Delphi-Verfahren zwischen Expertinnen und Experten abgestimmt. Zu den in wissenschaftlichen Studien am häufigsten beobachteten Symptomen, die einzeln oder in Kombination auftreten können, gehören Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit (sog. Fatigue), Kurzatmigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme (sog. „brain fog“), Schlafstörungen, Muskelschwäche und -schmerzen, psychische Probleme, wie z. B. depressive Stimmung und Angstsymptome, sowie Riech- und Schmeckstörungen (siehe auch Systematisches Review). Die Symptome sind mit einer Beeinträchtigung der Lebensqualität (Quelle 1, 2) und Einschränkungen der Funktionsfähigkeit im Alltag assoziiert. Bei einem Teil der Personen entwickelt sich infolge der SARS-CoV-2-Infektion zudem ein Symptomkomplex, der Ähnlichkeit mit dem chronischen Erschöpfungssyndrom (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrom, ME/CFS) aufweist. Die Ursachen für CFS/ME sind bislang ebenfalls ungeklärt, Immunreaktionen nach Virusinfektionen spielen nach bisherigen Erkenntnissen eine wichtige Rolle. Schwere chronische Beeinträchtigungen der körperlichen und psychischen Funktionsfähigkeit und eine ausgeprägte Verschlechterung nach leichter körperlicher Belastung sind charakteristisch für das Krankheitsbild einer ME/CFS und haben bleibende Behinderungen bei der Ausübung von Alltagsfunktionen und Verluste an Lebensqualität und gesellschaftlicher Teilhabe zu Folge. Bislang ist unklar, wie groß der Anteil der so betroffenen Personen nach SARS-CoV-2-Infektion ist.

Abgesehen von sehr vielschichtigen gesundheitlichen Symptomen mehren sich Hinweise auf umschriebene Organkomplikationen und neu aufgetretene chronische nicht-übertragbare Krankheiten als mögliche Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion, auch bei Personen ohne schweren Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion (siehe auch systematisches Review). Hierzu zählen bleibende Schädigungen der Lunge und damit einhergehende Verschlechterungen der Lungenfunktion, Einschränkungen der Nierenfunktion, Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Herzmuskelentzündungen, Herzinfarkt, Schlaganfall und Thromboembolien) und Diabetes mellitus. Auch eine Anfang 2022 publizierte Studie aus Deutschland berichtete signifikant häufigere zuvor nicht bekannte Multi-Organ-Schädigungen bei Erwachsenen im Alter von 45-74 Jahren mit überwiegend mildem Krankheitsverlauf nach gesicherter SARS-CoV-2-Infektion im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Die ursächlichen Zusammenhänge zu einer vorangegangenen SARS-CoV-2-Infektion sind hierbei noch nicht geklärt. Zum einen sind die Krankheitsmechanismen noch nicht aufgeklärt. Zum anderen müssen unerkannte Vorerkrankungen und Gesundheitsrisiken, aber auch veränderte Lebens- und Versorgungsbedingungen während der Pandemie in Betracht gezogen werden.

Stand: 19.04.2022

Wie häufig treten gesundheitliche Langzeitfolgen von COVID-19 auf? Sind auch Erkrankte mit milden Verläufen betroffen?

Wie häufig gesundheitliche Langzeitfolgen nach einer COVID-19-Erkrankung auftreten, kann noch nicht verlässlich geschätzt werden. Je nach Datenbasis, Falldefinition und Studienmethodik (wie z. B. der Dauer der Nachbeobachtungszeit, der Anzahl der erfassten Symptome und Gesundheitsprobleme oder dem Vorhandensein einer Kontrollgruppe) kommen unterschiedliche Studien zu sehr unterschiedlichen Schätzungen. So zeigt eine Bestandsaufnahme von 23 Übersichtsarbeiten und 102 Originalarbeiten, dass der Anteil von Erwachsenen mit gesundheitlichen Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion in Studien von Erwachsenen, die nicht wegen COVID-19 im Krankenhaus behandelt werden mussten, stark variierte und zwischen 7,5% und 41% lag. Bei Erwachsenen, die wegen einer COVID-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden mussten, wurden bei 37,6% gesundheitliche Langzeitfolgen berichtet.

