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Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Influenzapandemie 2009

Was ist eine Pandemie?

Eine Pandemie bezeichnet eine weltweite Epidemie. Eine Influenzapandemie wird durch ein neuartiges Influenzavirus verursacht, das in der Lage ist, schwere Erkrankungen hervorzurufen und sich gut von Mensch zu Mensch zu verbreiten. Da dieser neue Erreger zuvor nicht oder sehr lange nicht in der menschlichen Bevölkerung vorgekommen ist, ist das Immunsystem nicht vorbereitet und daher auch nicht geschützt. Die Influenza-Pandemien des vergangenen Jahrhunderts gingen mit Erkrankungs- und Sterberaten einher, die übliche, auch schwere, Influenzawellen übertrafen. Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass auch ein pandemisches Virus, das bei gesunden Menschen überwiegend vergleichsweise milde Symptome verursacht, durch die hohe Zahl von Erkrankten in einem begrenzten Zeitraum die Gesundheitssysteme eines Staates überlasten könne, insbesondere in Entwicklungsländern ("Assessing the severity of an influenza pandemic" vom 11.5.2009).

Stand: 10.06.2009

War die Pandemische Influenza 2009 eine Pandemie?

Auch wenn die pandemische Influenza (Schweinegrippe) 2009 unerwartet mild verlief, erfüllt sie sowohl die Kriterien des globalen Pandemieplans der Weltgesundheitsorganisation als auch die üblichen infektionsepidemiologischen Kriterien früherer Pandemien: Die entscheidenden Merkmale sind, dass es sich (i) um einen neuartigen Influenzaerreger handelte, der (ii) Erkrankungen und Todesfälle beim Menschen verursachte, gegen den (iii) weitgehend keine Immunität bestand, der (iv) leicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist und sich (v) sehr rasch weltweit verbreitet. Typisch für eine Influenzapandemie sind auch (vi) das Auftreten außerhalb der üblichen Grippesaison, (vii) die ungewöhnliche Altersverteilung bei den schwer Erkrankten, (viii) ungewöhnliche Erkrankungsverläufe (mehr primär virale Pneumonien und die Beobachtung von Komplikationen, die bei der saisonalen Influenza sehr selten sind, wie z.B. Influenza Myokarditis, Encephalitis und Encephalopathie) und (ix) die fast vollständige Verdrängung anderer Influenzaviren.

Stand: 26.07.2010

Hat die Weltgesundheitsorganisation die Pandemiephasen-Definition geändert, damit eine Pandemie ausgerufen werden konnte?

Der Vorwurf, die Weltgesundheitsorganisation habe die Pandemiephasen geändert, damit sie die Pandemie ausrufen konnte, trifft nicht zu. Auch nach den infektionsepidemiologischen Kriterien früherer Pandemien handelt es sich um eine Pandemie (siehe die Frage „War die Pandemische Influenza 2009 eine Pandemie?“). Gegen einen solchen Erreger müssen Maßnahmen ergriffen und insbesondere der Bevölkerung rasch ein Impfstoff angeboten werden, unabhängig von Phasendefinitionen.

Die Änderungen an der Phasendefinition waren vor Beginn der Pandemie abgeschlossen. Begonnen hatte die Überarbeitung Ende 2007 und resultierte nach umfassender internationaler Kommentierung in der Publikation der „WHO Guidance on Pandemic Influenza Preparedness and Response“ im April 2009 (http://www.who.int/influenza/resources/documents/pandemic_guidance_04_2009/en/).

Die Änderung der Phasendefinition spielte keine Rolle für die Ausrufung der Pandemie. Auch nach der alten Definition wäre die Pandemie, die Phase 6, ausgerufen worden. Die alte Definition der WHO-Phasen (Stand 2005) ist im Nationalen Pandemieplan für Deutschland (Stand 2007) enthalten: Damals war Phase 5 wie folgt definiert: “Große(s) Cluster, die Ausbreitung von Mensch zu Mensch ist jedoch weiter lokalisiert; es muss davon ausgegangen werden, dass das Virus besser an den Menschen angepasst ist, (möglicherweise) jedoch nicht optimal übertragbar ist (erhebliches Risiko einer Pandemie)“. Phase 6 war damals charakterisiert durch „Zunehmende und anhaltende Übertragung in der Allgemeinbevölkerung“. Eine entsprechende Lageeinschätzung gab es für Mexiko bereits im Mai 2009.

