Navigation und Service

Zielgruppeneinstiege

Schutzimpfung gegen Poliomyelitis: Häufig gestellte Fragen und Antworten

Stand: 10.9.2015

Wer und wie soll gegen Polio geimpft werden?

Die Polioimpfung mit einem inaktiviertem Poliomyelitis-Impfstoff (IPV) wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für alle Säuglinge, Kinder, Jugend­liche und zur Auffrischung für Erwachsene mit besonderen Risi­ken em­pfoh­len. Erwach­sene Personen, die im Säuglings- und Kleinkindalter eine voll­stän­dige Grundimmunisierung und im Jugendalter oder später mindestens eine Auffrischimpfung erhalten haben oder die als Erwachsene nach Angaben des Herstellers grundimmunisiert wurden und eine Auffrischimpfung erhalten haben, gelten als vollständig immunisiert. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt, bei Personen mit fehlender oder unvollständiger Impfung gegen Poliomyelitis diese zu vervollständigen bzw. nachzuholen. Es sind unterschiedliche Polioimpfstoffe mit unterschiedlichen Impfstoffschemata für den deutschen Markt zugelassen. Diese sind gemäß den beigefügten Fachinformationen des Herstellers anzuwenden. Es gibt IPV-Einzelimpfstoffe, bei denen zwei Dosen zur Grundimmunisierung ausreichend sind, und Impf­stoffe, bei denen drei Dosen vorgesehen sind. Bei Verwendung von IPV-haltigen Kombinationsimpfstoffen mit gleichzeitiger Applikation von Pertussis-Antigen sind vier Impfstoffdosen in den ersten beiden Lebensjahren zu verabreichen (siehe Fach­infor­mation). Insgesamt werden durch die Ver­ab­rei­chung von Kombinations­impfstoffen Impfstoffdosen eingespart. Die Kombi­na­tions­impf­stoffe sind gut verträglich. Personen, die nicht im Säuglings- und Kleinkindalter grundimmunisiert wurden, erhalten einen IPV-Einzel­impf­stoff, da IPV-haltige Kombinations­impfstoffe für die Grund­immuni­sierung nur für jüngere Kinder (Altersgrenzen s. Fachinformationen) zugelassen sind; aus­ste­hende Impfungen der Grund­immunisierung werden mit IPV-Einzel­impf­stof­fen nachgeholt. Eine routinemäßige Auffrischung wird nach dem 18. Lebens­jahr nicht mehr empfohlen. Erwachsene sollten vor Reisen in Endemiegebiete oder im Rahmen einer beruflichen Exposition geimpft werden, wenn die letzte Impfung mehr als 10 Jahre zurückliegt. Sie finden die Empfehlungen auf unseren Internetseiten.

Stand: 14.12.2012

Warum wird noch gegen Polio geimpft, auch wenn die Erkrankung in Deutschland nicht mehr vorkommt?

Erkrankungen durch Wildpolioviren sind in Deutschland seit 1990 nicht mehr beschrieben worden. Von 1992 bis 1998 wurden nur noch vereinzelt Fälle einer impfassoziierten Poliomyelitis beobachtet. Seit 1998 wird deshalb von der STIKO nur noch der zu injizierende inaktivierte Impfstoff (IPV) empfohlen. Die früher durchgeführte orale Schluckimpfung (mit abgeschwächten Lebendviren) mit der potentiellen Gefahr einer impfassoziierten Poliomyelitis wird in Deutschland nicht mehr empfohlen. Da jedoch auch in Deutschland Fälle von eingeschleppter Polio (durch Migranten und internationalen Reiseverkehr) auftreten können, bleibt auch in der jetzt anstehenden Phase der Eradikation (Ausrottung) der Poliomyelitis ein sicherer individueller und bevölkerungsmedizinischer Schutz bedeutsam. Die Zirkulation des Poliovirus kann nur verhindert und die Eradikation erreicht werden, wenn der Schutz der Bevölkerung über 95% liegt. Die Impfung ist solange notwendig bis die weltweite Eradikation der Poliomyelitis erreicht ist und sowohl das Poliowildvirus als auch das Polioimpfvirus nicht mehr zirkulieren.