Wichtig zu wissen ist, in welchem Ausmaß von Long-COVID/Post-COVID betroffene Menschen gesundheitsbedingte Einschränkungen ihrer alltäglichen Funktions- und Leistungsfähigkeit erleben. Nur so können Angebote zur psychosozialen Unterstützung, medizinischen Versorgung und Rehabilitationsmaßnahmen bedarfsgerecht angepasst werden. Die Datenlage hierzu ist noch lückenhaft. Basierend auf einer dreiwöchigen Online-Befragung in einer nicht repräsentativen Stichprobe von 338 medizinischen Rehabilitations-Einrichtungen (dies entspricht 31% aller Einrichtungen), welche von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) im September und Oktober 2021 durchgeführt wurde, hatten 7,1% der Reha-Patientinnen und Patienten eine Post-COVID-(Zusatz-)Diagnose. Darüber hinaus berichten einige Studien, dass Patientinnen und Patienten nach einer vorangegangenen COVID-19-Erkrankung z. T. über Wochen bis Monate arbeitsunfähig sind – unabhängig davon, ob ein Post-COVID-Zustand erkannt und diagnostiziert wurde. Analysen von ambulanten Versorgungsdaten in einer repräsentativen Stichprobe von Arztpraxen in Deutschland zeigten, dass 5,8% der Erwachsenen mit COVID-19-Diagnose mindestens 4 Wochen nach der Diagnosestellung noch krankgeschrieben waren. Nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) wurden bereits für 132.153 Menschen Berufskrankheiten in Zusammenhang mit COVID-19 anerkannt (Stand 28.02.2022). Nach einer SARS-CoV-2-Infektion wird zudem eine häufigere Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen wegen körperlicher und psychischer Neuerkrankungen berichtet, sowie ein vermehrter Medikationsbedarf und eine höhere Sterblichkeit (siehe hierzu auch systematisches Review). Auch eine als Preprint erschienene umfassende Analyse von Daten der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland zeigt, dass verschiedene körperliche und psychische Diagnose- und Symptomkomplexe bei Personen mit einer vorangegangenen COVID-19-Erkrankung deutlich häufiger dokumentiert wurden als bei Personen ohne eine nachgewiesene SARS-CoV-2-Infektion. Die Gruppenunterschiede waren für Erwachsene, aber auch für Kinder und Jugendliche statistisch signifikant, wobei absolute Häufigkeiten von neu diagnostizierten Erkrankungen bei Erwachsenen häufiger vorkamen. Darüber hinaus zeigt eine deutsche Kohortenstudie bei hospitalisierten COVID-19-Erkrankten eine 180-Tages-Mortalität von 30% und eine Re-Hospitalisierungsrate von 27%.

Stand: 19.04.2022

Sind Faktoren bekannt, die das Risiko für gesundheitliche Langzeitfolgen von COVID-19 beeinflussen?

Nach bisherigen Erkenntnissen steigt das Risiko für Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion mit dem Schweregrad der COVID-19-Erkrankung. Darüber hinaus scheinen eine Reihe von vorbestehenden Erkrankungen und Gesundheitsrisken das Risiko für Langzeitfolgen von COVID-19 zu erhöhen. Beides ist sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche beschrieben. Eine umfassende medizinische Untersuchung von Erwachsenen mit COVID-19 über drei Zeitpunkte zeigte, dass das Risiko für gesundheitliche Langzeitfolgen bereits zum Zeitpunkt der SARS-CoV-2-Infektion erheblich variiert und besonders stark zunimmt, wenn einer der folgenden Faktoren vorliegt: hohe Viruslast, im Blut nachweisbare spezifischen Autoantikörper, labormedizinischer Nachweis einer früheren Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus, vorbestehender Diabetes mellitus. Übereinstimmend ist in vielen Studien beobachtet worden, dass Mädchen und Frauen (insbesondere Frauen im jüngeren und mittleren Erwachsenenalter) häufiger von Long-COVID/Post-COVID betroffen sind als Jungen und Männer dieser Altersgruppen. Unter Kindern und Jugendlichen scheinen die Teenager deutlich häufiger betroffen zu sein als jüngere Kinder, wohingegen sich bei Erwachsenen der Häufigkeitsgipfel für bislang bekannte Langzeitfolgen im jüngeren und mittleren Erwachsenalter zeigt. Einige bevölkerungsbezogene Studien zeigen, dass Angehörige von Gesundheitsberufen und Menschen in sozial benachteiligten Regionen besonders häufig von Langzeitfolgen einer COVID-Erkrankung betroffen sind, was allerdings bislang durch das deutlich höhere Infektionsrisiko zu erklärt werden scheint.