In der überarbeiteten Version war Phase 5 nun definiert durch eine Übertragung in mindestens zwei Staaten einer WHO-Region, Phase 6 war erreicht bei einer fortgesetzten Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neuen Influenzavirus in einer zweiten der insgesamt sechs WHO-Regionen.

Die Schwere war nie ein Kriterium für die Definition des Pandemiebeginns (Ausrufung der Phase 6). Das wäre auch problematisch. Über die Schwere der Erkrankung in der Bevölkerung gibt es zu Beginn einer Pandemie keine ausreichenden und aussagekräftigen Daten. Zudem kann die Schwere zwischen einzelnen Regionen oder Staaten unterschiedlich sein, und sie kann sich im Laufe der Zeit ändern. Aber natürlich spielt die Schwere eine wichtige Rolle für die Entscheidung über situationsangemessene Maßnahmen. Aus diesem Grund wurde die Schwere erstmals in dem WHO Pandemieplan von 2009 als eigener Abschnitt aufgenommen. Im Pandemieplan der WHO von 2005 war die Schwere lediglich in einer Fußnote gemeinsam mit weiteren Parametern (u.a. Transmissionsrate, Nachweis von Genen humaner Influenzastämme) als ein Faktor zur Einschätzung des Pandemierisikos in den Phasen 3, 4 und 5 genannt, nicht zur Unterscheidung der Phasen 3, 4 oder 5 und auch nicht zur Definition der Phase 6, des Pandemiebeginns.

Die Weltgesundheitsorganisation hat in ihrer „Briefing Note 21“ (http://www.who.int/csr/disease/swineflu/notes/briefing_20100610/en/index.html) darauf hingewiesen, dass auf ihren Internetseiten einmal die Einschätzung zu finden war, dass eine Pandemie mit einer enormen Zahl von Todes- und Erkrankungsfällen einhergeht. Das war eine weltweit übereinstimmende Einschätzung der Gesundheitsbehörden und Influenzaexperten. Im Vergleich zu den Pandemien des letzten Jahrhunderts war – gemessen an den beobachteten Todesfällen - die Schwere der Pandemie (H1N1) 2009 am geringsten oder ggf. mit der Pandemie von 1968 vergleichbar. Allerdings fehlen Daten über die Auswirkungen in Entwicklungsländern noch weitgehend.

Mit dem Ausrufen der Phase 6 gab es „keinen Automatismus bei den Aktivitäten. Die bereits etablierten Maßnahmen und Krisenreaktionsstrukturen“ wurden „fortgeführt, bei Bedarf intensiviert und an neue Situationen angepasst“ (aus: Pressemitteilung des Robert Koch-Instituts vom 11. Juni 2009 zur Ausrufung der Phase 6). Dennoch ist festzuhalten, dass sich die Phasenplanung nicht in allen Punkten bewährt hat. Das sogenannte Review-Committee der Weltgesundheitsorganisation, das die Pandemieerfahrungen unter Beteiligung der Mitgliedsstaaten evaluiert, wird daher auch über die Phasenplanung diskutieren.

Stand: 02.08.2010

Was war bei der Pandemischen Grippe 2009 anders als bei den jährlichen Grippewellen?

Bei der jährlichen Grippewelle kennt man die zirkulierenden Viren gut, die Viren verändern sich stetig in geringem Maße, der Impfstoff wird jährlich angepasst und steht rechtzeitig vor Beginn der Welle zur Verfügung, und es gibt in der Bevölkerung einen gewissen Immunschutz, weil in den Jahren und Jahrzehnten vorher ähnliche Viren zirkuliert sind. Bei der pandemischen Grippe 2009 gab es dagegen einige Unterschiede:

