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Geschäftsstelle der Nationalen Kommission für die Polioeradikation in Deutschland

Aufgaben

Nationale Enterovirussurveillance

Im Rahmen der Überwachung der Poliofreiheit wird in Deutschland seit 2010 ausschließlich die Enterovirus­surveillance durchgeführt. Dabei wird allen pädiatrischen und neurologischen Kliniken in Deutschland zur differential­diagnostischen Abklärung von viralen Meningitiden bzw. Enzephalitiden sowie akuten schlaffen Paresen eine unentgeltliche Enterovirus­diagnostik angeboten. Dafür wurde ein Labornetzwerk für Entero­virus­diagnostik (LaNED) in Deutschland etabliert.

Folgende Zielsetzungen werden mit der Enterovirusdiagnostik bei viralen Meningitiden/Enzephalitiden verfolgt:

  • Überwachung der Poliofreiheit in Deutschland im Rahmen der Globalen Polioeradikationsinitiative (GPEI) der WHO
  • Beitrag zur ätiologischen Abklärung aseptischer Meningitiden/Enzephalitiden
  • Verbesserung des Patienten­managements
  • Erkennen von Erkrankungs­häufungen (zeitlich und räumlich) als Voraussetzung für die frühzeitige Information der Umgebung sowie für die Verhinderung der Weiter­verbreitung der Infektion
  • Abschätzung der erreger- und altersspezifischen Inzidenz von zentral­nervösen Infektionen

Im Rahmen der Enterovirus­surveillance wird pro Patient nur eine Probe unentgeltlich untersucht. Als Untersuchungs­material sollten bevorzugt Stuhlproben eingesandt werden (hohe Viruslast, lange Ausscheidungs­dauer, unproblematische Probengewinnung, ausreichende Probenmenge). Liquor­proben werden ebenfalls zur Diagnostik angenommen (Proben­entnahme innerhalb der ersten Tage nach Erkrankungsbeginn). Bei gegebener Indikation schicken Sie die Probe gemeinsam mit dem vollständigen "Einsendeschein für die Enterovirus-Surveillance" (Deckblatt und Durchschlag) an ein LaNED-Labor ihrer Wahl. Von diesem Labor erhalten Sie auch direkt den Befund. Das Labor schickt den Durchschlag des Einsendescheins mit den pseudonymisierten Daten sowie das Labor­ergebnis zur epidemiologischen Auswertung an die Geschäftsstelle der Poliokommission am Robert Koch-Institut. Da eine Auswertung der Daten erfolgt, müssen spezielle Einsendescheine genutzt werden, die nicht kopiert werden dürfen. Neue Einsendescheine können bei der Geschäftsstelle angefordert werden (Bestellformular siehe rechte Spalte).

Zusammengefasste Informationen und Hinweise zur praktischen Durchführung finden Sie im Merkblatt "Enterovirus-Diagnostik".

Aktuelle Informationen zur globalen Poliosituation sowie den Ergebnissen der EVSurv werden zudem regelmäßig im "Polio Info" publiziert.

Labornetzwerk Enterovirus-Diagnostik (LaNED)

Zur Durchführung der Enterovirussurveillance im Rahmen der Überwachung der Poliofreiheit wurde 2006 ein Labornetzwerk für Enterovirusdiagnostik in Deutschland etabliert (LaNED). Zur Qualitätsprüfung beteiligen sich die teilnehmenden Laboratorien regelmäßig an Ringversuchen. Die Labore führen eine Primärdiagnostik mit PCR, Anzucht und Typisierung durch. Alle nicht typisierbaren Enteroviren, PCR positiven und Anzucht negativen Proben sowie alle Polioviren gelangen zum NRZ PE zur weiteren Analyse.

Die Inanspruchnahme der Enterovirusdiagnostik zur differentialdiagnostischen Abklärung von viralen Meningitiden bzw. Enzephalitiden sowie akuten schlaffen Paresen wird den Krankenhäusern unentgeltlich angeboten. Als Untersuchungsmaterial sollten bevorzugt Stuhlproben eingesandt werden (hohe Viruslast, lange Ausscheidungsdauer, unproblematische Probengewinnung, ausreichende Probenmenge). Liquorproben werden ebenfalls zur Diagnostik angenommen.

Bei entsprechender Indikation kann die Probe an eines der LaNED-Labore geschickt werden. Weitere Informationen und Einsendescheine zur Enterovirusdiagnostik erhalten Sie bei Geschäftsstelle der Kommission (Bestellformular siehe rechte Spalte).

Laborcontainment

Nach der globalen Zertifizierung der Poliofreiheit (d.h. wenn es keine Zirkulation von Poliowildviren und keine Poliofälle mehr gibt) können Labore, die Polioviren und potentiell infektiöses Material lagern, eine Gefahr darstellen. Daher gilt das Containment, d.h. die sichere Aufbewahrung von Poliowildviren, neben hohen Impfraten und einer funktionsfähigen Surveillance, als drittes wichtiges Element für die Zertifizierung einer WHO-Region als poliofrei. Nachdem die WHO-Region Europa diese Zertifizierung im Jahr 2002 erhalten hat, gewann auch in Deutschland das Containment zunehmend an Bedeutung. Dessen Umsetzung, d.h. die Befragung von Laboren nach der Verwendung/Lagerung von Polio­wild­viren und die Erstellung eines bundesweiten Registers, wurde am Niedersächsischen Landes­gesundheits­amt in Hannover begonnen.