Stand: 19.04.2022

Können Kinder auch gesundheitlichen Langzeitfolgen von COVID-19 entwickeln?

Auch Kinder und Jugendliche können von gesundheitlichen Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion oder COVID-19-Erkrankung betroffen sein. Dabei unterscheidet sich die Art der Symptome, die bei Kindern und Jugendlichen beschrieben sind, nicht wesentlich von denjenigen, die für Erwachsene berichtet werden. Allerdings beziehen sich die bisherigen wissenschaftlichen Studien zu gesundheitlichen Langzeitfolgen nach einer SARS-CoV-2-Infektion überwiegend auf Erwachsene. Die Datenlage bei Kindern und Jugendlichen ist nach wie vor sehr eingeschränkt.

In der bislang größten Nachbeobachtung von Kindern und Jugendlichen mit Krankenhausbehandlung wegen COVID-19, hatten etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen auch mehrere Monate nach Entlassung noch mindestens ein gesundheitliches Problem. Bevölkerungsbezogene oder selbst selektionierte Stichprobenuntersuchungen, welche auch Kinder und Jugendliche mit leichteren oder wenig symptomatischen Verläufen einer COVID-19-Erkrankung einbeziehen, berichten hingegen ein geringeres Vorkommen von Symptomen, die über die akute Krankheitsphase von 4 Wochen nach Infektion bzw. nach Krankheitsbeginn hinaus noch vorliegen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zu entsprechenden Studien berichtet Häufigkeiten von 2%-3,5% bei überwiegend nicht hospitalisierten Kindern. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen stellt die Abgrenzung gesundheitlicher Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion von indirekten gesundheitlichen Folgen der Pandemie eine besondere Herausforderung dar. Tatsächlich wird in bisherigen Studien bei einem Vergleich von Kindern und Jugendlichen mit und ohne SARS-CoV-2-Infektion (Fall-Kontroll-Studien) sehr häufig kein Unterschied in der Häufigkeit einzelner betrachteter Symptome berichtet (siehe auch systematisches Review). Allerdings finden sich offenbar Unterschiede nach Art und Anzahl der betrachteten Symptome. In einer Meta-Analyse von Studien mit Kontrollgruppe wurde nach einer SARS-CoV-2-Infektion ein signifikant erhöhtes Risiko für kognitive Störungen, Kopfschmerzen, Geruchsverlust, Halsschmerzen und entzündete Augen berichtet. Kein Unterschied im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen ohne eine SARS-CoV-2-Infektion zeigte sich hingegen für Bauchschmerzen, Husten, Abgeschlagenheit, Schlaflosigkeit, Muskelschmerzen, Diarrhoe, Fieber, Schwindel und Atemnot. In der bislang größten Verlaufsbeobachtung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne SARS-CoV-2-infektion, der britischen CLoCk-Studie wiesen Kinder und Jugendliche nach SARS-CoV-2-Infektion häufiger multiple Symptome auf als diejenigen in der Vergleichsgruppe. Eine bislang als Preprint veröffentlichte Analyse von GKV-Daten in Deutschland zeigt, dass bei Kindern und Jugendlichen nach einer vorangegangenen COVID-19-Erkrankung die Inzidenz für verschiedene körperliche und psychische Diagnose- und Symptomkomplexe erhöht ist.

In der Diskussion um COVID-19 bei Kindern wird international seit Beginn der Pandemie auch über seltene besonders schwere Fälle berichtet, die ca. 2 Wochen nach einer akuten COVID-19-Erkrankung oder SARS-CoV-2-Infektion eine intensivmedizinische Behandlung benötigen. Es handelt sich um eine starke entzündliche Immunreaktion (das sogenannte Multisystem inflammatory syndrome in children (MIS‐C) oder auch Pediatric inflammatory multisystemic syndrome (PIMS), siehe dazu auch aktuelle Ergebnisse der PIMS-Erfassung in Deutschland sowie weiterführende Informationen bei der WHO und den CDC). Betroffene Kinder leiden u.a. an hohem Fieber, Schmerzen, Erbrechen, Ausschlag und Müdigkeit. MIS-C oder auch PIMS stellen ein hochakutes Krankheitsbild überwiegend innerhalb von vier Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion dar. Durch den zeitlichen Kontext gehören diese Krankheitsbilder jedoch nicht zu gesundheitlichen Langzeitfolgen von Long-COVID und Post-COVID gemäß aktuellen Definitionen.

