Navigation und Service

Zielgruppeneinstiege

Häufig gestellte Fragen zu künstlichen Fingernägeln im Gesundheitsdienst

1. Ist das Tragen künstlicher Fingernägel für Personen, die Patienten behandeln oder pflegen, unbedenklich?

Unabhängig davon, dass die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention in ihren Mitteilungen oder das Robert Koch-Institut in seinen Stellungnahmen keine Verbote sondern nur Empfehlungen aussprechen kann, haben diese Veröffentlichungen doch erhebliche Auswirkungen, weil sie häufig die Grundlage von Regelungen in Einrichtungen des Gesundheitswesens darstellen und auf publizierten Daten und Erfahrungen beruhen. 

In der Kommissionsempfehlung zur Prävention postoperativer Infektionen im Operationsgebiet wird im Kapitel 4.1.9 zur chirurgischen Händedesinfektion gesagt, dass die Mitglieder des OP-Teams kurze und rund geschnittene Fingernägel haben müssen (so auch schon die Empfehlung zur Händehygiene 2000 (1)) und keine künstlichen Fingernägel tragen dürfen (2). Als Beleg für die rechtliche Verbindlichkeit (Kategorie IV) ist die TRBA 250 angeführt, wonach an Händen und Unterarmen kein Schmuck (einschließlich Eheringe) und Uhren getragen werden dürfen. In an uns gerichteten Fragen wird bezweifelt, dass sich künstliche Fingernägel unter den Begriff „Schmuck“ subsumieren lassen. 

Selbst wenn man dieser, hier kurz dargestellten Auffassung (als Interpretation der TRBA 250) folgte, sollten solche Personen, die Patienten behandeln oder pflegen, dennoch keine künstlichen Fingernägel tragen, da solche Applikationen mit nosokomialen Ausbrüchen vor allem durch bakterielle Erreger assoziiert sind (3-8). Auch die Verbreitung von Pilzen (Aspergillus, Candida und in deren Folge nosokomiale Infektionen)  ist belegt (9). Der wesentliche Aspekt ist die Beeinträchtigung von Händehygienemaßnahmen. 

Anzumerken ist, dass sich in den o. e. Berichten kaum Angaben zur Beschaffenheit (Material, Länge der Nägel – lang, mittel, kurz – zur Lackierung, Besetzung mit „Steinchen“ etc.) dieser Applikationen finden. Ursache der Besiedlung und damit der Lokalisation einer ständigen Infektionsquelle dürften unvollständig dichte Ränder und kleine (Feuchtigkeits-)kammern unter den künstlichen Nägeln sein. 

In der US-amerikanischen Literatur wird die hier skizzierte Diskussion seit Anfang der 90er Jahre geführt und zumindest seit 1999 empfiehlt die AORN (Association of the PeriOperative Registered Nurses) auf das Tragen von künstlichen Fingernägeln im OP und auf chirurgischen Stationen zu verzichten (10). Diese Empfehlung ist aufgrund wissenschaftlicher Daten gut begründet, und es gibt keinen Grund hier davon abzuweichen.

Stand: 11.10.2007

2. Welche Risiken gibt es bei lackierten Nägeln?

Eine 2005 publizierte Analyse zu bisher veröffentlichten Studien mit der Fragestellung, ob lackierte Fingernägel ein Infektionsrisiko darstellen, kommt zu dem Schluss, dass die bisherige Datenlage keine eindeutigen Aussagen zulässt (11).

Empfehlungen hierzu lassen sich also nur rational ableiten und haben keine durch Studien belegte Evidenz. In Risikobereichen von Krankenhaus und Arztpraxis sollten Personen, die Patienten behandeln und pflegen auf nicht transparenten (farbigen) Nagellack verzichten, weil Verschmutzungen nicht sichtbar sind und eine notwendige Entfernung dann unter Umständen unterbleibt.