Stand: 14.12.2012

Soll die Impfung regelmäßig aufgefrischt werden?

Um einen belastbaren und lang anhaltenden Impfschutz zu erzielen, sollte nach der vollständigen Grundimmunisierung im Kindesalter eine Auffrischimpfung mit einem trivalenten Impfstoff im Alter von 9-17 Jahren erfolgen.

Darüber hinaus wird eine routinemäßige Auffrischimpfung nach dem vollendeten 18. Lebensjahr nicht empfohlen. Wurde die Grund­immu­ni­sierung im Erwachsenenalter durchgeführt, so sollte eine Auffrischimpfung nach 10 Jahren erfolgen. Bei gegebener Indikation (z.B. bei Reisen in Gebiete mit erhöhtem Infektionsrisiko oder beruflichen Tätigkeiten mit erhöhtem Infektionsrisiko) ist eine weitere Auffrischimpfung notwendig, wenn die letzte Auffrischimpfung vor über 10 Jahren verabreicht wurde.

Stand: 14.12.2012

Gibt es eine sichere Aussage über die Immunität nach durchgemachter Poliomyelitis?

Erreger der spinalen Kinderlähmung sind Enteroviren und zwar Poliomyelitisviren der Typen 1, 2 oder 3. Infektionen mit Poliomyelitisviren verlaufen überwiegend asymptomatisch. Da eine Erkrankung nur von einem Virus-Typ ausgelöst wird, ist auch nach durchgemachter Infektion nicht von einem lebenslangen Schutz gegen die anderen Poliomyelitisvirustypen auszugehen, so dass auch nach durchgemachter Erkrankung die Indikation zu einer Impfung mit dem Totimpfstoff, die trivalent (gegen alle drei Polio-Typen) erfolgt, gegeben ist. Eine Antikörperbestimmung kann gegebenenfalls Auskunft darüber geben, ob eine Teilimmunität vorliegt, dies ist jedoch nur von theoretischem Interesse, da die Frage der Impfindikation unabhängig davon zu beantworten ist. Es besteht bei einer früher durchgemachten Erkrankung grundsätzlich kein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Impfkomplikation bei der Impfung mit inaktiviertem Polioimpfstoff (IPV).

Stand: 14.12.2012

Wie werden Grundimmunisierungen unter Verwendung von monovalenten Polio-Impfstoffen korrekt bewertet?

Bis zur Einführung der Impfempfehlung mit inaktivierten Polio­impfstoffen (IPV) im Jahr 1998 wurde die Grundimmunisierung mit oralen Lebendimpfstoffen (OVP) nach den folgenden Impfschemata vorgenommen:

Neue Bundesländer (DDR): 3 x monovalent (Typen I-III) und 2 x trivalent
Alte Bundesländer (BRD): 3 x trivalent

Hierbei ist zu beachten, dass drei Impfungen mit den ehemals eingesetzten monovalenten Polioimpfstoffen (Typen I-III) nur als eine Impfung gelten können. Für eine komplette Grundimmunisierung sind daher mindestens zwei weitere Impfungen mit einem trivalenten Impfstoff erforderlich. Die dreimalige Impfung mit einem trivalenten Impfstoff gilt als komplette Grundimmunisierung.

Stand: 16.08.2012

Welche Bedeutung hat die OPV-Impfung gegenüber der IPV-Impfung?

Die letzte in Deutschland erworbene Poliomyelitis durch ein Wildvirus wurde 1990 erfasst. Die letzten beiden importierten Fälle (aus Ägypten und Indien) wurden 1992 registriert. Danach traten aber jährlich weiterhin bis zu 3 Fälle vakzineassoziierter Poliomyelitis (VAPP) auf. VAPP tritt nach Anwendung des attenuierten Lebend­impfstoffes (OPV, „Schluckimpfung“) mit einer Häufigkeit von ca. 1-2 Fällen pro 1 Million Erstimpfungen auf. Daher hat die Ständige Impfkommission (STIKO) 1998 empfohlen, in Deutschland generell nur noch inaktivierte Polio-Impfstoffe (IPV) zu verwenden, bei denen kein VAPP-Risiko besteht.

