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Zielgruppeneinstiege

Abstracts der Vorträge zum Workshop
“Das Robert Koch-Institut im Nationalsozialismus, eine wissenschaftshistorische Bestandsaufnahme“

19. und 20. Januar 2007, Institut für Geschichte der Medizin, Berlin

Thomas Beddies

Zur Einführung einer obligatorischen Tuberkuloseschutzimpfung im Dritten Reich

Vor dem Hintergrund der Unheilbarkeit der Tuberkulose war die Verhütung der Krankheit mittels Immunisierung bereits seit der Endeckung des Erregers durch Robert Koch 1882 Gegenstand der Forschung – und ist es bis heute geblieben. Die von den Calmette/Guérin entwickelte „BCG“-Impfung wurde in Deutschland – zumal unter dem Eindruck der „Lübecker Impfkatastrophe“ im Frühjahr 1930 – zunächst nicht eingeführt. Mit dem Thema Tuberkulose-Immunisierung beschäftigte man sich in der Folge weniger im Hinblick auf BCG als vielmehr unter dem Aspekt, eine Alternative dazu zu finden (Totvakzine). Erst nach Kriegsbeginn 1939 begann angesichts einer zu erwartenden Verschärfung des Tuberkulose-Problems eine wieder intensivere Auseinandersetzung mit dem Impfproblem vor allem unter folgenden Fragestellungen:

  • Grad der Durchseuchung und Einsatz von Tuberkulin-Reihenuntersuchungen
  • Wirksamkeit und der Risiken der BCG-Impfung
  • Einbeziehung bes. gefährdeter Bevölkerungsgruppen, Probleme der praktischen Durchführung
  • Alternativen zur BCG-Impfung

Für die erste Sitzung der AG Impfung des Reichs-Tuberkuloseausschusses im September 1942 fasste L. Lange (RKI) in einem Bericht an das Innenministerium zusammen: „man darf (...) von der BCG-Impfung nicht in jedem einzelnen Falle einen vollen sicheren Schutz erwarten. Aber wenn durch die Impfung auch nur erreicht würde, die virulente Erstansteckung in den ersten Lebensjahren fernzuhalten bzw. das Angehen der Erkrankung während dieser hinfälligen Lebenszeit zu verhüten, ist das ein beachtlicher Gewinn, (…). Insofern ist bei den zu dieser Zeit noch nicht spontan Infizierten eine Schutzimpfung durchaus begründet.“

An verschiedenen Orten des Deutschen Reiches lassen sich für diese Jahre – zum Teil tödlich verlaufende – Menschenversuche vor allem an Kindern zur Erprobung der BCG und anderer Impfungen nachweisen (Wien, Berlin, Kaufbeuren), von denen die Wissenschaftler des RKI Kenntnis hatten. Im Rahmen der Aufgaben des RKI (Impfstoffbeschaffung und -kontrolle) und des „normalen“ wissenschaftlichen Austausches über diese Versuche ist eine Beteiligung des RKI an diesen Versuche zu konstatieren.

Am 15. Januar 1945 wurde der Runderlaß zur Tuberkuose-Schutzimpfung im Ministerialblatt veröffentlicht, mit dem die freiwillige Anwendung der Tuberkulose-Schutzimpfung bei bestimmten Personengruppen gestattet wurde.


Anne Cottebrune

Blut und Rassendifferenzierung. Serologische Forschungen im Umfeld des Robert Koch-Instituts

Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf experimentelle Forschungen, die das Ziel verfolgten, eine serologische Rassendifferenzierung beim Menschen nachzuweisen und im Zweiten Weltkrieg zu Versuchen an NS-Opfern führten. Dabei geht es nicht nur darum, die besondere Form einer entgrenzten Wissenschaft zu enthüllen, der bisher kaum Beachtung geschenkt wurde, sondern das Menschenexperiment in einen breiten wissenschaftlichen Kontext zu stellen und auf den besonderen Beitrag eines angesehenen Serologen aus dem Robert Koch-Institut an verbrecherischer Forschung hinzuweisen. Die Idee, beim Menschen serologische Rassendifferenzen nachzuweisen, entstand nicht erst im Nationalsozialismus. Sie hat eine lange Vorgeschichte, die auf immunologische und serologische Forschungen am Ende des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Inwieweit ergab sich aber im Nationalsozialismus ein qualitativer Wandel der wissenschaftlichen Bemühungen um den serologischen Nachweis einer menschlichen Rassendifferenzierung?

