Logo Robert Koch-Institut (zur Startseite)



Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2005

An dieser Stelle sollen einige herausragende infektionsepidemiologische Ereignisse des Jahres 2005 exemplarisch zusammengefasst werden. Weiterführende Details und andere interessante Beobachtungen sind den jeweiligen Kapiteln zu entnehmen. Vertiefende Analysen sowie ausführliche Darstellungen wichtiger Ausbrüche werden zusätzlich im Epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Institut (RKI) und in verschiedenen Fachzeitschriften publiziert.

Von der 49. Meldewoche 2004 bis zur 14. Meldewoche 2005 wurden insgesamt 491 in Deutschland erworbene Erkrankungen durch Salmonella Bovismorbificans an das RKI übermittelt. Im Rahmen einer Fall-Kontroll-Studie zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Erkrankung und dem Verzehr von rohem Schweinefleisch. Die Lebensmittel-Rückverfolgung führte zu einem großen Schlacht- und Zerlegebetrieb in Nordrhein-Westfalen und von dort zu mehreren Schweinemastbetrieben in den Niederlanden, bei denen der Ausbruchsstamm nachgewiesen werden konnte. Dieser Ausbruch unterstreicht die Notwendigkeit eines Monitorings von Salmonellen in Schweinebeständen zur Verminderung derartiger Ausbrüche.

Im Februar kam es erstmals in Deutschland zu einer Übertragung von Tollwut im Rahmen von Organtransplantationen. Die infizierten Organe stammten von einer Organspenderin, die sich während eines Indienaufenthaltes mit Tollwutviren infiziert hatte. Drei von 6 Transplantatempfängern, denen Lunge, Niere/Pankreas bzw. eine Niere transplantiert wurde, entwickelten innerhalb von 6 Wochen nach Transplantation eine Gehirnentzündung mit tödlichem Ausgang. Bei den anderen 3 Empfängern, die Leber bzw. Hornhäute der mit Tollwut infizierten Patientin erhalten hatten, konnte mittels einer frühzeitig eingeleiteten Postexpositionsprophylaxe sowie durch das Entfernen der Hornhauttransplantate eine Erkrankung verhindert werden; bei dem lebertransplantierten Patienten war eine hohe Menge an neutralisierenden Antikörpern als Hinweis auf eine vorausgegangene Impfung gegen Tollwut gefunden worden.

In der ersten Jahreshälfte kam es in Hessen und Bayern zu regionalen Häufungen von Masernerkrankungen. In Hessen wurden von Januar bis Mai insgesamt 223 Masernfälle aus 5 Kreisen übermittelt. Die altersspezifischen Inzidenzen waren in den Altersgruppen 1 bis 4 Jahre am höchsten, gefolgt von der Altersgruppe der 5- bis 9-Jährigen. Die Mehrzahl der Fälle (95%) war ungeimpft und verteilte sich auf eine Vielzahl kleinerer Ausbrüche in Familien und Haushalten, zwischen denen keine Kontakte aufgedeckt werden konnten. In Bayern wurden von März bis Juli insgesamt 279 Masernfälle aus 8 Landkreisen Oberbayerns übermittelt. Hier waren Schulkinder am stärksten betroffen und auch hier waren fast alle Fälle (98%) ungeimpft.

Im Frühjahr traten in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen gehäuft Hantavirus-Erkrankungen auf. Im Vergleich zum Vorjahr verdoppelte sich die Inzidenz nahezu und betrug jetzt 0,5 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Verantwortlich dafür war höchstwahrscheinlich eine Massenvermehrung des Reservoirwirts, der Rötelmaus. Deren Populationsdichte hatte bereits im Verlauf des Jahres 2004 deutlich zugenommen und diese Entwicklung setzte sich 2005 weiter fort. Im Unterschied zu dem seit Einführung des Infektionsschutzgesetz (IfSG) beobachteten gehäuften Auftreten von Hantavirus-Erkrankungen in Baden-Württemberg und Bayern waren 2005 andere, weiter nördlich gelegene Bundesländer und dort vor allem städtische Gebiete betroffen.