Die IPV-Impfung, die inzwischen überall in Europa Standard ist, schützt die Geimpften zuverlässig vor Erkrankung, d.h. einer Lähmung. Mit IPV geimpfte Personen können sich aber dennoch mit Polio-Viren infizieren und diese unbemerkt ausscheiden und dadurch weiterverbreiten. Bei Auftreten von Poliomyelitis-Fällen empfiehlt die STIKO die Impfung von Kontaktpersonen mit IPV unabhängig vom Impfstatus sowie bei Auftreten von Sekundärfällen Riegelungs­impfungen mit IPV. Zur Unterbrechung einer großflächigen Wildvirus-Zirkulation kann aber unter Abwägen der Vorteile und Risiken auch die Verwendung von OPV in Erwägung gezogen werden.

Stand: 08.11.2013

Was sind vaccine-derived (Impfstoff-abgeleitete) Polioviren (cVDPV)? 1

Der orale Polio-Impfstoff (OPV; orale Poliovakzine) ist ein attenuierter (ab­ge­schwäch­ter) Lebendimpfstoff. OPV hat maßgeblich dazu bei­ge­tra­gen, dass die Kinderlähmung in den meisten Regionen der Welt heutzutage ausgerottet ist.

Nach oraler Verabreichung des Impfstoffs vermehren sich die Lebend­viren ge­wöhn­lich für 6 - 8 Wochen im Magen-Darmtrakt des Impf­lings. Sie aktivieren das Abwehrsystem und regen die Antikörper-Produktion an. Gleichzeitig werden Impf­viren mit dem Stuhl aus­ge­schieden. Diese können sich über Schmier­in­fek­tio­nen im Umfeld verbreiten und andere Personen infizieren. Inadäquate hygienische Verhältnisse können die Verbreitung begünstigen. Da es sich um ein Impfvirus handelt, ent­wic­keln die infizierten Personen keine Symp­tome, sondern bauen vielmehr – wie der Impfling selbst – einen Schutz gegen die Erkrankung auf, so­fern sie noch nicht immun sind. Zirkulierende Polio-Impfviren tragen somit zum Auf­bau einer „Herden­immuni­tät“ in der Bevölkerung und zur Elimination der Erkrankung bei.

Wenn die Bevölkerung aufgrund zu niedriger Polio-Impfquoten nicht aus­rei­chend geschützt ist, können Impfviren über einen längeren Zeit­raum zirkulieren und sich dabei genetisch verändern. Je länger das Virus zirkuliert, umso größer ist die Gefahr, dass veränderte Viren auftreten, die nach Infektion eine symptomatische Erkrankung her­vor­rufen können. Diese Viren nennt man „circulating vaccine-derived polioviruses“ (cVDPV), d.h. Impfstoff-abgeleitete Viren. In sehr seltenen Fällen kann es zu Ausbrüchen durch cVDPV kom­men. Personen, die aus­rei­chend gegen Polio geimpft sind, sind sowohl vor Erkrankungen durch Polio­wild­viren als auch durch Impfstoff-abgeleitete Polioviren geschützt.

Seit dem Jahr 2000 sind weltweit mehr als 10 Milliarden Dosen OPV an fast 3 Milliarden Kinder verabreicht worden. Dadurch konnten geschätzt mehr als 10 Millionen Fälle von Kinderlähmung verhindert werden und die Anzahl der jährlich weltweit auftretenden Polio-Fälle um über 99% reduziert werden.

Im gleichen Zeitraum sind weltweit 24 Ausbrüche mit cVDPV in 21 Ländern aufgetreten; insgesamt erkrankten 786 Personen nach der Infektion mit cVDPV. Gemessen am Erfolg der Impfung ist dies bislang von unter­ge­ord­ne­ter Bedeutung. Wichtig ist, durch gezielte Impf­kam­pag­nen die Zirkulation von cVDPV im Ausbruchsfall schnellst­möglich zu unterbrechen, wie es in der Vergangenheit er­folgt ist. Da weltweit nur noch sehr wenige durch Wildvirus ver­ur­sach­te Polio-Fälle auftreten, steigt die Bedeutung der äußerst seltenen cVDPV-Aus­brüche. Im Rahmen der globalen „Polio End­game Strategy“ der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion ist daher beabsichtigt, bis 2020 OPV weltweit in allen Nationalen Impf­pro­gram­men durch inaktivierte Polio-Impfstoffe (IPV) zu ersetzen, bei denen die Entstehung von cVDPV ausgeschlossen ist. In Deutschland wird bereits seit 1998 auf Emp­fehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) ausschließlich IPV zur Polio-Impfung verwendet.