Ausgehend vom wissenschaftlichen Kontext, in dem die Annahme von serologischen Unterschieden zwischen als gegeben betrachteten Menschenrassen verplausibiliert wurde, fragt der Beitrag nach der Verschiebung von anthropologischen Bestimmungen und ethischen Grenzen unter den politischen Bedingungen des Nationalsozialismus. Dabei zeigt er, dass diese Verschiebung von einer Gruppe miteinander kooperierender Wissenschaftler getragen wurde, die trotz widersprüchlicher Forschungsergebnisse am wahnsinnigen Ideal einer individuellen Rassenbestimmbarkeit festhielten.

Obwohl Immunisierungsversuche zum Zweck des Nachweises einer serologischen Rassendifferenzierung im Nationalsozialismus vereinzelt blieben, können sie keineswegs als ein Randphänomen betrachtet werden. Als Abteilungsleiter am Robert Koch-Institut war der Serologe Werner Fischer Teil eines Netzwerkes, das rassenhygienisch motivierte Forschung betrieb und nicht davor zurückschreckte, an NS-Opfern zu experimentieren. Mit seinen Forschungen stellte er sich zwanglos in den Dienst des NS-Regimes und regte besondere Formen einer entgrenzten Wissenschaft an, die als Teil der NS-Medizin nicht länger im Schatten bleiben dürfen.


Annette Hinz-Wessels

Vom Forschungsinstitut zur administrierenden Reichsbehörde? Organisatorischer Umbau und Personeller Wechsel im Robert Koch-Institut zwischen 1933 und 1945

Im Sinne des Workshops, eine „wissenschaftshistorische Bestandsaufnahme“ der Geschichte des Robert Koch-Instituts (RKI) im Nationalsozialismus abzuliefern, will das Referat einen Überblick über den organisatorischen Umbau und den personellen Wechsel auf der Ebene der Abteilungsleiter und Direktoren des RKI in dem genannten Zeitraum geben. Zunächst sollen die Veränderungen in der personellen Führungsebene durch Pensionierungen und Versetzungen im Anschluss an die Machtübernahme Hitlers beschrieben werden. Damit wird die Frage aufgeworfen, inwiefern diese Veränderungen auf nationalsozialistischer Einflussnahme beruhten (Ausgeklammert werden allerdings die Entlassungen aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, die mehrere Wissenschaftler im „Mittelbau“ betrafen. Die Verdrängung und das Schicksal dieser Forscher sind Gegenstand eines eigenständigen Referates). Im weiteren sollen die Folgen der 1935 vollzogenen Unterstellung des Instituts unter den Präsidenten des Reichsgesundheitsamtes (RGA) untersucht werden: Durch die Übernahme der Aufgaben und des Personals der Biologischen Abteilung des RGA ergaben sich tief in die Struktur des RKI eingreifende organisatorische und personelle Veränderungen. Zugleich ist jedoch festzuhalten, dass mit dem Übernahme der RGA-Mitarbeiter noch keine eigenständige Personalpolitik nach der nationalsozialistischen Machtübernahme sichtbar wird. Hierfür müssen vielmehr die Berufungen von außen auf Abteilungsleiterstellen näher untersucht werden. Welche Gemeinsamkeiten verbanden die von außen berufenen Wissenschaftler? Lässt sich für diese ein bestimmtes Sozialprofil entwickeln?

Schließlich muss die personelle und organisatorische Entwicklung des RKI im Zweiten Weltkrieg erläutert werden. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Hintergründen und dem Ziel, das mit der Umwandlung des ehemals preußischen Instituts für Infektionskrankheiten in eine „Reichsanstalt zur Bekämpfung der übertragbaren Krankheiten“ verfolgt wurde. Aus Sicht der Referentin lässt sich aufgrund der überlieferten Quellen nicht eindeutig belegen, dass die Aufwertung zur Reichsanstalt im sogenannten Großdeutschen Reich tatsächlich mit einem Funktionswandel des RKI von einem Forschungsinstitut zu einer administrierenden Reichsbehörde einherging.


