Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2004
Nachfolgend sollen einige herausragende infektionsepidemiologische Ereignisse des Jahres 2004 exemplarisch zusammengefasst werden. Weiterführende Details und andere interessante Beobachtungen sind den jeweiligen Kapiteln zu entnehmen. Zusätzlich werden vertiefende Analysen sowie ausführliche Darstellungen wichtiger Ausbrüche im Epidemiologischen Bulletin des RKI und in anderen Fachzeitschriften publiziert.
Im I. Quartal gab es an mehreren Bundeswehrstandorten vermehrt Fälle von Augenbindehautentzündung, die sich bis März zu einem großen Ausbruch mit mehreren tausend Verdachtsfällen ausweiteten. Das klinische Bild entsprach einer Keratoconjunctivitis epidemica, jedoch gab es nur wenige Fälle mit Nachweisen von Adenoviren. Von über tausend übermittelten Fällen erfüllten 564 die Referenzdefinition – meist durch epidemiologische Bestätigung – und konnten veröffentlicht werden. Das Geschehen spielte sich zunächst unter jungen Männern in den Kasernen ab, wo vermutlich auch viele »Trittbrettfahrer« von der Gelegenheit der Krankschreibung profitierten, griff in der Folge aber auch auf Familienangehörige, Kindergärten und Schulen über.
Hepatitis-A-Viren waren 2004 für autochthone und importierte Ausbrüche verantwortlich. Im März und April gab es einen Hepatitis-A-Ausbruch mit 64 Fällen im südlichen Nordrhein-Westfalen und benachbarten Rheinland-Pfalz, der auf Backwaren zurückgeführt wurde. Im Sommer erkrankten 263 Gäste eines Hotels in Hurghada/Ägypten an Hepatitis A. Dieser Ausbruch wurde auf frisch gepressten Orangensaft zurückgeführt.
Unter den autochthonen Ausbrüchen sind auch eine Shigellen-Häufung bei homosexuellen Männern in Berlin, ein Paratyphus-Ausbruch unter Kunden eines Dönerstands in Süddeutschland und ein Typhus-Ausbruch unbekannter Ursache in Leipzig erwähnenswert. Bei Hantavirus-Erkrankungen wurde eine Ausweitung der bekannten endemischen Gebiete vor allem in Bayern beobachtet.
Neben lokalen Salmonellen-Ausbrüchen fielen zwei überregionale Häufungen der Serovare S.Goldcoast und S.Give auf, die ohne eine bundesweite Zusammenführung der Daten wohl schwer zu entdecken gewesen wären. Beide Häufungen wurden in Fall-Kontroll-Studien untersucht, die jeweils einen Zusammenhang mit dem Verzehr rohen Schweinefleischs – vorwiegend als Hackfleisch – aufzeigten.
Bezüglich der quantitativen Aspekte ist es bemerkenswert, dass 2004 die Salmonellosen, bei denen seit Jahren ein abnehmender Trend zu beobachten ist, zum ersten Mal seit Einführung des IfSG nicht mehr die am häufigsten übermittelte meldepflichtige Krankheit waren. An ihre Stelle traten die Norovirus-Gastroenteritiden, deren vermehrtes Auftreten sich in das Jahr 2005 hinein fortsetzt.
An dritter und vierter Stelle folgen mit den Campylobacter-Enteritiden und den Rotavirus-Erkrankungen weitere gastroenteritische Krankheiten.
Deutlich zurückgegangen ist die Zahl der Masernübermittlungen. Um diese günstige epidemiologische Situation weiter aufrechterhalten zu können, dürfen die Anstrengungen nicht nachlassen, das Ziel einer Durchimpfung von 95% in allen Bundesländern zu erreichen, wobei in keinem Kreis weniger als 85% der Kinder gegen Masern geimpft sein sollten. Insbesondere bei der zweiten Dosis der kombinierten Masern-Mumps-Röteln-Impfung ist trotz der bereits beobachteten Zunahme eine weitere Steigerung erforderlich.
Erkrankungen anSARS,dem »Schweren Akuten Respiratorischen Syndrom«, das von einem 2003 neu entdeckten Coronavirus ausgelöst wird, wurden 2004 in Deutschland nicht berichtet. Deshalb wurde entschieden, dieser im letzten Jahrbuch neu aufgenommenen Krankheit im vorliegenden Jahrbuch kein eigenes Kapitel mehr zu widmen. Außerhalb Deutschlands wurden im Januar 2004 in Guangdong (China) zunächst 2 Fälle berichtet, die zu einer den Jahreswechsel überspannenden Häufung von 4 Erkrankungen gehörten (insgesamt 3 bestätigte und eine wahrscheinliche SARS-Erkrankung). Im April wurden dann – wiederum aus China – weitere 9 Fälle berichtet, die von 2 Infektionen bei Mitarbeitern in einem Labor ausgingen. Eine Labormitarbeiterin steckte zuhause ihre Mutter, die an der Krankheit verstarb, sowie über eine Krankenschwester 5 weitere Personen an.
Zu den im IfSG nicht explizit genannten, nichtsdestoweniger wegen ihrer Bedrohlichkeit und infektionsepidemiologischen Bedeutung meldepflichtigen Krankheiten zählt auch das West-Nil-Fieber. Nachdem in Deutschland 2003 erstmalig Fälle übermittelt worden waren (ein 77-jähriger Mann aus Niedersachsen und eine 51-jährige Frau aus Bayern, die unabhängig voneinander bei Reisen in die USA erkrankt waren), wurde 2004 eine dritte Erkrankung berichtet. Es handelte sich um eine 77-jährige Frau aus Thüringen, die ebenfalls während einer USA-Reise erkrankte.
Eine der großen Herausforderungen des Jahres 2004 war die Vorbereitung auf eine mögliche Pandemie durch Influenzaviren des Subtyps A (H5N1), die als »aviäre Influenza« bzw. »Vogelgrippe « vorwiegend Wildvögel und Geflügel infizieren, in Einzelfällen mit zunehmender Häufigkeit aber auch schwere Erkrankungen beim Menschen verursachten. Befürchtet wird eine durch Rekombination menschlicher und aviärer Influenzavirusgene entstehende Variante, die dann auch von Mensch zu Mensch übertragbar wäre. Die »klassische« Influenzawelle des Subtyps A (H3N2) verlief in der Saison 2003/2004 im üblichen Rahmen.
