Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2006
An dieser Stelle sollen einige herausragende infektionsepidemiologische Ereignisse des Jahres 2006 exemplarisch zusammengefasst werden. Weiterführende Details und andere interessante Beobachtungen sind den jeweiligen Kapiteln zu entnehmen. Vertiefende Analysen sowie ausführliche Darstellungen wichtiger Ausbrüche werden zusätzlich im Epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Institut (RKI) und in verschiedenen Fachzeitschriften publiziert.
Der Inzidenzanstieg bei Masern im Jahr 2006 war durch Ausbrüche bedingt. Bereits im Januar gab es sowohl in Baden-Württemberg als auch in Nordrhein-Westfalen mehr Masernmeldungen als im Vorjahr. Der Anstieg in Baden-Württemberg konnte auf eine Häufung mit Ursprung im Landkreis Esslingen zurückgeführt werden, die sich im weiteren Verlauf auf den Großraum Stuttgart ausweitete. Es wurden insgesamt 68 Erkrankungsfälle in der 2. bis 17. Meldewoche übermittelt. Keiner der Patienten – überwiegend Kinder im Alter zwischen 1 und 9 Jahren – war geimpft. Die meisten stammten aus einem Umfeld, in dem Impfungen – insbesondere die gegen Masern – als unnötig angesehen und daher abgelehnt wurden. Auch in Nordrhein-Westfalen traten zwischen Januar bis September 2006 deutlich mehr Masernfälle als im Vorjahr auf. In 20 der 54 Kreise des Bundeslandes lag die Inzidenz über 5 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner, die höchste Inzidenz verzeichnete der Stadtkreis Duisburg mit 122 Erkr./100.000 Einw. Am häufigsten betroffen waren Schulkinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Daneben fiel die hohe Zahl von erkrankten Säuglingen auf (124), die für eine unzureichende Herdimmunität1 spricht. Die überwiegende Mehrzahl der Erkrankten war ungeimpft. Die Altersverteilung der Erkrankungsfälle weist auf bestehende Impflücken bei Jugendlichen hin.
Die Anzahl der Häufungen und der in ihnen erfassten Erkrankungen durch das Norovirus waren während des gesamten Jahres größer als im Vorjahr. Mehr als drei Viertel der übermittelten Erkrankungen (79%) traten im Rahmen von Häufungen auf, die Anzahl der im Berichtsjahr übermittelten Häufungen ist im Vergleich zum Vorjahr um 53 % gestiegen. Mitte März (11. Meldewoche) erreichte die Saison 2005/2006 ihren Höhepunkt mit 113 Ausbrüchen pro Woche. Ab Anfang Oktober war ein Anstieg auf über 200 wöchentlich übermittelte Ausbrüche zu verzeichnen. Ähnlich wie im letzten Jahr spielten sich 73 % dieser Ausbrüche in Krankenhäusern sowie Pflege- und Altenheimen ab. Kindergärten und Kindertagesstätten waren mit 16 % betroffen.
Im Jahr 2006 wurde erneut eine große Häufung von hämolytisch-urämischem Syndrom (HUS) in Norddeutschland (Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen) bei Kindern im Alter von 9 Monaten bis zu 10 Jahren beobachtet. Von April bis Juli wurden in diesem Zusammenhang 16 HUS-Erkrankungen und 5 EHEC-Infektionen (enterohämorrhagische E. coli) übermittelt. Wie schon bei den beiden Häufungen im Jahr 2002 wurde diese Häufung durch Infektionen mit einem sorbitol-fermentierenden Stamm des EHEC-Serovars O157:H- verursacht.
Die Rotavirus-Erkrankung war im Berichtsjahr die zweithäufigste meldepflichtige Krankheit nach der Norovirus-Gastroenteritis. Die Zahl der Rotavirus-Fälle ist, nachdem sie im Jahr 2004 auf 37.813 Fälle zurückgegangen war, wieder gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr (54.289) nahm die Zahl der Erkrankungen um 23% zu und stieg auf 67.016 an. Das ist die seit Einführung des Infektionsschutzgesetz (IfSG) höchste übermittelte Fallzahl und liegt um 41% über dem Mittelwert der Vorjahre. Wie bereits in den Vorjahren zeigte sich ein deutlicher saisonaler Gipfel im März.