  • Es handelte sich um ein neues Influenzavirus, dessen weitere Entwicklung noch nicht absehbar war.
  • Schwere Verläufe und Todesfälle traten vor allem bei jüngeren Menschen auf (in einer saisonalen Welle kommen tödliche Verläufe vorwiegend bei der älteren Bevölkerung über 60 Jahre vor). Rund ein Fünftel der Todesfälle trat bei vorher gesunden Menschen auf, bei einer saisonalen Welle treten die Todesfälle fast immer bei (älteren) Menschen mit Grunderkrankungen auf.
  • Die Todesfälle durch das pandemische Virus sind vergleichsweise häufig durch virale Lungenentzündungen verursacht worden, anders als bei den saisonalen Influenzaviren, wo die meisten Lungenentzündungen durch bakterielle Folgeinfektionen verursacht wurden (WHO briefing note 21). Bei Frettchen, dem am besten untersuchten Tiermodell für Influenza, konnte gezeigt werden, dass das pandemische Virus besser an Lungenzellen in den tiefen Lungenabschnitten bindet als saisonale Influenzaviren; das könnte eine Erklärung für die häufigeren primär-viralen Lungenentzündungen sein.
  • Das Virus hat sich anfangs außerhalb der üblichen Grippesaison verbreitet.
  • Es existierte keine oder nur eine beschränkte Immunität in der Bevölkerung.
  • Es stand zu Beginn der Welle kein Impfstoff zur Verfügung.
  • Das neue Virus war ansteckender als die saisonalen Influenzaviren und hat daher vermutlich eine größere Zahl von Menschen als in einer saisonalen Welle infiziert. Studien in England zum Beispiel zeigten, dass mehr als ein Drittel aller Schulkinder in den Regionen London und West-Midlands eine Infektion durchgemacht haben (allerdings nicht alle mit Symptomen). Während der saisonalen Grippewellen werden in Deutschland schätzungsweise 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung infiziert (nicht jeder Infizierte erkrankt und nicht jeder Erkrankte geht zum Arzt).

Stand: 26.07.2010

Die Pandemie ist doch harmlos verlaufen, oder?

Im Rückblick zeigt sich, dass Deutschland auch im Vergleich zu anderen Ländern der Nordhalbkugel und Europas und im Vergleich zu früheren Pandemien einen günstigeren Verlauf der Influenzapandemie erlebt hat. Die Krankheitslast im ambulanten Bereich war mit einer üblichen saisonalen Grippewelle vergleichbar und betrug etwa 2,9 Millionen zusätzliche Arztbesuche (siehe AGI-Saisonbericht). Beginn und Höhepunkt der Ausbreitung der pandemischen Grippe 2009 fanden jedoch zu einem früheren Zeitpunkt im Jahr statt, im Oktober/November 2009, während die „übliche“ Influenzawelle meist nach der Jahreswende beginnt. Schwere und tödliche Erkrankungen waren zwar seltener als bei den meisten saisonalen Influenzawellen, betrafen dafür aber in besonderem Maße deutlich jüngere Altersgruppen. Mehrere Krankenhausärzte in Deutschland schätzen, dass es mancherorts zu Versorgungsproblemen auf Intensivstationen und vor allem bei Beatmungsplätzen gekommen wäre, wenn die Grippewelle im Herbst nur etwas länger gedauert hätte. Die Situation war jedoch zu den Zeitpunkten der jeweiligen Beratungen und Entscheidungen nicht so offenkundig, wie dies rückwirkend erscheinen mag (siehe auch Frage „Waren die Maßnahmen der Behörden angemessen?“ und Epidemiologisches Bulletin 21/2010).

Betrachtet man die laborgesicherten, gemeldeten Influenza-Todesfälle, wurden dem Robert Koch-Institut zwischen Mai 2009 und April 2010 insgesamt 252 Todesfälle im Zusammenhang mit einer laborbestätigten Infektion mit dem pandemischen Influenzavirus A(H1N1) 2009 übermittelt (Wilking, Eurosurveillance 2010). Ein entscheidendes Merkmal dieser Todesfälle ist jedoch, dass sie zu drei Vierteln jünger als 60 Jahre alt waren (Wilking, Eurosurveillance 2010), während bei saisonalen Influenzawellen ein mindestens so großer Anteil älter als 60 Jahre alt ist. Zur Schätzung der Todesfälle, die einen Vergleich mit früheren Influenzasaisons ermöglicht, wird auf die FAQ Influenza und dort die Frage „Wie werden Todesfälle durch Influenza erfasst?" verwiesen.

Es ist auch durchaus möglich, dass sich die pandemische Influenza in Deutschland auch darum vergleichsweise moderat entwickelt hat, weil die ergriffenen Maßnahmen erfolgreich waren. Aus Studien mit Erregern von Durchfall- oder Atemwegserkrankungen ist bekannt, dass gründliches Händewaschen das Erkrankungsrisiko verringert. Eine entsprechende Aufklärungskampagne "Wir gegen Viren" war kurz vor der Grippewelle vom RKI und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gestartet worden. Die Schutzimpfung konnte zwar erst relativ spät eingesetzt werden, hat aber möglicherweise auch einen gewissen Einfluss gehabt. Wichtig waren außerdem wohl die strikten Maßnahmen, mit denen ansteckende Patienten und deren Kontaktpersonen vor allem in den ersten Wochen isoliert und überwacht wurden, die gemeinsam mit den bundesweiten Sommerferien möglicherweise verhindert haben, dass sich im Gegensatz (insbesondere) zum Vereinigten Königreich bereits im Sommer eine Erkrankungswelle ausgebildet hat. Nicht zu vergessen ist natürlich der hohe medizinische Standard in Deutschland (siehe auch die Frage „Waren die Maßnahmen der Behörden angemessen?“).