Michael Hubenstorf

Aufbruch und Abbruch. Die „jüdischen“ WissenschaftlerInnen des RKI und ihre erzwungene Emigration nach 1933

Die Bakteriologiegeschichte der Zwischenkriegszeit ist (nicht nur in Deutschland) eine „dunkle Periode“, über die relativ wenig oder gar kein Wissen vorliegt. Zwischen der „heroischen“ Entdeckungsgeschichte der bakteriellen Erreger in den 80er- und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts und den Erfolgsgeschichten der Chemotherapie (Penicillin und Folgen), Virologie oder Bakteriengenetik um die Mitte des 20. Jahrhunderts geriet die weitere Allgemeinentwicklung der Bak­terio­logie aus dem Blickfeld der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Insofern stieß auch das Thema der (meist antisemitisch motivierten) Vertreibung aus der deutschen Bakteriologie auf kein gesteigertes Interesse, und die apologetische Geschichtsschreibung des Instituts für Infektionskrankheiten (Robert Koch) – 1942-45, bzw. seit 1953 Robert Koch-Institut (RKI) – wurde umstandslos geglaubt und weiter tradiert. DAS große Allgemeinthema der Bakteriologie­ge­chichte in der Zwischenkriegszeit scheint mir die „Variabilität der Bakterien“ - bzw. auch ihre Typologie und die Erforschung der chemischen Struktur – zu sein. Dahinter verbirgt sich eine erst noch zu entdeckende, wichtige Vorgeschichte der Bakteriengenetik und der Entdeckung des „Genetic Code“. Dass sich gerade die führenden Vertreter des RKI damals mit der „Variabilität“ beschäftigten, wider­spricht eindeutig den forschungsleitenden Behauptungen von der „Konstanz­indok­tri­niert­heit“ Ludwik Flecks (1935). Die Geschichte der „jüdischen“ Bakteriologie-EmigrantInnen ist also in ein weit allgemeineres Themenfeld eingebettet.)

Die „offiziellen“ Jubiläumsgeschichten des RKI von 1966 und 1991 kennen nur vier oder fünf 1933 entlassene/emigrierte Kollegen (Fred Neufeld, Fritz Kauffmann, Walter M. Levinthal, und 1991 Werner Silberstein). Damit wird die NS-Periode zu einem „kleineren“ Einschnitt in der Institutsgeschichte mit nur insignfikanten Änderungen gemacht. Realiter wurden aber zwei Drittel der wissenschaftlichen InstitutsmitarbeiterInnen (18 von 28) entlassen, von denen mindestens 12 (nach Nazi-Definition) „jüdischer Herkunft“ waren. Das RKI nach 1933 war also überhaupt nicht mehr das RKI von vor 1933. Ganze Forschungsrichtungen und die allermeisten Projekte wurden eingestellt und durch vollkommen neue ersetzt. Dieser eklatante Entwicklungsbruch, dem 1945 ein zweiter folgte, wird bis heute in Selbstdarstellungen des RKI nicht adäquat reflektiert.

Die historische Prominenz zweier jüdischer Mitarbeiter Robert Kochs (Paul Ehrlich, August v. Wassermann) lenkt auch von der Tatsache ab, dass „jüdische“ Mitarbeiter vor 1919 nur in geringfügigen Ausmaß ein Unterkommen finden konnten. Dies hing sehr stark mit der militärischen Herkunft vieler Mitarbeiter R. Kochs und seiner unmittelbaren Nachfolger zusammen. Erst unter Fred Neufeld war das RKI 1919-33 für „jüdische“ AspirantInnen wirklich offen. Insofern kann von einem „Aufbruch“ für „jüdische“ BakteriologInnen erst in den frühen Zwanziger Jahren gesprochen werden. Diese neue Equipe in der Bakteriologie entwickelte eine Reihe von innovativen Projekten und Forschungsrichtungen (Bakterien­ty­po­logie, bes. der TPE-Gruppe, klinische Bakteriologie und Serologie, bes. Aller­gie­for­schung u. -therapie, Immunochemie, Zellkultur- u. forschung, etc.), die allesamt nach 1933 nicht fortgeführt, oder von anderen Zentren in Deutschland übernommen wurden, wobei die innovativen Ansätze am RKI nach 1945 (mit Ausnahme der TPE-Typologie) vergessen wurden (und blieben). Insofern generierten die politisch, bzw. antisemitischen Entlassungen von 1933 (oder danach) einen deutlichen „Abbruch“ sowohl auf der inhaltlichen wie auf der persönlichen Ebene.