1 World Health Organization (WHO) Online Questions and Answers: What is vaccine-derived Polio? http://www.who.int/features/qa/64/en/

Stand: 10.09.2015

Welche Bedeutung hat die Ausrufung einer „Gesundheitlichen Notlage mit internationaler Tragweite“ durch die WHO am 5. Mai 2014 für die Polio-Impfempfehlungen in Deutschland?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat angesichts der internationalen Ausbreitung der Poliomyelitis am 5. Mai 2014 eine "Public Health Emergency of International Concern“ PHEIC, zu Deutsch „Gesundheitliche Notlage mit internationaler Tragweite“ erklärt.

Als Polio-infizierte Länder gelten laut WHO aktuell Pakistan, Afghanistan, Nigeria, Kamerun, Syrien, Israel, Irak, Äquatorial Guinea, Äthiopien und Somalia. Um einen möglichen Export von Polio-Wildviren aus diesen Ländern zu verhindern, hat die WHO die dringende Empfehlung ausgesprochen, dass Personen vor Ausreise aus einem dieser Länder gegen Polio geimpft werden sollten. Dies betrifft Einheimische und Personen, die sich mehr als 4 Wochen in einem dieser Länder aufgehalten haben, sofern ihre letzte Polio-Impfung mehr als 12 Monate zurückliegt.

Für poliofreie Länder wie Deutschland ist die Ausrufung der PHEIC mit keinen spezifischen Empfehlungen der WHO verbunden. Falls die WHO-Em­pfeh­lun­gen in den betroffenen Ländern konsequent umgesetzt werden, würde dies allerdings bedeuten, dass Reisende, die sich länger als 4 Wochen in einem der genannten Länder aufgehalten haben, bei Abreise zu einer Polio-Impfung (vermutlich überwiegend mit einem oralen Lebendimpfstoff, OPV) verpflichtet werden könnten, sofern sie in den letzten 12 Monaten keine Polio-Impfung bekommen haben.

Von daher sollte Reisenden, die einen längeren Aufenthalt in einem der genannten Länder planen, die Situation erklärt und eine Impfung mit inaktiviertem Polio-Impfstoff (IPV) vor Abreise angeboten und in einem internationalen Impfpass dokumentiert werden, sofern ihre letzte Polio-Impfung am Ende des Aufenthalts mehr als 12 Monate zurückliegen wird. Dies weicht von der bestehenden STIKO-Empfehlung ab, der zufolge eine Auffrischimpfung vor Reisen in Polio-Endemiegebiete erst 10 Jahre nach der letzten Impfung empfohlen wird.

Die Empfehlung der WHO galt ab dem 5. Mai 2014 zunächst zeitlich befristet für 3 Monate und wurde am 3. August 2014 um weitere 3 Monate verlängert. Über eventuelle weitere Verlängerungen der PHEIC wird die WHO alle 3 Monate nach erneuter Situations­beurteilung entscheiden, siehe http://www.who.int/ihr/ihr_ec_2014/en/. Da es sich um eine zeitlich befristete Empfehlung handelt, ist eine Änderung der STIKO-Empfehlungen derzeit nicht beabsichtigt.

Stand: 20.10.2014

Zusatzinformationen

Ge­sund­heits­mo­ni­to­ring

In­fek­ti­ons­schutz

Forschung

Kom­mis­sio­nen

Ser­vice

Das Robert Koch-Institut ist ein Bundesinstitut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit

© Robert Koch-Institut

Alle Rechte vorbehalten, soweit nicht ausdrücklich anders vermerkt.