Als Grundlage für zukünftige Forschungsaktivitäten werden von international besetzten Arbeitsgruppen derzeit Falldefinitionen für Long-COVID/Post-COVID bei Kindern und Jugendlichen erarbeitet. Entsprechend dieser zwischen Expertinnen und Experten konsentierten Forschungsdefinition werden als Long-COVID Symptome bezeichnet (darunter mindestens ein körperliches Symptom), die nach einer bestätigten Diagnose von COVID-19 weiter bestehen oder neu auftreten, das körperliche, psychische oder soziale Wohlbefinden beeinträchtigen, das tägliche Leben in mindestens einen Bereich beeinträchtigen (z. B. Schule, Zuhause oder Beziehungen) und die über einen Zeitraum von mindestens 12 Wochen nach Infektionsbeginn andauern.

Stand: 19.04.2022

Wie kann man als Einzelperson den gesundheitlichen Langzeitfolgen von COVID-19 vorbeugen?

Hierzu ist noch wenig bekannt. Nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand ist die beste Möglichkeit das Vermeiden einer SARS-CoV-2-Infektion durch die Einhaltung der Infektionsschutzmaßnahmen. Zunehmend gibt es auch Hinweise darauf, dass eine vollständige SARS-CoV-2-Schutzimpfung nicht nur vor schweren Verläufen einer COVID-19-Erkrankung schützt, sondern auch die Ausprägung von Long-COVID-Symptomen nach einer Durchbruchinfektion mildern kann. Auch ein positiver Einfluss einer Impfung nach stattgehabter Infektion und bei bereits bestehenden Long-COVID-Symptomen wird beobachtet. Allerdings ist auch hier der Kenntnisstand nicht abgeschlossen.

Stand: 19.04.2022

Wie gut gesichert ist das aktuelle Wissen über die gesundheitlichen Langzeitfolgen von COVID-19?

Da das Virus SARS-CoV-2 und COVID-19 als Krankheitsbild erst seit Anfang 2020 bekannt sind, sind die Ursachen von COVID-19-Langzeitfolgen, das Risikoprofil der Betroffenen und die unterschiedlichen Symptomkomplexe und Krankheitsverläufe noch nicht vollständig erforscht. Es ist daher aktuell noch nicht möglich sicher abzuschätzen, wie häufig Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion bzw. COVID-19-Erkrankung auftreten, ob es geeignete Frühwarnzeichen gibt (z. B. Veränderung bestimmter Blutwerte), welche Behandlung für wen gut geeignet ist, und wie groß der Anteil der Betroffenen ist, der bleibende Auswirkungen mit sich tragen wird. Besonders über die gesundheitlichen Langzeitfolgen bei Kindern und Jugendlichen und bei älteren Menschen ist bisher wenig bekannt.

International aber auch in Deutschland sind mittlerweile eine Vielzahl an wissenschaftlichen Studien angelaufen, um mögliche Langzeitfolgen nach einer COVID-19-Erkrankung oder SARS-CoV-2-Infektion besser zu verstehen und erkrankten Menschen eine gute gesundheitliche Versorgung und Unterstützung zu sichern (siehe Übersichtsarbeiten in BMJ und Science). So werden in Deutschland etwa über das Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Nationalen Pandemie Kohorten Netzes (NAPKON) Erwachsene mit SARS-CoV-2-Infektion im Hinblick auf Folgeerkrankungen und gesundheitsbezogene Lebensqualität weiter beobachtet. Zusätzliche Vorhaben zu Erforschung von Long-COVID werden im Rahmen eines aktuellen BMBF-Förderungsschwerpunktes gefördert. Zu gesundheitlichen Langzeitfolgen von COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen wird z.B. im Rahmen des Post-COVID-19 Surveys der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie geforscht. Darüber hinaus gibt es eine internationale Arbeitsgruppe zu Post-COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen (Pediatric International Long-COVID Care Collaboration), in der auch einige deutsche Forschungsgruppen vertreten sind.