Die AORN (Association of the PeriOperative Registered Nurses) empfiehlt, Nagellack, wenn er durch den Arbeitgeber erlaubt ist, nicht länger als vier Tage zu belassen (10). Begründet wird dies mit der Annahme, dass spätestens nach Ablauf dieser Frist Risse in der Lackierung entstehen, die eine mikrobielle Besiedlung zur Folge haben und dann die zuverlässige Wirkung von Händedesinfektionsmitteln nicht mehr gegeben ist. Ob eine längere Tragezeit für sog. „gegelte Fingernägel“ toleriert werden kann, ist nicht bekannt. Es kann daher bei dieser Applikation keine von der oben angegebenen Frist abweichende Empfehlung gegeben werden.

Stand: 11.10.2007

3. Wie steht es mit der Anwendung von medizinischem Nagellack bei krankhaft veränderten Fingernägeln?

Zu dieser Frage konnten in der gesichteten Literatur keine Hinweise gefunden werden. Deshalb kann hier nur empfohlen werden, dass über Tätigkeitseinschränkungen für Beschäftigte mit Erkrankungen im Bereich der Fingernägel durch den behandelnden Arzt, den Betriebsarzt und den Krankenhaushygieniker gemeinsam entschieden wird. 

Hinter dieser recht globalen Aussage steht die Überlegung, dass krankhaft veränderte Fingernägel häufig spröde und rissig sind, also per se stärker mit Krankheitserregern besiedelt sind als gesunde Nägel. Die Anwendung von Händedesinfektionsmitteln kann dort schmerzhaft oder ihre Wirkung nicht an allen Bereichen des Fingernagels voll entfalten. Medizinischer Nagellack als Therapie soll aber zu einer Sanierung des Befundes führen. All diese Fakten zusammengenommen machen deutlich, dass gerade zu dieser Frage eine abschließende Empfehlung praktisch nicht möglich und eine Einzelfallentscheidung erforderlich ist. 

Literatur: 

  1. Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (2000): Händehygiene. Bundesgesundheitsbl 43: 230-233
  2. Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (2007): Prävention postoperativer Infektionen im Operationsgebiet. Bundesgesundheitsblatt 50: 377-393 
  3. Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (2010) zum Tragen von Schmuck, Piercing und künstlichen Fingernägeln im Gesundheitsdient (http://www.krankenhaushygiene.de/informationen/nachgefragt/279)
  4. Pottinger J, Burns S, Manske C (1989) Bacterial carriage by artificial versus natural nails. Am J Infect Control 17: 340-344 
  5. McNeil SA, Foster CL, Hedderwick SA, Kauffman CA (2001) Effect of hand cleansing with antimicrobial soap or alcohol-based gel on microbial colonization of artificial fingernails worn by health care workers. Clin Infect Dis 32: 367-372 
  6. Rubin DM (1988) Prosthetic fingernails in the OR: a research study. AORN J 47: 944-945 
  7. Foca M, Jacob K, Whittier S, et al (2000) Endemic Pseudomonas aeruginosa infection in a neonatal intensive care unit. N Engl J Med 343: 695-700 
  8. Parry MF, Grant B, Yukna M, et al (2001) Candida osteomyelitis and diskitis after spinal surgery: an outbreak that implicates artificial nail use. Clin Infect Dis 32: 352-35
  9. Moolenaar RL, Crutcher M, San Joaquin VH, et al (2000) A prolonged outbreak of Pseudomonas aeruginosa in a neonatal intensive care unit: did staff fingernail play a role in disease transmission? Infect Control Hosp Epidemiol 21: 80-85 
  10. Fogg DM (1999) Artificial fingernails. AORN J 69: 1014-1018 
  11. Rothrock JC (2006) What are the current guidelines about wearing artificial nails and nail poish in the healthcare Setting?  
  12. Lipp A (2005) The systematic review as an evidence-based tool for the operating room. AORN J 81: 1279-1287

Stand: 11.10.2007

Zusatzinformationen

Gesundheitsmonitoring

In­fek­ti­ons­schutz

Forschung

Kom­mis­sio­nen

Ser­vice

Das Robert Koch-Institut ist ein Bundesinstitut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit

© Robert Koch-Institut

Alle Rechte vorbehalten, soweit nicht ausdrücklich anders vermerkt.