Dafür wurde ein nach Leitlinien der WHO gestalteter Fragebogen an über 3500 Labore in Deutschland versandt. Insgesamt hatten 54 Labore angegeben, Poliowildviren bzw. potentiell Poliowildvirus-infiziertes Material zu besitzen. Davon haben 29 Labore diese Materialien bis zum Jahresende 2004 vernichtet. Die restlichen 25 Labore wollen das Material behalten und haben sich verpflichtet, dieses unter den entsprechenden Sicherheits­bedingungen zu lagern. Sie werden im sogenannten "Nationalen Register", welches in regelmäßigen Abständen aktualisiert wird, geführt. Seit 2010 ist das Labor­containment in den Aufgaben­bereich des RKI übergegangen.

Ergebnisse aus der Enterovirussurveillance

Stand: 31.08.2016

Derzeit nehmen ca. 200 Kliniken an der Enterovirussurveillance (EVSurv) teil. Jährlich werden durchschnittlich 2.700 Proben innerhalb der EVSurv untersucht; in ~30% der Proben können Enteroviren (EV) nachgewiesen werden (Tab. 1).

Tabelle 1: Anzahl in der EVSurv untersuchter Proben und Anteil Proben mit EV-Nachweis

JahrProben (n)EV-Nachweis (%)
200532325,4
20061.85634,8
20072.13530,8
20083.20735,5
20092.52619,8
20102.80427,5
20112.99224,7
20122.85923,4
20133.41336,3
20142.46120,6
20152.15819,4
2016 (Stand: 31.08.2016)1.46621,7
Gesamt27.87727,3

Das Untersuchungsmaterial setzt sich aus ~66% Stuhlproben (zur Untersuchung primär empfohlen) und ~32% Liquorproben zusammen (2% anderes Untersuchungsmaterial). Etwa 57% der Einsendungen stammen von männlichen, 42% von weiblichen Patienten (~1% ohne Angabe). Bei den untersuchten Patienten handelt sich überwiegend um Kinder <15 Jahren (84%, Median 6 Jahre), wobei sowohl das Probenaufkommen als auch der Anteil EV-positiver Proben (~40%) in der Altersgruppe der 5- bis 9-Jährigen im Gesamtzeitraum am höchsten ist. Davon abweichend sind in der aktuellen EV-Saison 2016 bislang vergleichbar hohe EV-Nachweisraten (25-29%) in den vier Altersgruppen <1, 1-4, 5-9 und 20-39 Jahre zu beobachten (Abb. 1).

Abbildung 1:

Abbildung 1: Anzahl EV-PCR-positiver/-negativer Proben (gestapelt) für den Gesamtzeitraum sowie EV-PCR-Positivrate für 2016 und den Gesamtzeitraum (2006-2016) nach Altersgruppen Anzahl EV-PCR-positiver/-negativer Proben (gestapelt) für den Gesamtzeitraum sowie EV-PCR-Positivrate für 2016 und den Gesamtzeitraum (2006-2016) nach Altersgruppen

EV-Infektionen zeigen eine deutliche Saisonalität und dominieren in den Monaten Juli bis September (64% aller EV-Infektionen im Jahr). In der Saison 2013 wurde eine sehr starke EV-Aktivität beobachtet, gekennzeichnet durch das bislang höchste Proben­auf­kommen seit Beginn der Enterovirus­surveillance sowie eine außergewöhnlich hohe EV-PCR-Positiv­rate von nahezu 60% im August. In diesem Jahr ist dagegen eine durchschnittliche EV-Saison zu verzeichnen (Abb. 2).

Abbildung 2:

Abbildung 2: Anzahl EV-PCR-positiver/-negativer Proben (gestapelt) für den Gesamtzeitraum sowie EV-PCR-Positivrate für 2013, 2016 und den Gesamtzeitraum (2006-2016) nach Meldemonat Anzahl EV-PCR-positiver/-negativer Proben (gestapelt) für den Gesamtzeitraum sowie EV-PCR-Positivrate für 2013, 2016 und den Gesamtzeitraum (2006-2016) nach Meldemonat

Bei allen EV-positiven Proben erfolgt der Ausschluss einer Polio­virus­infektion; Polio­viren wurden im gesamten Zeitraum nicht nachgewiesen. Bei ca. 80% der positiven Proben konnte der exakte EV-Serotyp bestimmt werden. Bislang wurden ~50 verschiedene EV-Serotypen nachgewiesen; dominante Serotypen der letzten 9 Jahre waren Echo 30 und Echo 6 gefolgt von Echo 11 und Enterovirus A71 (Tab. 2). In der starken Saison 2013 dominierte ebenfalls der Serotyp Echo 30, gefolgt von Enterovirus A71. In diesem Jahr führt Enterovirus A71 erstmals die Liste der erfolgten EV-Nachweise an.

Tabelle 2:

Tabelle 2: Typisierungsergebnisse 2005-2016 nach Häufigkeiten (Darstellung der Top 10 der EV-Nachweise; weniger häufige Serotypen sind unter "weitere" zusammengefasst). Typisierungsergebnisse 2005-2016 nach Häufigkeiten (Darstellung der Top 10 der EV-Nachweise; weniger häufige Serotypen sind unter "weitere" zusammengefasst).

Unter "Datenbank-Abfrage zur Enterovirus-Surveillance" haben Sie zusätzlich die Möglichkeit, selbst Abfragen aus der EVSurv-Datenbank vorzunehmen (Link siehe unten).

Weitere Informationen

Stand: 31.08.2016

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