Stand: 15.09.2011

Hätte man nicht frühzeitig Entwarnung geben können?

Die Grippewelle auf der Südhalbkugel im Sommer 2009 ist nach vorläufigen Daten überwiegend moderat verlaufen. Aber Influenzawellen und ihre Auswirkungen lassen sich generell nicht vorhersagen. Die Schwankungen sind auch bei saisonalen Wellen hoch, obwohl man diese Viren gut kennt (eine Übersicht über die geschätzten Todesfälle seit Mitte der Achtzigerjahre enthält der Bericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza zur Saison 2008/2009, Kapitel 6.4). Es ist bekannt, dass die Influenza-Aktivität in verschiedenen Regionen der Welt sehr unterschiedlich verlaufen kann und man zum Beispiel von einem moderaten Verlauf in einem Staat nicht unbedingt auf einen ähnlichen Verlauf in einem anderen Staat schließen kann.

Viele entscheidende epidemiologische Kenngrößen wiesen zum Teil bis in den Herbst hinein noch deutliche Schwankungen auf (siehe Epidemiologisches Bulletin 21/2010), wenngleich bereits früh vieles darauf hinwies, dass ältere Personen weniger, Erwachsene unter 60 Jahren aber häufiger schwer erkrankten als das von der saisonalen Influenza bekannt war. Dies wiederum war und ist durchaus im Einklang mit Erfahrungen früherer großer Pandemien. Weiterhin wurde früh deutlich, dass schwere Krankheitsverläufe mit bestimmten Vorerkrankungen assoziiert waren. Allein mit diesen Erkenntnissen jedoch war das Gefahrenpotenzial dieser Pandemie nicht verlässlich einzugrenzen.

Zudem sind Influenzaviren genetisch sehr instabil, so dass man nicht ausschließen konnte und kann, dass die krankmachende Wirkung sich sehr rasch verstärkt oder eine Resistenz gegen die Medikamente auftritt. Frühere Influenzapandemien sind oft in mehreren Wellen aufgetreten, die auch unterschiedlich schwer verlaufen sind. Vor diesem Hintergrund konnten aus fachlicher Sicht insbesondere Anstrengungen im Bereich präventiver Maßnahmen, wie die Verfügbarkeit einer Impfung, nicht frühzeitig reduziert werden.

Das Robert Koch-Institut hat von Anfang an bis Dezember 2009 fast täglich aktualisierte Situationseinschätzungen auf seinen Internetseiten angeboten. Darin wurden neben den wichtigsten Fakten und Einschätzungen auch - wie von Kommunikationsexperten weltweit in solchen Situationen empfohlen - Unsicherheiten thematisiert. (siehe auch Archiv der Situationseinschätzungen auf den Influenzaseiten). Eine Vorhersage über die zu erwartende Zahl zu befürchtender Erkrankungs- oder Todesfälle hat das RKI nie gemacht.

Stand: 02.08.2010

Waren die Maßnahmen der Behörden angemessen?

Das Infektionsschutzgesetz ermöglicht den Gesundheitsbehörden der Länder, Veranstaltungen oder sonstigen Ansammlungen einer größeren Anzahl von Menschen zu verbieten oder die Quarantäne von Menschen, die krank, krankheitsverdächtig oder ansteckungsverdächtig sind, anzuordnen oder Gemeinschaftseinrichtungen wie z.B. Kindergärten oder Schulen zu schließen. Ob solche Schutzmaßnahmen erforderlich sind, beurteilt das örtliche Gesundheitsamt nach den konkreten Umständen des Einzelfalles.

Die Gesundheitsbehörden des Bundes und der Länder hatten Maßnahmen ergriffen, damit Betroffene schnell diagnostiziert und behandelt, weitere Ansteckungen möglichst vermieden und die Ausbrüche eingedämmt sowie eine Übertragung in der Allgemeinbevölkerung möglichst hinausgezögert werden. Hierdurch sollte Zeit gewonnen werden, um den Erreger besser kennenzulernen und Gegenmaßnahmen vorzubereiten. Zusammen mit dem Bundesministerium für Gesundheit und den Ländern hat das RKI die bestehenden Empfehlungen zum Vorgehen in solchen Situationen kontinuierlich an die aktuelle Situation angepasst und den Gesundheitsämtern, Krankenhäusern und Ärzten zur Verfügung gestellt. Die Maßnahme-Empfehlungen, die regelmäßig überprüft werden, sind auch auf den Internetseiten des Robert Koch-Instituts abrufbar.