Betrachtet man die Auswirkungen dieser viel versprechenden Anfänge, so stellt die erzwungene Emigration zumeist einen deutlichen Karrierebruch und persönlichen Verlust dar. Die wenigen (auch nicht immer bekannten) „Erfolgsgeschichten“ (F. Kauffmanns weltweit angewandte TPE-Typologie und deren internationale Vernetzung, W. Silbersteins federführende Prägung der Bakteriologie in Israel, A. Cohns klinische Anwendungsforschung des Penicillins, W. A. Colliers Karriere in der holländischen tropenmedizinischen Bakteriologie) sollten nicht davon ablenken, welche Karrieren quasi „im Sande verliefen“ oder mit einem grundlegenden Wechsel des Forschungsthemas erkauft werden mussten. Darüber hinaus gilt es zu erkennen, dass die Geschichte der deutschen Bakteriologie bislang in Deutschland kaum wahrgenommene Fortsetzungen in anderen Teilen der Welt (Israel, Dänemark, USA) fand, die eigentlich als fehlende Seite der deutschen Bakteriologie-Tradition wahrgenommen werden müsste.

Die Welt der vertriebenen BakteriologInnen kennzeichnet im Gegensatz zum mainstream der deutschen Bakteriologie ein außergewöhnlicher Pluralismus in religiöser, politischer und kultureller Hinsicht, der das RKI während der Weimarer Republik zum Paradebeispiel der spezifischen „Weimarer Kultur“ macht. Dieser Bogen reichte z.B. vom religiösen Zionismus bis zur linksliberalen Verteidigung der Allgemeine Menschenrechte. Insofern stellen die politisch-kulturellen Randbedingungen am RKI während der Weimarer Republik auch die generell politik-neutral verfahrende, etablierte Bakteriologiegeschichte deutlich in Frage. Genau das könnte auch ein gravierender Grund sei, warum man sich an diese „vergessene Tradition“ nicht und nicht erinnern will.


Axel Hüntelmann

Biopolitische Netzwerke. Die interpersonellen und interinstitutionellen Verbindungen zwischen dem Institut für Infektionskrankheiten und dem Reichsgesundheitsamt vor 1935

Seit 1935 wurden das preußische Institut für Infektionskrankheiten „Robert Koch“ zusammen mit dem preußischen Institut für Wasser-, Boden- und Lufthygiene und dem Reichsgesundheitsamt in Personalunion von dem Präsidenten des Reichs­gesund­heits­amtes Hans Reiter geleitet. De facto wurden die drei Institute in der Zeit zwischen 1935 und 1942 unter dem Dach des Reichs­gesund­heits­amtes vereint, bis es zu Schwierigkeiten zwischen dem Präsidenten des Reichs­gesund­heits­amtes und dem Reichsgesundheitsführer kam und das Institut für Infektionskrankheiten wieder eigenständig wurde.

Die Zusammenlegung hatte für alle drei Institutionen weit reichende Folgen: das Institut für Infektionskrankheiten wurde zur Reichsanstalt aufgewertet, die bakteriologischen Forschungstätigkeiten wurden nach 1935 im Institut für Infektionskrankheiten vereinigt, das Reichsgesundheitsamt verlor in Folge der Trennung nach 1942 die bakteriologische Forschungstätigkeit an das Institut für Infektionskrankheiten, das Institut für Wasser-, Boden- und Lufthygiene verlor die Selbständigkeit. Nach 1935 wurde der Institutionenverbund umfassend umstrukturiert.

Doch wie kam man überhaupt dazu, diese Institutionen zusammenzufassen? Wie funktionierte die Zusammenarbeit? Während die mannigfaltigen Forschungen des Instituts für Infektionskrankheiten nach 1935 noch Ziel zahlreicher Forschungen des Projektes zur Geschichte des Robert Koch-Instituts im Nationalsozialismus sein werden, soll der Beitrag den Blick weiter zurück in die Vergangenheit richten: die Zeit vor 1935, als das Institut für Infektionskrankheiten und das Reichsgesundheitsamt noch eigenständige Institutionen waren. Hier soll über den Beitrag von Michael Hubenstorf, der die Karrieren der vertriebenen und in den Institutionen verbliebenen Wissenschaftler vor und nach 1933 im Sinne einer Opfer/Täter-Kategorie detailliert beschrieben hat, hinaus die interpersonellen und interinstitutionellen Verflechtungen des Instituts für Infektionskrankheiten und des Reichsgesundheitsamtes in der
Weimarer Republik und in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus analysiert werden. Hierbei wäre es verfehlt, allein von Kooperation oder Konkurrenz zu sprechen, sondern vielmehr oszillierte die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Polen. Finanziell wurden beide Institutionen aus unterschiedlichen staatlichen Haushalten finanziert, so dass es nur eine indirekte Konkurrenz um finanzielle Mittel zwischen diesen Institutionen gab oder die interpersonellen Verflechtungen, die sich „vorbildlich“ in den Personen Robert Kochs, Fred Neufelds oder Eugen Gildemeisters widerspiegeln, die jahrelang in beiden Institutionen tätig waren, verweisen eher auf die Kooperation. Ebenso waren die inhaltlichen Tätigkeiten aufeinander abgestimmt, doch über diese Abstimmung hinaus gab es Konkurrenzen um Forschungsthemen und Macht. Schließlich sei noch die ähnliche biopolitische und gouvernementale Zielrichtung beider Institutionen hervorzuheben.

Es macht daher Sinn, die Verflechtung der beiden Institutionen vor 1935 zu untersuchen, um das Funktionieren von Institutionen und das Douglas’sche „Wie Institutionen denken“ zu analysieren. Dies auch, um zu fragen, wie eine nach eigenem Bekunden vor 1933 unpolitische Wissenschaft nach 1933 explizit politisch wurde und welche institutionellen Mechanismen dann zu ihrer Radikalisierung und Enthumanisierung im Institut für Infektionskrankheiten nach 1942 führen konnten.


Marion A. Hulverscheidt

Die Beteiligung von Mitarbeitern des RKI an Menschenversuchen auf dem Gebiet der Tropenmedizin

In den Forschungszusammenhängen zur Medizin im Nationalsozialismus ist hinreichend bekannt, dass auch tropenmedizinische Forschungsprojekte Teil der menschenverachtenden Forschung während des NS waren. Häufig genannt werden in diesem Zusammenhang zwei Wissenschaftler und (ehemalige) Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts, Gerhard Rose und Claus Schilling. Beide waren an Menschenversuchen in Konzentrationslagern beteiligt.

Mit diesem Paper wird eine Kontextualisierung versucht, es wird gefragt, wie eng Schilling und Rose in ihrer scientific community vernetzt waren, wie angesehen ihre wissenschaftlichen Arbeiten waren, wie erfolgsversprechend ihre Experimente eingeschätzt wurden.

Dabei wird der Versuch unternommen, von einer reinen Täterbeschreibung weg, hin zu einer differenzierteren Betrachtung zu kommen, die gleichwohl nicht als Entschuldung, sondern eher als Kontextualisierung verstanden werden soll.

Im Speziellen wird der Frage nachgegangen, welche Einflüsse gelten gemacht werden können für die zunehmenden Menschenversuchen während des Krieges, eine Frage, auf die es mehr als eine Antwort gibt.


