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Begründung der STIKO für die Influenza-Impfung bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) mit durch Infektionen getriggerten Schüben

  1. Relevanz: Es gibt einige aussagekräftige Kohortenstudien, die zeigen, dass die Rate der Exazerbationen innerhalb von 1 Woche bis zu 4 Wochen nach viralen Infektionen bei Patienten mit multipler Sklerose (MS) mit schubförmigem Verlauf deutlich höher ist als in Zeitintervallen ohne virale Infektion.4,8,11
  2. Wirksamkeit/Effektivität: Ob die Influenza-Impfung bei Patienten mit multipler Sklerose genauso wirksam ist wie bei Gesunden, ist nicht ausreichend untersucht.5,6 Die Influenza-Impfung dient nicht der Therapie der Grunderkrankung. In welchem Maße eine Influenza-Impfung Schübe bei der MS verhindern kann, ist unklar. Bei der Häufigkeit anderer viraler Infektionen als Auslösemechanismus für eine Exazerbation ist der Nachweis der Wirksamkeit, bezogen auf diesen Endpunkt, jedoch auch nur schwer zu erbringen. Die Impfung gegen Influenza kann nur Exazerbationen in Folge einer Influenza-Erkrankung verhindern.
  3. Sicherheit: Es gibt eine begrenzte Zahl (n=3) von randomisierten Studien zur Frage, ob die Rate von Exazerbationen innerhalb von 4 Wochen bis zu 6 Monaten nach Influenza-Impfung in der Verumgruppe höher als in der Plazebogruppe ist.5 bis 7 Hierfür ergibt sich kein Anhalt. Dies ist jedoch nur bedingt aussagekräftig, da keine Testung auf Äquivalenz durchgeführt wurde. Die Nicht-Ablehnung der Nullhypothese – das heißt, kein Unterschied – beweist nicht deren Richtigkeit. Darüber hinaus gibt es andererseits Daten aus Beobachtungsstudien, die eine Exazerbation in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung unwahrscheinlich erscheinen lassen.1,2
  4. Stellungnahmen und Empfehlungen anderer Arbeitsgruppen: In einem systematischen Review kommt Rutschmann10 zu der Schlussfolgerung, dass die Influenza-Impfung wegen ihres potenziellen individuellen Vorteils mit jedem einzelnen MS-Patienten individuell diskutiert werden sollte. In einer aktuellen deutschsprachigen Übersichtsarbeit der „Multiple-Sklerose-Therapie-Konsensus-Gruppe“ findet sich zur Grippeschutzimpfung bei MS folgende Formulierung9: „... kann die Grippeschutzimpfung MS-Patienten gerade vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie empfohlen werden“.

Fazit

Schübe einer MS-Erkrankung können durch virale Infektionen ausgelöst werden. Eine Influenza-Impfung reduziert möglicherweise die durch Influenza während einer Saison ausgelösten Schübe, ohne dass durch die Impfung selbst Erkrankungsschübe ausgelöst werden. Eine Influenza-Impfung eines bzw. einer MS-Patienten/in mit durch Infektionen getriggerten Schüben erscheint deshalb zur Minderung des individuellen Erkrankungsrisikos und in Übereinstimmung mit Empfehlungen von Fachgruppen gerechtfertigt und wird deshalb von der STIKO unter Berücksichtigung möglicherweise bestehender Kontraindikationen und weiterer individueller gesundheitlicher Bedingungen empfohlen.

Referenzen

  1. Confavreux C, Suissa S, Saddier P, Bourdes V, Vukusic S: Vaccinations and the risk of relapse in multiple sclerosis. Vaccines in Multiple Sclerosis Study Group. N Engl J Med 2001; 344: 319–326
  2. De Keyser J, Zwanikken C, Boon M: Effects of influenza vaccination and influenza illness on Exazerbations in multiple sclerosis. J Neurol Sci 1998; 159: 51–53
  3. de la Monte SM, Ropper AH, Dickersin GR, Harris NL, Ferry JA, Richardson EP, Jr.: Relapsing central and peripheral demyelinating diseases. Unusual pathologic features. Arch Neurol 1986; 43: 626–629
  4. Edwards S, Zvartau M, Clarke H, Irving W, Blumhardt LD: Clinical relapses and disease activity on magnetic resonance imaging associated with viral upper respiratory tract infections in multiple sclerosis. J Neurol Neurosurg Psychiatry 1998; 64: 736–741
  5. Miller AE, Morgante LA, Buchwald LY, Nutile SM, Coyle PK, Krupp LB, et al.: A multicenter, randomized, double-blind, placebo-controlled trial of influenza immunization in multiple sclerosis. Neurology 1997; 48: 312–314
  6. Mokhtarian F, Shirazian D, Morgante L, Miller A, Grob D, Lichstein E: Influenza virus vaccination of patients with multiple sclerosis. Mult Scler 1997; 3: 243–247
  7. Myers LW, Ellison GW, Lucia M, Novom S, Holevoet M, Madden D, et al.: Swine influenza virus vaccination in patients with multiple sclerosis. J Infect Dis 1977; 136: 546–554
  8. Panitch HS: Influence of infection on Exazerbations of multiple sclerosis. Ann Neurol 1994; 36: 25–28
  9. Rieckmann P (Mulitple Sklerose-Therapie-Konsensus-Gruppe): Immunmodulatorische Stufentherapie der Multiplen Sklerose. Nervenarzt 2002; 73: 556–563
  10. Rutschmann OT, McCrory DC, Matchar DB: Immunization and MS: a summary of published evidence and recommendations. Neurology 2002; 59: 1837–1843
  11. Sibley WA, Bamford CR, Clark K: (1985) Clinical viral infections and multiple sclerosis. Lancet 1985; 1: 1313–1315

Stand: 06.08.2004

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