In Sachsen-Anhalt wurde Mitte des Jahres eine Häufung von insgesamt 18 Ornithose-Erkrankungen festgestellt. Die Erkrankungen standen im Zusammenhang mit Infektionen bei Geflügel aus einem Geflügelhandel, bei denen Chlamydophila psittaci festgestellt worden war.

Im Sommer infizierten sich mehr als 300 Personen, die sich in der Nähe einer Wiese am Stadtrand von Jena aufgehalten hatten, mit Coxiella burnetii, dem Erreger des Q-Fiebers. Auf der Wiese hatten Schafe geweidet und gelammt. Dieser Ausbruch bestätigt die bestehenden Empfehlungen, dass Schafherden nicht näher als 500 Meter an Wohnsiedlungen weiden sollten, Ablammungen nicht im Freien stattfinden sollten sowie Muttertiere und Lämmer in den ersten 2 Wochen nach Ablammung nicht auf die Weide gelassen werden sollten.

Seit Mitte Oktober wurden in Nordrhein-Westfalen insgesamt 15 Fälle von Wundbotulismus bei injizierenden Drogenkonsumenten gemeldet. Ein weiterer Fall, der meldetechnisch dem Jahr 2006 zugeordnet wurde, gehört ebenfalls zu dieser Häufung. Wundbotulismus wird durch Neurotoxine des Bakteriums Clostridium botulinum hervorgerufen. Bei Wundbotulismus waren Atembeschwerden, Sehstörungen und Schluckbeschwerden die häufigsten übermittelten Symptome.

Ebenfalls im Oktober erkrankten 10 Teilnehmer einer Hasentreibjagd in Hessen an den Symptomen einer Tularämie. Die Infektion konnte bei 9 Jägern labordiagnostisch gesichert werden. Der Zehnte verstarb an einem mit Tularämie zu vereinbarenden Krankheitsbild, ohne dass die Diagnose labordiagnostisch gesichert werden konnte. Ein weiterer Mann mit labordiagnostischem Nachweis von Francisella tularensis bei nicht erfülltem klinischen Bild gehörte ebenfalls zu den Teilnehmern dieser Hasenjagd.

Gegenüber dem Vorjahr hat die Zahl der HIV-Erstdiagnosen um 13% zugenommen. Die Zunahmen verteilten sich nicht gleichmäßig auf die verschiedenen Bundesländer und Betroffenengruppen. Der deutlichste und kontinuierlichste Anstieg zeigte sich bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Kontakten.

Bei den Übermittlungen zur Kryptosporidiose ist es 2005 zu einem Anstieg um 40% gegenüber dem Jahr 2004 gekommen. Der aktuelle Anstieg könnte u.a. durch den häufigeren Einsatz des Antigennachweises im Stuhl bei der Labordiagnostik erklärt werden.

Die Influenzawelle des Winters 2004/2005 war – im Gegensatz zur schwachen Influenzawelle der Saison 2003/2004 – stark ausgeprägt. Die »aviäre Influenza« oder »Vogelgrippe« bei Geflügel (A/H5N1) hat auch 2005 in Asien weiterhin zu häufigen Ausbrüchen geführt, auffällig war im Laufe des Jahres die zunehmende Ausbreitung nach Westen. Menschliche Erkrankungen an aviärer Influenza blieben relativ selten: Laut WHO verstarben 2005 weltweit 41 Personen an den Folgen einer Infektion mit Influenza A/H5N1. Bei der Mehrzahl von ihnen war eine direkte Exposition zu erkranktem oder totem Geflügel vorausgegangen. In Deutschland kam es beim Menschen zu keiner Erkrankung durch den Erreger der aviären Influenza (s. Kap. 6.55).

Stand: 14.06.2006

Diese Seite: