Wie wird die Grippe-Aktivität in Deutschland erfasst?
Zum einen müssen Laboratorien (gemäß den Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes, IfSG) Influenzavirus-Nachweise an die zuständigen Gesundheitsämter melden, die sie über die Landesbehörden an das Robert Koch-Institut übermitteln. Natürlich werden dabei nur Erkrankungsfälle erfasst, bei denen rechtzeitig Probenmaterial zur Bestätigung der Diagnose entnommen und zur Untersuchung an ein Labor eingeschickt wurde. Dies ist für die Beurteilung der zeitlichen Entwicklung einer Grippewelle nützlich.
Die durch das Meldesystem erhobenen Daten sind nicht ausreichend, um die Krankheitslast auf Bevölkerungsebene zu bestimmen. Dafür werden die Daten der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) genutzt. Die AGI ist ein Netzwerk von rund 700 regelmäßig an das RKI berichtenden Ärzten, die zusammen etwa ein Prozent der Bevölkerung versorgen. Sie teilen dem Robert Koch-Institut alle akuten Atemwegserkrankungen (akute respiratorische Erkrankungen [ARE], dazu zählen Rachenentzündungen, Lungenentzündungen und Bronchitis) mit, außerdem die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Arbeitsunfähigkeiten (oder Pflegebedürftigkeit) aufgrund einer solchen Diagnose. Die Häufigkeit der Atemwegserkrankungen sind, zusammen mit den Informationen aus der virologischen Überwachung (siehe unten) und den Meldedaten gute Kriterien zur Einschätzung der Influenza-Aktivität. Die ARE-Daten werden auch als sogenannte Konsultationsinzidenz in fünf Altersgruppen dargestellt, das ist die geschätzte Zahl der ARE-Patienten in Arztpraxen pro 100.000 Einwohner in der jeweiligen Altersgruppe.
Das Nationale Referenzzentrum für Influenza nimmt im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Influenza die Aufgabe der virologischen Surveillance wahr, etwa 150 Arztpraxen senden dem Referenzzentrum Nasen- oder Rachenabstrichproben von Patienten mit typischen Influenzasymptomen ein. Der Anteil der Proben, in denen Influenzaviren nachgewiesen werden (die sogenannte Positivenrate) ist eine wichtige Information auch für Ärzte, weil sie darstellt, wie zuverlässig eine Diagnose anhand von klinischen Symptomen gestellt werden kann (zum Höhepunkt einer Influenzawelle liegt die Positivenrate bei mehr als 50 Prozent). Andere Laboratorien, insbesondere spezialisierte Laboratorien der Bundesländer tragen durch Erkennung und Isolierung von Viren ebenfalls zur Identifizierung und Charakterisierung der zirkulierenden Influenzaviren bei.
Für die Einschätzung der Situation werden alle Datenquellen zusammen bewertet und wöchentlich (im Sommer (KW 16 bis 39) monatlich) sowie am Ende jeder Influenzasaison auf der RKI-Internetseite der Arbeitsgemeinschaft Influenza veröffentlicht. Die Gesamtzahl der in einer Saison über das erwartete Maß hinausgehenden Arztbesuche aufgrund einer akuten Atemwegserkrankung wird nach jeder Saison geschätzt. Diese Gesamtzahl entspricht vermutlich in etwa der Zahl der arztpflichtigen Influenza-Erkrankungen der entsprechenden Saison. Saisonale Influenzawellen verursachen in Deutschland jährlich zwischen einer und fünf Millionen zusätzliche Arztkonsultationen. Während der saisonalen Grippewellen werden in Deutschland schätzungsweise 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung infiziert (nicht jeder Infizierte erkrankt und nicht jeder Erkrankte geht zum Arzt).
Seit März 2011 fragt das RKI über ein Onlineportal die Bevölkerung auch direkt nach akuten Atemwegserkrankungen (GrippeWeb). Wenn sich genügend Teilnehmer registrieren und die wöchentliche Frage nach einer akuten Atemwegserkrankung, darunter auch solche mit grippetypischer Symptomatik, beantworten, kann der saisonale Verlauf von Atemwegserkrankungen im allgemeinen und grippeähnlichen Erkrankungen im besonderen verfolgt werden. Zudem helfen die Daten, den Anteil der Erkrankten zu schätzen, die einen Arzt aufsuchen.
