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Verlauf und gegenwärtiger Stand der HIV-Epidemie in Deutschland, Ende 2009

Vermutlich Ende der 70er begann sich HIV in Deutschland auszubreiten. In Gruppen mit einem hohen Infektionsrisiko kam es bereits vor Verfügbarkeit von HIV-Testmöglichkeiten (1985) zu einem raschen Anstieg der Zahl der HIV-Infektionen. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre kam es durch Maßnahmen zur Sicherung von Blut und Blutprodukten, Verhaltensänderungen, Präventionskampagnen und durch Sättigungseffekte in Teilgruppen mit einem besonders hohen Infektionsrisiko zu einem Rückgang der HIV-Neuinfektionen.

Während der 90er Jahre schwankte die Zahl der HIV-Neuinfektionen um einen Wert von etwa 2.000 (in Deutschland oder von Deutschen im Ausland erworbene Infektionen) mit Veränderungen des Anteils verschiedener Betroffenengruppen im Zeitverlauf: Der Anteil der Menschen, die sich über heterosexuelle Kontakte infizierten, stieg an, der Anteil der intravenösen Drogenkonsumenten (IVD) und der Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten (MSM) ging zurück. Die Zahl der Personen aus Hochprävalenzländern, bei denen in Deutschland eine HIV-Diagnose erfolgte, stieg ebenfalls an.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends begann die Zahl der HIV-Neuinfektionen wieder zu steigen, primär bei MSM. Seit 2007 scheint sich die Zahl der HIV-Neudiagnosen in Deutschland auf einem Niveau von derzeit ca. 3.000 HIV-Neudiagnosen pro Jahr zu stabilisieren. Für den zwischen 2000 und 2006 beobachteten Anstieg sind wahrscheinlich eine Kombination und das Zusammenspiel von drei Faktoren verantwortlich:

1.) eine Veränderung der HIV-Therapiestrategien 1999/ 2000, die zu einem Rückgang des Anteils der medikamentös antiretroviral behandelten an den mit HIV diagnostizierten Personen führte;

2.) eine zunehmende Verwendung von Schutzstrategien vor allem bei MSM, bei denen der Kenntnis des HIV-Status ein größeres Gewicht dafür zukommt, ob Kondome mit einem bestimmten Partner benutzt werden (sog. HIV-Serosorting);

3.) die Wiederzunahme weiterer sexuell übertragbarer Infektionen (STI), vor allem der Syphilis, die zuvor in den 90er Jahren in Deutschland den niedrigsten jemals registrierten Ausbreitungsstand erreicht hatte.

Das Vorliegen von anderen STI wie z. B. Syphilis, Herpes genitalis oder Gonorrhö kann sowohl die Infektiosität von HIV-Infizierten als auch die Empfänglichkeit Nicht-HIV-Infizierter gegenüber HIV steigern.

Das Abflachen des Anstiegs bei den HIV-Neudiagnosen, welches seit Anfang 2007 registriert wird, kann möglicherweise als eine Folge des Abflachens der Syphilis-Zunahme interpretiert werden: Es scheint, als ob sich bei der Syphilis seit 2004 ein neues Endemieniveau etabliert hat, welches sich derzeit nicht mehr wesentlich verändert.

Im Bereich der Therapiestrategien ist derzeit ein Trend zu einem wieder früher einsetzenden Therapiebeginn zu beobachten. Unter präventiven Gesichtspunkten ist dieser Trend zu begrüßen, wobei der präventive Effekt einer antiretroviralen Therapie ein willkommener Nebeneffekt der Therapie ist, die Entscheidung zur Therapie aber primär auf dem gesundheitlichen Nutzen für die infizierte Person basieren muss.

Bezüglich der veränderten Schutzstrategien müssen die Probleme von HIV-Status-basierten Schutzstrategien insbesondere bei Gruppen mit hohen Partnerzahlen thematisiert werden. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, die Diagnostik und Therapie von STI zu verbessern. Eine Maßnahme, die ohne größere Hindernisse umsetzbar wäre, ist die Aufnahme der Syphilis-Serologie in den Katalog des regelmäßig erfolgenden Monitorings von Laborparametern bei sexuell aktiven HIV-infizierten Personen.

Erste AIDS-Fälle wurden in Deutschland Anfang der 80er Jahre berichtet. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der jährlich neu diagnostizierten Patienten mit AIDS-Manifestationen rasch an und erreichte mit etwa 2.100 neu diagnostizierten AIDS-Fällen 1994 den höchsten Wert. Seit 1995 geht die Zahl der AIDS-Neumanifestationen (AIDS-Inzidenz) und der AIDS-Todesfälle (AIDS-Mortalität) durch die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten zurück. Da zusätzlich die Zahl der HIV-Neuinfektionen ab 2000 angestiegen ist, nimmt seit 1995 und verstärkt seit 2001 die Zahl der lebenden HIV-Infizierten zu. Nach den aktuellen Schätzungen beträgt die Zahl der Menschen, die Ende 2008 in Deutschland mit HIV/AIDS leben, zwischen 64.000 und 70.000.

Geschätzte HIV/AIDS Inzidenz, Prävalenz und Todesfälle in Deutschland, Ende 2009 (Modell)

Geschätzte HIV/AIDS Inzidenz, Prävalenz und Todesfälle in Deutschland, Ende 2009  (Modell)HIV-Inzidenz (blaue Linie), AIDS-Inzidenz (rote Linie), HIV/AIDS-Todesfälle (schwarze Linie) beziehen sich auf die linke Achsenskalierung (Inzidenz); HIV-Prävalenz (gelbe Fläche), AIDS-Prävalenz (orange Fläche) beziehen sich auf die rechte Achsenskalierung (Prävalenz)

Stand: 23.11.2009

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