Anja Laukötter

Einführung in den Film „Die Pocken. Ihre Gefahren und Ihre Bekämpfung“

Der Film „Die Pocken. Ihre Gefahren und ihre Bekämpfung“ entstand 1920 unter der Regie von Curt Thomalla. Der Neurologe und Sozialmediziner Thomalla war seit der Gründung des Medizinischen Filmarchivs 1919 dessen Leiter und zugleich als Regisseur verschiedenster Filme tätig. Auch der „Pocken“-Film wurde in seiner medizinhistorischen Sektion der Kulturabteilung der Ufa produziert. Mitarbeiter an diesem Film war der Bakteriologe Heinrich Alexander Gins (1883-1968), der von 1917 bis 1949 als Abteilungsdirektor der Pocken­ab­tei­lung am Robert Koch-Institut vorstand und sie maßgeblich prägte. In seiner Funktion als Leiter dieser Abteilung (und als Vorsteher der staatlichen Impfanstalt Berlin) war er für die Bekämpfung der Pocken sowie für die systematische Erfassung und Auswertung der sogenannten „Impfschäden“ zuständig. Gins’ Mitarbeit an diesem Film, so die hier vertretene These, war kein „Bonbon“ im Rahmen seines Aufgabenfeldes, sondern gehörte ebenso zu seiner wissenschaftlichen Arbeit wie seine Tätigkeit in den genannten Institutionen.

Allgemeines Ziel des Filmes „Die Pocken“ war die Ergänzung bereits zum gleichen Thema veranstalteter, aber wenig frequentierter Lichtbildvorträge der Ausschüsse für hygienische Volksbelehrung. Damit ist dieser Film als eine konkrete Reaktion von Seiten der Impfbefürworter auf die massive Kritik der Impfgegner und ihrer Vereine zu lesen. Im Rahmen des Film wird dabei zunächst auf die historische Dimension dieser Erkrankung verwiesen. Zudem wird den Argumenten der Impfgegnerschaft mit statistischem Material begegnet. Und abschließend wird die zeitgenössische Praxis des Impfens vorgestellt und dabei die Wissenschaft inszeniert.

Der Film, so lässt sich abschließend resümieren, bietet zwei Lesarten an: Er ist zum einen eine visuelle Repräsentation eines Diskurses über die Krankheit der Pocken und die Sinnhaftigkeit einer analogen gesundheitlichen Prävention. Zugleich ist dieser Film ein visueller Repräsentant eines Diskurses über die Selbstdefinition einer Wissenschaft und ihrer Praktiken.


Alexander Neumann

Das RKI und die Militärärztliche Akademie – Eine Skizze

Dem Verhältnis von zivilen und militärischen Dienststellen im NS wurde in der letzten Zeit in der Historiographie besonderes Augenmerk geschenkt, die wechselseitigen Beziehungen untersucht und gefragt, unter welchen Bedingungen und mit welcher Aufgabenteilung diese Kooperation funktioniert bzw. zu welchem Nutzen. Ich möchte an dieser Stelle versuchen, Einblicke in das Verhältnis zwischen Militärmedizin und ziviler Medizin am Beispiel der Militärärztlichen Akademie und des RKI zu geben. Da ich mich auf wesentliche Grundzüge beschränke und vor allem auch die Person von Eugen Gildemeister in den Blickpunkt rücken möchte, erhebt diese Darstellung bei weitem nicht den Anspruch der Vollständigkeit und ist deshalb auch als vorläufige Skizze angelegt, die durch weitere Forschungen präzisiert und ausdifferenziert werden muss.


Sabine Schleiermacher

Heinz Zeiss’ Verbindung zum Robert Koch-Institut

Zum 1. November 1933 wurde der Hygieniker Heinz Zeiss „zum planmäßigen außerordentlichen Professor in der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin“ sowie zum stellvertretenen Direktor des Hygienischen Instituts ernannt. Im März 1937 erhielt Zeiss das Ordinariat für Hygiene und übernahm bis 1945 die Leitung des Hygienischen Instituts. Zeiss, der sich seit 1915 bis 1932 mit kleinen Unterbrechungen fast ausschließlich in Kleinasien und der Sowjetunion aufgehalten hatte, konnte sich durch eine langjährige Forschungstätigkeit ausweisen, die von der Seuchenbeikämpfung bis hin zur Geomedizin reichte.

