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Nationales Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren (NRZ PE)

Leitung:
Sabine Diedrich
Vertretung:
Sindy Böttcher

Gemeinsam mit den Partnern im Verbund der Globalen Polioera­di­kations­ini­tiative (GPEI) – Unicef, Rotary International und den US-Gesund­heits­be­hör­den CDC – ist es der WHO gelungen, die Poliomyelitis (Kinderlähmung) weitgehend zurückzudrängen.

Durch die seit 1988 weltweit durchgeführten Impfprogramme konnte die Zahl der Polioerkrankungen um 99,9 % reduziert werden. Endemisch kommt die Poliomyelitis nur noch in Afghanistan und Pakistan (Stand: Oktober 2015). Von dort kann es jedoch zur Einschleppung von Poliowildviren (z. B. durch Migranten oder Reisende) in bereits poliofreie Regionen (Beispiel: Polioausbruch in Tadschikistan mit Weiterverbreitung u.a. nach Russland im Jahr 2010). Die Zertifizierung der Poliofreiheit erfolgt zunächst auf regionaler Ebene. Voraussetzung dafür ist die Abwesenheit von Erkrankungen durch Poliowildviren für mindestens drei Jahre in einer Region bei gleichzeitiger Krankheits­überwachung. Vier der WHO-Regionen gelten bereits als poliofrei. So wurde der amerikanische Kontinent 1994 zertifiziert, im Jahr 2000 folgte die West­pazifische Region. Europa ist seit Juni 2002 frei von einheimischer Poliomyelitis. 2014 konnte auch Südostasien als poliofrei erklärt werden.

Das Programm zur globalen Polioeradikation beinhaltet neben der konsequenten Durchführung der Impfungen auch eine Überwachung der Poliovirus-Zirkulation (Surveillance) sowie das Laborcontainment. Zur Überwachung der Poliosituation können folgende Methoden zum Einsatz kommen:

  • Überwachung der akuten schlaffen Paresen (AFP-Surveillance = WHO-Goldstandard)
  • Enterovirussurveillance
  • Umweltmonitoring

In Deutschland gab es 1990 den letzten einheimischen Poliofall. Nach den importierten Erkrankungen durch Poliowildviren aus Indien und Ägypten 1992 wurden in den Folgejahren bis zu drei Vakzine-assoziierte paralytische Poliofälle registriert (sogenannte VAPP-Fälle durch Lebendimpfstoff). 1998 wurde auf Totimpfstoff IPV umgestellt.

Als Überwachungssystem der Poliofreiheit wurde unter Federführung des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes in Hannover die Nationale AFP-Surveillance etabliert und in den Jahren 1998-2010 durchgeführt. Da jedoch die Ergebnisse der AFP-Surveillance unzureichend waren, wurde zusätzlich ein alternatives System zur Überwachung der Poliofreiheit ein­ge­führt. Im Rahmen der Enterovirussurveillance wird seit 2006 allen pädia­trischen und neurologischen Kliniken in Deutschland zur diffe­ren­tial­diag­nosti­schen Abklärung von viralen Meningitiden bzw. Enze­pha­li­tiden eine unentgeltliche Enterovirus-Diagnostik angeboten. Dafür wurde ein vom NRZ PE koordiniertes Labornetzwerk für Ente­ro­virus­diag­nostik in Deutschland etabliert (LaNED). Da die Unter­su­chun­gen aus qualitätsgeprüften Labo­ra­torien stammen müssen, gehört die Organisation von Ringversuchen zum Nachweis von Enteroviren durch Virusanzucht (Zellkultur) und Typisierung (Neutralisationstest) als auch mittels Genomnachweis (PCR) zum Aufgaben­spektrum des NRZ PE. Diese bundesweiten Ringversuche werden in Zusammenarbeit mit INSTAND regelmäßig (alle zwei Jahre) durchgeführt.

Durch die Untersuchung von Stuhl- oder Liquorproben auf Enteroviren mittels PCR, Anzucht und Typisierung werden durch dieses System Aussagen zu zirkulierenden Enteroviren und damit auch zum Auftreten von Polioviren in Deutschland möglich. Die Ergebnisse der Labor- und epidemiologischen Untersuchungen werden von der Geschäftsstelle der Nationalen Kom­mis­sion für die Polioeradikation in Deutschland am RKI erfasst und ausgewertet.

Im Rahmen der bundes­weiten Enterovirussurveillance wird am NRZ PE vorwiegend die weiter­füh­rende Enterovirusdiagnostik durchgeführt. Das bedeutet, dass die Netzwerklabore alle

  • nicht typisierbaren Enteroviren
  • PCR positiven und Anzucht negativen Proben sowie
  • Polioviren

zum NRZ PE zur weiteren Analyse schicken sollen. Ziel ist es, in diesen Proben u. a. durch Sequenzanalysen in verschiedenen Genombereichen Polioviren auszuschließen bzw. deren Ursprung (Impf-/Wildvirus) zu charakterisieren.

Das NRZ PE ist auch als Regionales WHO-Referenzlabor für Poliomyelitis tätig und dabei vorwiegend für die Differenzierung zwischen Polioimpf-und Wildviren zuständig.

Stand: 02.08.2017

Ausgewählte Publikationen

  • Böttcher S, Obermeier PE, Diedrich S et al. (2017): Genome sequence of novel human parechovirus type 17.
    Genome Announc. 5 (8): pii: e01649-16. Epub Feb 23. doi: 10.1128/genomeA.01649-16. mehr

  • Böttcher S, Obermeier P, Neubauer K, Diedrich S (2016): Recombinant enterovirus A71 subgenogroup C1 strains, Germany, 2015.
    Emerg. Infect. Dis. 22 (10): 1843-1846. doi: 10.3201/eid2210.160357. mehr

  • Böttcher S, Prifert C, Weißbrich B, Adams O, Aldabbagh S, Eis-Hübinger AM, Diedrich S (2016): Detection of enterovirus D68 in patients hospitalised in three tertiary university hospitals in Germany, 2013 to 2014.
    Euro Surveill. 21 (19): pii=30227. Epub May 12. doi: 10.2807/1560-7917.ES.2016.21.19.30227. mehr

  • Schubert A, Böttcher S, Eis-Hübinger AM (2016): Two cases of vaccine-derived poliovirus infection in an oncology ward.
    N. Engl. J. Med. 374 (13): 1296–1298. Epub Mar 31. doi: 10.1056/NEJMc1508104. mehr

  • Böttcher S, Neubauer K, Baillot A, Rieder G, Adam M, Diedrich S (2015): Stool screening of Syrian refugees and asylum seekers in Germany, 2013/2014: Identification of Sabin like polioviruses..
    Int. J. Med. Microbiol. 305 (7): 601–606. Epub Aug 21. doi: 10.1016/j.ijmm.2015.08.008. mehr

  • Strenger V, Diedrich S, Böttcher S et al. (2016): Nosocomial outbreak of Parechovirus 3 infection among newborns, Austria, 2014.
    Emerg. Infect. Dis. 22 (9): 1631–1634. doi: 10.3201/eid2209.151497. mehr

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