Was bedeuten Mutationen bei Influenzaviren?
Als Mutationen werden Veränderungen im Erbgut bezeichnet. Bei Influenzaviren sind Mutationen nicht ungewöhnlich. Sie gehören zur Gruppe der so genannten RNA-Viren, bei denen die üblichen Kopierfehler beim Vermehren der Erbsubstanz nicht repariert werden, genetische Veränderungen können damit leichter entstehen. Vor allem das Oberflächenmolekül Hämagglutinin (H oder HA) verändert sich stetig in geringem Umfang. HA ist ein Eiweißstoff, der für die Erkennung durch das Immunsystem entscheidend ist. Bei saisonalen Influenzaviren ist eine solche Antigendrift lange bekannt, dadurch entstehen regelmäßig neue Varianten, die es erforderlich machen, den Impfstoff gegen die saisonale Influenza jeden Winter neu anzupassen.
Die Analyse des HA-Gens der Neuen Influenzaviren A H1N1 („Schweinegrippe“) zeigt, dass diese Viren inzwischen zwei großen Gruppen zugeordnet werden können; der vorhandene Impfstoff ist aber weiterhin wirksam. Der Impfstoff gegen die Neue Influenza enthält Adjuvantien, Wirkverstärker, die eine breitere Immunantwort auslösen, so dass Geimpfte nach Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts auch gegen Driftvarianten geschützt sind.
Mutationen im Virusgenom müssen sich nicht notwendigerweise auf die krankmachenden Eigenschaften oder die Übertragbarkeit eines mutierten Virus auswirken. Häufig werden solche veränderten Viren sogar schlechter übertragen und stellen dann keine unmittelbare Gefahr da.
Das Hämagglutinin ist auch entscheidend für das Eindringen von Influenzaviren in die Zellen. Es muss wie ein Schlüssel auf das Gegenstück, den Rezeptor, passen, der sich auf den menschlichen Zellen befindet. Seit November 2009 gab es Berichte über Mutationen im Hämagglutinin-Gen bei Virus-Funden in einzelnen Staaten („D225G-Mutation“). Die Weltgesundheitsorganisation schätzt in ihrer "Briefing Note 17“ vom 20. November 2009, dass die Mutationen Einzelfälle sind und sich nicht verbreitet haben. Es ist nach Meinung der WHO auch offen, ob mit dieser Mutation überhaupt ein schwererer Verlauf einhergeht, da es zahlreiche tödliche Verläufe ohne diese Mutation und auch leichte Verläufe trotz dieser Mutation gegeben hat. Die Viren mit der „D225G“-Mutation waren nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation bislang empfänglich gegenüber den antiviralen Medikamenten Oseltamivir und Zanamivir, auch die verfügbaren Impfstoffe sind weiter wirksam. Zu Mutationen, die eine Widerstandsfähigkeit (Resistenz) gegen ein Medikament, verursachen können, siehe Frage „Welche Medikamente stehen zur Verfügung?“.
Die D225G-Mutation ist in Deutschland noch nicht beobachtet worden. Die Überwachung der genetischen Eigenschaften von Influenzaviren wird in Deutschland insbesondere im Nationalen Referenzzentrum für Influenza durchgeführt, das am Robert Koch-Institut angesiedelt ist. Im Influenza-Wochenbericht wird regelmäßig über darüber berichtet.
Unter besonderer Beobachtung steht das so genannte PB1-F2-Gen, das in den Neuen Viren bislang blockiert ist (durch ein „Stopp-Codon“). Man vermutet, dass das entsprechende PB1-F2-Protein an der Unterdrückung immunologischer Abwehrreaktionen durch das Virus beteiligt ist. Daher könnte die Blockade dieses Gens einer der Gründe für die meist milden Krankheitsverläufe des neuen Virus sein. Anhand der Sequenz, der Reihenfolge der Erbgutbausteine, ist zu sehen, dass bereits eine einzelne Punktmutation im PB1-F2-Gen die „Gen-Blockade“ aufheben könnte. Es ist allerdings auch vorstellbar, dass eine solche Mutation die Virulenz des Virus im Menschen nicht beeinträchtigt.
Eine Besonderheit von Influenzaviren ist das Vorliegen ihres Erbguts in einzelnen Abschnitten. Diese Erbgutsegmente können zwischen Virusstämmen ausgetauscht werden und für das Immunsystem völlig neue Kombinationen ermöglichen (Antigenshift oder Reassortment, siehe auch die Frage „Wie ist das Pandemievirus entstanden?“). Bisher sind solche Veränderungen beim pandemischen H1N1 Virus seit seiner ersten Isolation im April 2009 nicht beobachtet worden.
