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STIKO-Stellungnahme zur Entscheidungshilfe zu Kinderimpfungen von Stiftung Warentest 3/2012

Im Artikel „Kein Kinderkram“ der Ausgabe 3/2012 der Zeitschrift „test“ hat ein von der Stiftung Warentest beauftragtes Expertenteam eine Bewertung der verfügbaren Kinderimpfungen vorgenommen. Dieses Team kommt zu einer weitgehenden Übereinstimmung mit den STIKO-Empfehlungen. Es ist wichtig, auf die enorme Bedeutung der Schutzimpfungen für die Gesundheitsvorsorge anhaltend hinzuweisen.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) ist ein unabhängiges Expertengremium, das – unterstützt von Wissenschaftlern des Robert Koch-Instituts (RKI) - kontinuierlich Daten zu Impfungen und impfpräventablen Erkrankungen in Deutschland bewertet. Dabei folgt die STIKO in wesentlichen Punkten der systematischen Methodik der Evidenzbasierten Medizin (EbM) und führt eine Risiko-Nutzen-Bewertung nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf Bevölkerungsebene durch. Die Bewertungsmethodik der STIKO wurde erst kürzlich aktualisiert und ist auf den RKI-Internetseiten verfügbar (siehe in der linken Navigation "Methodik der STIKO").

Gerade weil sehr viele verschiedene Aspekte in die Entscheidung eingehen, ob seitens der STIKO eine Impfempfehlung ausgesprochen wird oder nicht, ist ein standardisiertes und nachvollziehbares Vorgehen notwendig. Um zu vermeiden, dass vorschnelle Entscheidungen sowohl bei den Ärzten als auch in der Bevölkerung zu Unsicherheiten und Vertrauensverlust führen, muss die STIKO ihrer gesetzlichen Aufgabe entsprechend bestehende und neue Empfehlungen sorgfältig prüfen. Bei unklarer Evidenzlage muss auch gelegentlich die Entscheidung für oder gegen eine Impfempfehlung zurückgestellt werden, bis die Datenlage ausreichend ist.

Insbesondere begrüßt die STIKO, dass die Stiftung Warentest zu Recht zu einer positiven Einschätzung der Schutzimpfung gegen Humane Papillomviren (HPV) kommt. Aktuelle Daten aus Studien und der weltweiten Anwendung der Impfung in den letzten Jahren konnten die Studienergebnisse, die der STIKO zur Bewertung der Impfung gegen HPV vorlagen, bestätigen. Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung seit 2007 für alle Mädchen und jungen Frauen im Alter von 12 bis 17 Jahren. Leider kam es in Deutschland nach einer kontroversen Diskussion über den Nutzen der HPV-Impfung zu einer bisher nur mäßigen Akzeptanz der Impfung mit niedrigen Impfquoten. Das Potenzial der Impfung, in Zukunft behandlungsbedürftige Krebsvorstufen am Gebärmutterhals, invasive Karzinome und damit Todesfälle zu verhindern, wird somit in Deutschland bislang nicht ausgeschöpft.

Die Frage, ob eine zweite Schutzimpfung gegen Meningokokken mit einem Konjugatimpfstoff gegen die Serogruppen A, C, W-135 und Y für Kinder und Jugendliche ab 11 Jahren empfohlen werden sollte, ist ein aktuelles Thema der STIKO. Derzeit spielen aber die Gruppen A, W-135 und Y in der Bundesrepublik kaum eine Rolle. Auch gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass bei als Kleinkind geimpften Jugendlichen Durchbruchserkrankungen wegen einer nachlassenden Immunität ein Problem darstellen. Für wichtiger hält es die STIKO, dass im zweiten Lebensjahr versäumte Schutzimpfungen gegen Meningokokken der Serogruppe C bis zum 18. Lebensjahr nachgeholt werden.

Zur Rotavirus-Impfung, für deren allgemeine Empfehlung sich das Expertenteam von Stiftung Warentest ausspricht, führt die STIKO aktuell eine systematische Bewertung der Evidenzlage bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit der verfügbaren Impfstoffe durch. Die STIKO wird in naher Zukunft die mit der Impfung verbundenen Risiken und Nutzen in Hinblick auf die Krankheitslast durch Rotaviren in Deutschland erneut abwägen und sich hierzu äußern.

Die Impfung gegen Varizellen (Windpocken) wird von Stiftung Warentest abweichend von den STIKO-Empfehlungen nicht generell für alle Kinder als sinnvoll erachtet. Die STIKO empfiehlt eine Impfung gegen Varizellen im zweiten Lebensjahr für alle Kinder seit 2004 (seit 2009 mit 2 Dosen). Ziel dieser STIKO-Empfehlung ist es, die Krankheitslast durch Varizellen insgesamt zu senken, insbesondere schwere Krankheitsverläufe und seltene Todesfälle an Varizellen zu verhindern. Befürchtet wird von dem Expertenteam der Stiftung Warentest, dass es durch die Impfung von Kindern gegen Varizellen bei möglicherweise nachlassendem Impfschutz zu einer Verschiebung der Erkrankung in höhere Lebensalter (Jugendliche, junge Erwachsene) kommen könnte. Kategorisch auszuschließen ist ein solches Szenarium nicht. Bei genügend hoher Beteiligung an der Impfung ist jedoch eine sog. Herdenimmunität zu erwarten. Das bedeutet, dass empfängliche Erwachsene und Menschen, die in besonderem Maße durch Varizellen gefährdet sind, durch die Impfung der Kinder gegen Varizellen sogar ein niedrigeres Risiko haben, an Varizellen zu erkranken. Sollte nun die Beteiligung an der Schutzimpfung gegen Varizellen abnehmen, könnte dies gerade die Herdenimmunität gefährden und tatsächlich zu steigenden Erkrankungszahlen bei älteren bzw. besonders gefährdeten Menschen führen.

Kinder, die jetzt nicht gegen Varizellen geimpft werden, haben – bei verminderter Zirkulation des Wildvirus – in der Tat ein erhöhtes Risiko später mit Komplikationen zu erkranken. Je weniger Kinder jetzt gegen Varizellen geimpft werden, desto mehr werden später mit Komplikationen erkranken.

In den USA, wo die generelle Varizellenimpfung für Kinder seit 1995 (seit 2007 mit 2 Dosen) empfohlen wird, erkranken seitdem nicht mehr Erwachsene an Varizellen als vor Einführung der allgemeinen Kinderimpfung. Das RKI hat mit Einführung der allgemeinen Impfempfehlung ein Meldesystem zu Varizellen und Herpes Zoster unter Mitwirkung von deutschlandweit fast 1000 Arztpraxen eingerichtet. Die bisher erhobenen Daten belegen, dass die Varizellenimpfung eine deutliche Abnahme der Varizellen-bedingten Krankheitslast erreicht hat. Ziel des Meldesystems ist es, auch zukünftig Auswirkungen der allgemeinen Varizellenimpfung im Kindesalter zu überwachen und es der STIKO zu ermöglichen, falls erforderlich ihre Empfehlungen anzupassen. Dem gleichen Zweck dient eine Ausweitung der gesetzlichen Meldepflicht auf die Varizellen, die sich derzeit im Gesetzgebungsverfahren befindet.

Es ist zu begrüßen, dass die Stiftung Warentest das wichtige Thema „Impfen“ aufgegriffen hat. Die STIKO erhofft sich hiervon einen sachlicheren Umgang mit den Schutzimpfungen für Kinder. Es wäre ein großer Gewinn für uns alle, wenn mehr Kindern diese wichtige Schutzmöglichkeit zu Gute käme.

Stand: 29.02.2012

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