Die Behörden gingen im Nationalen Pandemieplan von einer Welle aus, die schwerere Auswirkungen als eine saisonale Grippewelle haben würde (siehe Frage "Hat die Weltgesundheitsorganisation die Pandemiephasen-Definition geändert, damit eine Pandemie ausgerufen werden konnte?"). Dennoch wurden Maßnahmen und Krisenreaktionsstrukturen bedarfsgerecht umgesetzt und nicht „automatisch“, nur weil es im Plan vorgesehen ist. Der Plan war wichtig zur Vorbereitung und (insbesondere die Darstellung der verschiedenen Konzepte für mögliche Gegenmaßnahmen in Teil 3 und der technische Anhang) als flexibler Leitfaden für konkrete Maßnahmen.

In der Frühphase der Pandemie waren die meisten Fälle importiert und nur ein geringer Teil der Fälle war durch Vorort-Ansteckung in Deutschland aufgetreten. In dieser Phase wurden möglichst viele Kontaktpersonen nachverfolgt und isoliert, das hat dazu beigetragen, die Verbreitung der pandemischen Influenza zu verzögern. Diese Zeit konnte genutzt werden, um die Impfstoffproduktion voranzubringen. Anfang August 2009 stieg die Zahl der in Deutschland entstandenen Infektionen, in Ermangelung einer verfügbaren Impfung wurden die Schutzmaßnahmen auf die Personengruppen konzentriert, von denen bekannt war, dass sie ein höheres Risiko für schwere und tödliche Krankheitsverläufe aufwiesen. Nachdem im Oktober 2009 die Fallzahlen in Deutschland stark stiegen und die Verfügbarkeit eines Impfstoffs absehbar war wurden die Empfehlungen zu den Infektionsschutzmaßnahmen vollständig auf jene Maßnahmen zurückgeführt, wie sie in den vorhergehenden Jahren für saisonale Influenza empfohlen worden waren. Dies beinhaltete vor allem die Impfung für gefährdete Gruppen (siehe auch FAQ zum Impfen gegen saisonale Influenza) und die frühzeitige Therapie insbesondere von Erkrankten mit Risikofaktoren (chronisch Kranke und Schwangere) (näheres siehe Epidemiologisches Bulletin 21/2010)

Stand: 02.08.2010

Welchen Hintergrund hatte die Schließung von Schulen und Kindergärten während der Pandemie?

Schulschließungen wurden nicht flächendeckend eingesetzt, um die Verbreitung der Erkrankung zu bremsen, sondern meist nur als individuelle Reaktion, wenn auf Grund von Erkrankungen von Lehrpersonal oder großen Anteilen der Schüler ein geregelter Schulbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Das Instrument, Kindergemeinschaftseinrichtungen bei Krankheitshäufungen auch schließen zu können, gehört im Infektionsschutzgesetz (IfSG) zum gesetzlich verankerten Instrumentarium. Entscheidungen darüber sollten von der lokalen Gesamtsituation abhängig gemacht und zwischen Gesundheitsamt und der Einrichtung besprochen werden. Näheres enthält der Beitrag „Zur Schließung von Kindergemeinschaftseinrichtungen“ im Epidemiologischen Bulletin Nr. 46/2009.

  • Grundsätzlich gibt es eine Reihe von allgemeinen Maßnahmen, deren Umsetzung die Übertragung von Influenza-Infektionen auch in Schulen verringern kann. Dazu gehören:
  • Betonung der Händehygiene, „richtiges“ Husten und Niesen sowie Verwendung von Einmaltaschentüchern (z.B. bei „laufender Nase“),
  • sofortiges Fernbleiben von der Schule, wenn eine Atemwegserkrankung auftritt,
  • Möglichkeit, während der Schulzeit erkrankte Personen in einem getrennten Raum zu betreuen bis die Schülerin/der Schüler nach Hause gebracht werden kann und Minimierung von Kontakten mit anderen Menschen,
  • soweit möglich, Vermeidung von Veranstaltungen oder Situationen mit hoher Personendichte (ggf. Anpassung der Pausenorganisation),
  • häufige Raumlüftung,
  • wichtig sind außerdem die aktive Information und rasche transparente Kommunikation über Entscheidungen gegenüber Schülern, Eltern und Personal.