In einer Chronik des Hygienischen Instituts der Humboldt Universität schrieb 1960 der damalige Leiter Kurt Winter über Heinz Zeiss: „Mit ihm wurde die völker­ver­bin­dende Tradition des Instituts jäh durchbrochen. Zeiss war aktiver Faschist und in der dunkelsten Zeit Deutschlands wurde durch ihn in der Fakultät die Niedertracht repräsentiert und durchgesetzt.“ Und in dem Findbuch des Archivs der HU ist zu lesen, dass Zeiß „als aktiver Funktionär der Nazipartei die Lehr- und Forschungs­tätigkeit fast ausschließlich in den Dienst der faschistischen Gesundheits- und Kriegspolitik stellte.” Zeiss lieferte, so Paul Weindling in seinem Buch „Epidemcs and Genocide in Eastern Europe, 1890-1945“, die theoretische Grundlage einer präventiv ausgerichteten Medizin und Hygiene, in der Umsiedlung, Deportation und Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen in Osteuropa eine wissen­schaft­liche Legitimation erhielten.

Das Urteil über Zeiss scheint eindeutig. Aber dennoch bleibt zu klären, was für eine Wissenschaft Zeiss vertreten hat, deren theoretische Grundlage er sich in der Weimarer Republik erarbeitete und die sich in die nationalsozialistische Politik einbinden lies. Zu fragen ist:

Wie sah das wissenschaftliche Profil von Zeiss aus, das dazu führte, dass er zum Professor für Hygiene und Direktor des Hygienischen Instituts an die Medizinische Fakultät der Friedrich Wilhelms Universität berufen wurde?

Unterhielt Zeiss wissenschaftliche Kooperationen mit dem RKI oder handelte es sich um zwei wissenschaftliche Einrichtungen, die neben einander existierten?


Paul Weindling

Typhus (Fleckfieber) Research and the Robert Koch Institute in the Second War: Comparing Eugen Gildemeister and Gerhard Rose.

The Robert Koch Institute (RKI) has until now rather a shadowy role the German WW2 policies towards prevention and control of infectious dieases. This paper takes a biographical approach, comparing the respective contributions of Eugen Gildemeister and Gerhard Rose. Their careers intersected, and there were ideological affinities, although they were involved in typhus control in very different ways. The typhus problem attracted competing research groups and production methods at a time of evident shortage. Considerable ambition and opportunity motivated vaccine researchers in competitive rivalry. The RKI found itself in competition with the Behringwerke and its new institute for vaccine production at
Lemberg. Gildemeister supported the development of Rudolf Weigl’s lousegut vaccine by Eyer for the Wehrmacht. But his main interest was the Cox yolk embryo method of vaccine production. The RKI entered into a contract to provide vaccines for the Luftwaffe. Rose has a more ambivalent role, involved in obtaining various types of vaccine from around Europe, and with DDT disinfestation. Sources are rather different as Gildemesiter apparently committed suicide on 8 May 1945 whereas Rose was convicted at Nuremberg. Finally, the paper asks how these biographies can be supplemented with further institutional and biographical records, as well as recommending scrutiny of the Ding-Schuler Buchenwald Diary.


Thomas Werther

Fleckfieberforschung, RKI und IG Farben

Mit Kriegsausbruch wurde – und fühlte sich – die wissenschaftliche Elite der Tropenmedizin und der medizinischen Hygiene Deutschlands (Robert Koch-Institut Berlin, Institut für Experimentelle Therapie Frankfurt [heute: Paul-Ehrlich-Institut] und Tropeninstitut Hamburg [heute: Bernhardt-Nocht-Institut] damit beauftragt, brauchbare Impfstoffe gegen das Fleckfieber zu entwickeln. Gleichzeitig wurden Wissenschaftler aus den einschlägigen Elite-Instituten abgezogen, um für die Wehrmacht (OKH-Institut für Fleckfieberforschung Krakau) und die neuen staatlichen Gesundheitsinstitutionen (Staatliches Hygiene-Institut Warschau) im besetzten Polen einen für die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnit­tenen Impfstoff gegen das Fleckfieber zu entwickeln. Parallel dazu arbeiteten die IG Farben am Aufbau einer Impfstoffproduktion auf Massenbasis. Aufgrund ihres nationalen und internationalen Einflusses hatten sie sich Vorteile im wissen­schaft­lichen Wettbewerb verschafft. Mehrere neue Impfstoffe waren entwickelt worden, die allerdings alle die selben Probleme aufwarfen: man war sich weder über die Höhe der Dosierung noch über die Verträglichkeit und noch weniger über die Wirksamkeit der Produkte im Klaren. Immer wieder wurde die fehlende Erprobung am Menschen beklagt.