Auch 2006 war eine weitere Zunahme der neu diagnostizierten HIV-Infektionen in den wichtigsten Betroffenengruppen, insbesondere bei Männern, die Sex mit Männern haben, zu verzeichnen. Die Inzidenz der HIV-Erstdiagnosen in den Flächenländern war sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern deutlich niedriger als in den großstädtischen Ballungszentren. Bei Männern wie Frauen lag der Inzidenz-Gipfel neu diagnostizierter HIV-Infektionen in der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen (13,1 bzw. 4,9 Fälle/100.000 Einw.).
Bei der Tuberkulose war wie in den vergangenen Jahren ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr von fast 10 % zu verzeichnen (von 7,3 Erkr./100.000 Einw. auf 6,6). Jedoch zeigten sich regionale Unterschiede; so war die Inzidenz insbesondere in den Stadtstaaten Hamburg (11,1), Bremen (9,8) und Berlin (9,5) im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt (7,3) deutlich höher. Die Anzahl der mit Häufungen (mit Beginn im Jahr 2005) assoziierten Fälle ist 2006 von ursprünglich 220 auf 316 Fälle angestiegen. Damit erhöhten sich die Fallzahlen, die mit einer Infektionskette assoziiert waren, um fast 50 %. Dies zeigt, dass Infektionsketten auch noch über einen langen Zeitraum weiterbestehen.
Zum ersten Mal seit Einführung des IfSG wurden dem RKI Erkrankungsfälle an Chikungunya- Fieber übermittelt. Es handelte sich insgesamt um 53 importierte Chikungunya-Erkrankungen, die die Referenzdefinition erfüllten. Der Großteil (46; 87%) der Erkrankungen wurde in den Monaten März bis Juni übermittelt. Hämorrhagische Verläufe gemäß WHO-Definition und Falldefinition sowie Todesfälle traten nicht auf. Erkrankungen aus der ersten Hälfte des Jahres wurden aus afrikanischen Infektionsländern importiert, während die Infektionen aus der zweiten Jahreshälfte überwiegend in Asien erworben worden waren.
Im Juli 2006 (29. Meldewoche) wurde eine Lassavirus-Erkrankung gemäß § 12 IfSG an das RKI gemeldet. Der 69-jährige Patient hatte die Infektion aus Sierra Leone, seinem ursprünglichen Heimatland, importiert. Von dort war er 10 Tage vor Diagnosestellung mit Fieber und unklaren neurologischen Symptomen nach Deutschland eingereist. Die Diagnose der Lassavirus-Erkrankung wurde über den RNA-PCR-Nachweis aus dem Liquor gestellt. Der Patient konnte nach dreimonatiger, teilweise intensivmedizinischer Behandlung in einer Sonderisolierstation eines Universitätsklinikums entlassen werden. Infektionen bei Kontaktpersonen sind nicht bekannt geworden.
Im Jahr 2006 wurden dem RKI 22 Trichinellosen und 2 Nachweise von Trichinella spiralis ohne klinische Symptomatik übermittelt. Sechzehn Erkrankungen sowie ein laborbestätigter Fall ohne klinische Symptomatik traten im Rahmen einer Häufung auf. Als Infektionsquelle wurde der Verzehr von Fleisch eines in Deutschland privat gehaltenen und geschlachteten Hausschweins vermutet. In Schinkenspeck und Leberwurst konnten Trichinenlarven in zum Teil hoher Konzentration nachgewiesen werden.
1 Herdimmunität ist der Grad der Immunität einer Population gegen einen Krankheitserreger, der Epidemien verhindert. Sie führt dazu, dass auch Ungeimpfte (in diesem Beispiel Kinder, die zu jung für eine Masernimpfung waren) einen relativen Schutz vor der Erkrankung haben.