In Deutschland wurde in der zweiten Jahreshälfte 2021 eine Interministerielle Arbeitsgruppe (IMA) „Long-COVID“ gegründet, um das vorhandene Wissen zu bündeln, Forschungsfragen zu formulieren und -aktivitäten zu fördern, Kommunikationsbedarfe und -angebote zu identifizieren und eine gute medizinische und soziale Versorgung für Betroffene sicherstellen zu können.

Stand: 19.04.2022

Was macht das RKI?

In die aktuell laufenden Verlaufsstudien des Corona-Monitorings am RKI wurden sowohl auf regionaler Ebene (CoMoLo) als auch auf bundesweiter Ebene (CoMoBu) Fragen zu Long-COVID eingebracht. Dies soll Vergleiche von Personen mit und ohne SARS-CoV-2-Infektion in Hinblick auf Symptome, Lebensqualität, Inanspruchnahme medizinischer Versorgung und gesundheitsbedingte Einschränkungen im Alltag ermöglichen. Darüber hinaus wurden Fragestellungen zu Long-COVID soweit wie möglich in verschiedene laufende epidemiologische Studien des RKI zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen eingebracht. Hierzu zählen die Studie „Kindergesundheit in Deutschland aktuell“ (KIDA) und die Nachbeobachtungsphase zur Corona-KiTa-Studie, zu welcher auch das Modul COALA zählt.

Da Krankheitsbild, zugrunde liegende Ursachen und Krankheitsverläufe von COVID-19-Langzeitfolgen nicht vollständig erforscht sind und ständig neue, zum Teil sehr heterogene Studienergebnisse hinzukommen, ist es wichtig, das vorhandene Wissen zu bündeln und in verständlicher Weise zusammenzufassen. Daher wird am RKI fortlaufend wissenschaftliche Evidenz zu Long-COVID zusammengeführt und in regelmäßig aktualisierte Dokumente zu COVID-19 auf der Homepage des RKI eingepflegt (Steckbrief, FAQs). Darüber hinaus wird am RKI derzeit eine umfassendere systematische Evidenzsynthese zu Long-COVID in Kooperation mit externen Partnern durchgeführt. Über Vertreterinnen und Vertreter von Long COVID Deutschland wird auch die Perspektive von Personen einbezogen, die von Long-COVID betroffen sind. Mit dieser Bestandsaufnahme sollen Forschungslücken zu Long-COVID, gerade auch bei Kindern und Jugendlichen, identifiziert und eine Grundlage für gezielte fortlaufende Evidenzsynthesen („living rapid reviews“) geschaffen werden.

Darüber hinaus werden unter Beteiligung des RKI Daten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) genutzt, um Häufigkeit, Dauer und Beeinträchtigungsgrad von Long COVID in Deutschland bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen zu untersuchen. In Kooperation mit sechs Krankenkassen und wissenschaftlichen Partnern in der Versorgungsforschung konnte in einer ersten Analyse von Daten aus dem Jahr 2020 gezeigt werden, dass nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen noch Monate nach einer dokumentierten SARS-CoV-2-Infektion signifikant häufiger körperliche und psychische Gesundheitsprobleme neu diagnostiziert wurden als bei sorgfältig gematchen Vergleichspersonen ohne dokumentierte SARS-CoV-2-Infektion. Erste Studienergebnisse wurden als Preprint publiziert.

Auf der Grundlage dieser Arbeiten war das RKI in der zweiten Jahreshälfte 2021 aktiv an der Arbeit der Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMA) zur Synthese von Forschungs- und Handlungsbedarf zu Long COVID beteiligt. Darüber hinaus konnte Ende 2021 mit Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit das Projekt „Postakute gesundheitliche Folgen von COVID-19“ (Projektlaufzeit: 01.12.2021–31.12.2023) am RKI aufgenommen werden. Im Fokus stehen dabei die folgenden Aufgaben: 1) Fortsetzung der Public Health Forschung zu Long-COVID insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Sekundärdaten auf Basis der Vorarbeiten in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) der Dresdner Hochschulmedizin, dem Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin (InGef) und mehreren gesetzlichen Krankenkassen; 2) Ausbau der Zusammenarbeit zwischen RKI und Partnern in Public Health, Versorgungsforschung, klinischer und biomedizinischer Forschung zu Long-COVID auf nationaler und internationaler Ebene; 3) Aufbau einer Projekt-Website und Ausbau der Wissenschaftskommunikation zu Long-COVID am RKI in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und dem nationalen Gesundheitsportal des BMG.

Stand: 19.04.2022

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