Der weitere Kriegsverlauf (Angriff auf die Sowjetunion) beschleunigte den Prozeß. Es gab Befürchtungen, dass sich deutsche Soldaten und Besatzungspersonal im „Ostraum“ mit dieser „gemeingefährlichen“ Krankheit anstecken und durch die Umsiedlungspolitik die Fleckfiebererreger in die Heimat verschleppt werden könnten; man plante die Schaffung eines „Seuchenschutzwalls“. Eine Wort­schöp­fung, die das Gegenteil von dem erreichte, was geplant war: in den jüdischen Ghettos, die aus dem Grund der Ansteckungsgefahr eingerichtet und hermetisch abgeriegelt worden waren, in Kriegsgefangenenlagern, Konzen­tra­tions­lagern, Zwangsarbeitslagern der neu eroberten Gebiete, aber auch in der Heimat grassierte das Fleckfieber. Die Krankheit wurde mit der Vernichtung der Infizierten – und die man dafür hielt – bekämpft. Die Fleckfieberforschung wurde intensiviert, die Forscher gerieten unter Druck: deutsche Soldaten, „Volks­deutsche“, Umsiedler, Mitarbeiter der Besatzungsbehörden, SS-Wachmänner und das Sanitätspersonal in den Lazaretten galt es, mit wirksamen Impfstoffen vor dieser Seuche zu bewahren. Dabei war es relativ unerheblich, inwieweit die beteiligten Mediziner überzeugte Nazis waren, rassistischen Präformationen unterlagen oder nicht. Auch die innerhalb der wissenschaftlichen community vorhandenen persönlichen und inhaltlichen Konkurrenzen wurden den Zielen untergeordnet. Allen gemein war die Grundhaltung, deutsche Menschen oder „deutsches Blut“ zu schützen. In keiner der unzähligen Quellen (Protokolle, Aufsätze, Berichte) ist die Rede davon, kranken Menschen, die nicht der „arischen Rasse“ angehörten, zu heilen oder für sie Präventionen zu betreiben.

Politik, Militär, Wissenschaft und IG Farben schalteten nun den SS-Apparat ein, um die Voraussetzungen in den Konzentrationslagern für vergleichende Men­schen­ver­suche zu schaffen. Dies geschah nach mehreren Vorgesprächen der verschiedenen Beteiligten am 29. Dezember 1941 auf einer gemeinsamen Besprechung von Vertretern der Heeressanitätsinspektion, des Robert Koch-Instituts, der Regierung des besetzten Polen und der IG Farben unter Moderation des Reichsinnen­ministeriums in Berlin. Bereits einige Tage später begannen die tödlichen Experimente im Konzentrationslager Buchenwald. Die Auswertung dieser ersten Großversuchsreihe fand kurz nach ihrem Ende am 4. Mai 1942 in den Marburgern IG-Behringwerken statt. Der Vertreter des Robert Koch-Instituts setzte hier die Präferenz seiner eigenen Fleckfieber-Impfstoffe aus Eidottern neben den offiziell „bewährten“ aber in der Praxis doch sehr um­ständ­lich und in geringer Ausbeute herzustellenden Läuseimpfstoffen durch. Diese neuen Impfstoffe wurden dann von den Behringwerken auf Massenbasis in Marburg und im neuen Impfstoffwerk in Lemberg hergestellt. Weitere neue Impfstoffe der IG-Behringwerke und der von Mitarbeitern des Robert Koch-Instituts durch wissenschaftliche Beziehungen aus Kopenhagen oder Bukarest beschafften Impfstoffe fanden den gleichen Weg zu den menschenverachtenden, verbrecherischen Versuchen nach Buchenwald.

Gegen alle Beteiligten wurde durch die Bundesrepublik 1960 ein Strafverfahren eingeleitet. Es wurde nach einem Jahr Ermittlungstätigkeit eingestellt, weil sich angeblich nach so langer Zeit kein „eindeutiges Bild“ mehr gewinnen ließe.

Stand: 29.01.2007

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