Für Lehrer und andere Multiplikatoren gibt es ein 9-minütiges Informationsvideo unter www.pandemierisiko.info, außerdem sind Materialien (Broschüre, Flyer) bei www.wir-gegen-viren.de und bei www.bzga.de/schweinegrippe abrufbar.

Stand: 27.07.2009

Wie hatte sich Deutschland auf die Pandemie vorbereitet?

Deutschland hatte sich seit Jahren auf eine Influenzapandemie vorbereitet. Das Robert Koch-Institut hatte den gemeinsam von Bund und Ländern getragenen Nationalen Influenzapandemieplan Anfang 2005 und eine aktualisierte Fassung 2007 veröffentlicht. Der Nationale Pandemieplan enthält einen Überblick über Maßnahmen (Teil 1), Aufgaben und Handlungsempfehlungen (Teil 2) und erläutert die wissenschaftlichen Zusammenhänge der Pandemieplanung (Teil 3). Im Anhang sind grundlegende fachliche Empfehlungen und Checklisten enthalten. Außerdem trugen Übungen dazu bei, die Abläufe für den Notfall einzuüben und Schwachstellen zu identifizieren.

Der Nationale Pandemieplan gibt einen Rahmen vor, der die Grundlage für die Pandemiepläne der Länder und die Ausführungspläne der Kommunen bildet. Mit der Erarbeitung der Influenzapandemiepläne der Länder erfolgte eine Konkretisierung der im Nationalen Influenzapandemieplan vorgesehenen Maßnahmen für das jeweilige Land. Diese stellen die Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes dar und unterstützen die Planungen auf kommunaler Ebene. Darüber hinaus enthalten die Landespandemiepläne Informationen, Hinweise und Empfehlungen für die verantwortlichen Einrichtungen und Ebenen. Damit wird auch das Anliegen der Gesundheitsministerkonferenz unterstützt, die in einem Beschluss vom Dezember 2005 alle verantwortlichen Institutionen und Ebenen, insbesondere die Ärzteschaft, die Krankenhäuser sowie Rettungs- und Hilfsdienste aufgefordert hatte, Vorbereitungen in ihrem Bereich zu treffen.

Für vordringlich hielten Bund und Länder insbesondere die möglichst schnelle Verfügbarkeit eines Impfstoffs. Die Bundesregierung hatte daher frühzeitig die Entwicklung von Prototyp-Impfstoffen gefördert. In Deutschland hatten sich Impfstoffhersteller verpflichtet, eine frühestmögliche Bereitstellung eines Impfstoffs zu gewährleisten.

Erkrankte Menschen können mit antiviralen Arzneimitteln (Neuraminidasehemmern) behandelt werden. Die Länder haben antivirale Arzneimittel bevorratet, im Durchschnitt für 20% der Bevölkerung. Damit kann bei einer mittelschweren Pandemie nach den Ausführungen im Pandemieplan davon ausgegangen werden, dass Erkrankte im Pandemiefall eine Therapie mit antiviralen Arzneimitteln erhalten können. Im Bedarfsfall können aus einer Bundesreserve antivirale Medikamente für weitere 10% der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden.

Außerdem war die syndromische Surveillance, das ist die Überwachung und Bewertung des Krankheitsgeschehens, ausgebaut und ab dem Jahr 2006 auch auf den Sommer ausgedehnt worden (siehe auch Frage „Wie wird die Grippe-Aktivität in Deutschland erfasst?“). Auch das Nationale Referenzzentrum für Influenza zur genauen Untersuchung von Viren war verstärkt worden.

Persönliche Hygienemaßnahmen können dazu beitragen, das Erkrankungsrisiko zu senken. Daher hatten das Robert Koch-Institut und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im März 2009 die Aktion „Wir gegen Viren“ gestartet. Diese Aktion stellt die Verhaltensweisen vor, mit denen man sich und andere besser vor Ansteckung schützen kann. Erster Schwerpunkt der Aktion war das Händewaschen als zentrale Hygiene-Maßnahme im Alltag (www.wir-gegen-viren.de).

Zur Information und Aufklärung der Öffentlichkeit und der Fachöffentlichkeit über das Infektionsgeschehen gab es Planungen (siehe Nationaler Pandemieplan, Teil III, Kapitel 19) sowie Übungen.

Stand: 27.07.2010

Welche Lehren hat man aus der Pandemie gezogen?

Viele Maßnahmen waren wirkungsvoll. Diese haben – neben einer Reihe anderer Faktoren - vermutlich mit dazu beigetragen, die Verbreitung des Virus bis zum Herbst verzögern (siehe Frage „Waren die Maßnahmen der Behörden angemessen?“). Die Abstimmung der Maßnahmen zwischen RKI und Bundesländern, oder die rasche Produktion von Impfstoff sind weitere Beispiele für eine erfolgreiche Umsetzung der Planungen. Es gab aber auch eine Reihe von Erfahrungen, die Anlass für zukünftige Verbesserungen geben. Zum Beispiel, dass die Überwachungsinstrumente für schwere Krankheitsverläufe bei dieser Pandemie zwar im Nationalen Pandemieplan empfohlen, aber bis zum Start der Pandemie weitgehend gefehlt haben. Daher war zum Beispiel nicht bekannt, wie viele Patienten mit der pandemischen Grippe auf Intensivstationen bzw. mit Lungenersatzverfahren behandelt wurden. Genauso gilt: Die Ärzteschaft sollte besser in Entscheidungsprozesse und Aufklärungsarbeit eingebunden werden. Dies hätte die Akzeptanz der Schutzimpfung möglicherweise verbessert.

Im März 2010 haben die wichtigsten Akteure des Gesundheitswesens auf einem Workshop ihre Erfahrungen ausgetauscht, ein Bericht darüber wurde im Mai-Heft des Bundesgesundheitsblatts veröffentlicht und ist auch auf den RKI-Internetseiten abrufbar (Erster Erfahrungsaustausch zur H1N1-Pandemie in Deutschland 2009/2010). Weitere Nachbereitungen von den beteiligten Behörden, Institutionen und Verbänden sind im Gange. Die Erfahrungen werden bei der Überarbeitung der Pandemiepläne eine wichtige Rolle spielen

Stand: 12.09.2011

Wieso hat die Influenza-Pandemie nicht im Winter begonnen?

Die jährlichen Influenzawellen haben in Deutschland in den vergangenen Jahren meist im Januar/Februar begonnen. Bei früheren Pandemien zeigte sich aber, dass Erkrankungswellen einer Pandemie auch außerhalb der typischen Influenzasaison auftreten können. So lag zum Beispiel die erste Welle der Pandemie 1918 in den USA im Frühjahr, während sich die zweite Welle nach einem Rückgang in den Sommermonaten ab September aufbaute. Die ersten Fälle von Pandemischer Influenza wurden im April 2009 registriert. Möglicherweise geht die Verbreitung im Sommer darauf zurück, dass in der Bevölkerung keine oder keine nennenswerte Immunität gegen das neue Virus existiert und ein solches Virus sich leichter als die saisonalen Viren verbreitet.

Stand: 29.07.2010

Wie ist das Pandemievirus H1N1/2009 entstanden?

Für die Entstehung von Pandemieviren gibt es zwei Mechanismen: Ein nicht in der menschlichen Bevölkerung vorkommendes Virus, zum Beispiel ein Vogel-Influenzavirus, verändert sich durch genetische Veränderungen in der Art, dass es Menschen nicht nur krank machen kann, sondern auch effektiv von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Dieser Mechanismus liegt wahrscheinlich der Entstehung des Pandemievirus 1918 zugrunde. Der zweite Mechanismus: Influenzaviren verschiedener Subtypen infizieren gleichzeitig eine Zelle. Die daraus hervorgehenden Viren können Bestandteile beider Ursprungsviren enthalten. Dieser Mechanismus wird als Reassortment bezeichnet. So geht man heute davon aus, dass das H3N2-Virus der Pandemie 1968 aus einem menschlichen H2N2-Virus und einem von einem Vogel stammenden H3-Virus mit unbekanntem N-Subtyp hervorgegangen ist.

Das pandemische Virus aus dem Jahr 2009 ist wahrscheinlich durch solche Reassortments entstanden, es enthält genetische Abschnitte von Influenzaviren, die bei Vögeln, Schweinen und Menschen vorkommen. Bekannt ist, dass in den USA seit einigen Jahren unter Schweinen ähnliche H1N1-Viren zirkulierten. Diese Vorläufer-Viren enthielten Gene von Influenzaviren aus Schwein, Vogel und Mensch. Sie haben aber damals nur in einzelnen Fällen Menschen infiziert und es gab nur in Ausnahmefällen eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Das im April 2009 erstmals nachgewiesene pandemische H1N1-Virus enthielt zusätzlich noch zwei Gene von Influenzaviren, die man aus Schweinen in Europa und Asien kennt, und die ursprünglich ebenfalls aus dem Vogel-Reservoir stammen. Schweine gelten als klassische Mischgefäße, weil sie sich mit Vogel-, Mensch- und Schweine-Influenzaviren anstecken können.

Mit H und N werden die beiden Eiweiße der Virushülle Hämagglutinin und Neuraminidase abgekürzt. Es gibt 16 H und 9 N-Subtypen in verschiedenen Kombinationen. Sämtliche Subtypen kommen bei Wasservögeln vor, die das Reservoir für Influenzaviren darstellen. In der menschlichen Bevölkerung tritt die Influenza saisonal auf und wurde in den letzten Jahrzehnten von Influenza A-Viren der Subtypen H1N1 und H3N2 sowie von Typ B-Viren hervorgerufen.

Stand: 15.09.2011

Kann man sich in einer Pandemie schützen, etwa durch eine Hygienemaske?

Schützen sollten sich bei einer Influenza in jedem Fall alle, die mit Erkrankten Kontakt haben (siehe auch RKI-Ratgeber/Merkblätter für Ärzte). Im Nationalen Pandemieplan sind darüber hinaus einige allgemeine Hygieneregeln aufgeführt, deren Beachtung das Infektionsrisiko verringern kann (Kapitel 8.2.1. Expositionsschutz der Bevölkerung):

Zu den allgemeinen Hygieneregeln zählen unter anderem:

  • das Vermeiden von Händegeben, Anhusten, Anniesen,
  • das Vermeiden von Berührungen der Augen, Nase oder Mund,
  • die Nutzung und sichere Entsorgung von Einmaltaschentüchern,
  • Empfehlungen zu einer intensiven Raumbelüftung,
  • das gründliche Händewaschen nach Personenkontakten, der Benutzung von Sanitäreinrichtungen und vor der Nahrungsaufnahme sowie bei Kontakt mit Gegenständen oder Materialien, die mit respiratorischen Sekreten von Erkrankten kontaminiert sein können (zum Beispiel bei der Pflege von Angehörigen – Bett- oder Leibwäsche, Essgeschirr, patientennahe Flächen),
  • die getrennte Behandlung von an Influenza erkrankten Personen, insbesondere von Patienten, die zu einer der besonders gefährdeten Risikogruppen gehören (Schwangere, chronische Grundkrankheiten, siehe auch Empfehlungen der STIKO),
  • die Empfehlung für fieberhaft Erkrankte, im eigenen Interesse zu Hause zu bleiben, um weitere Ansteckungen zu verhindern,
  • die Vermeidung von direkten Kontakten zu möglicherweise erkrankten Personen.

Eine Hygienemaske über Mund und Nase, wie man sie aus dem Krankenhaus kennt, verringert in erster Linie die Anzahl von Erregern, die vom Anwender in die Umgebung ausgeatmet werden. Unter der Bezeichnung "OP-Maske" oder "chirurgische Maske" gehören Hygienemasken im Operationssaal zur Standardausrüstung für dort arbeitendes Personal, um die Patienten vor der Ausscheidung von Tröpfchen durch den Träger zu schützen. In begrenztem Maße schützen Hygienemasken auch vor dem Einatmen großer Tröpfchen oder Spritzer. Über ihre Wirksamkeit während einer Pandemie liegen noch keine ausreichenden Daten vor. Zu berücksichtigen ist auch, dass geeignete Hygienemasken nicht dauernd getragen werden können und insofern ein 100 %iger Schutz, bei Aufrechterhaltung auch eines eingeschränkten sozialen Lebens, durch sie nicht zu erzielen ist. In jedem Falle dürfen die anderen genannten Präventionsmaßnahmen nicht im falschen Vertrauen auf einen Schutz durch das Tragen einer Maske vernachlässigt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt in ihrem Rahmen-Pandemieplan keine Masken für die allgemeine Bevölkerung (WHO “Pandemic influenza preparedness and response” vom April 2009). Auch in den WHO-Antworten auf häufig gestellten Fragen werden Menschen, die nicht erkrankt sind, keine Masken empfohlen (FAQ).

Weitere Informationen zu persönlichen Schutzmaßnahmen sind unter www.wir-gegen-viren.de zu finden.

Stand: 27.07.2010

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