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KV-Impfsurveillance: Auswertung von Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen

Hintergrund

Die zurzeit verfügbaren Datenquellen liefern ein nur unvollständiges Bild der Impfsituation in Deutschland. So wird eine bundesweite und kontinuierliche Überwachung (Surveillance) von Impfquoten ausschließlich bei Kindern im Einschulungsalter durch die Schuleingangsuntersuchungen gewährleistet. Damit ist das Wissen zum Impfgeschehen bei jüngeren Kindern (insbesondere zum zeitgerechten Impfen) und in Bezug auf neu empfohlene Impfungen begrenzt.

Die Surveillance von Infektionskrankheiten in Deutschland beruht im Wesentlichen auf der bundesweiten Meldepflicht im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes (IfSG). Die Datenlage zu Erkrankungszahlen und Trends einiger nicht im IfSG berücksichtigter Erkrankungen, die durch eine Impfung vermieden werden können, ist allerdings limitiert.

Um Impfprogramme jedoch sinnvoll etablieren, evaluieren und anpassen zu können sind Daten erforderlich, die den erreichten Impfstatus in der Bevölkerung möglichst repräsentativ beschreiben und dessen Einfluss auf die Häufigkeit und Verteilung der zu verhindernden Erkrankungen abschätzen lassen. So können zum Beispiel durch Trendanalysen der zu verhindernden Erkrankung und unter Heranziehung entsprechender Impfquoten der Erfolg und damit der Nutzen einer Impfung beurteilt und Impfstrategien zur Verbesserung der Effizienz möglicherweise angepasst werden. Altersspezifische Impfquoten können darüber hinaus auch zur Bewertung von Impfstoffwirksamkeit und –sicherheit herangezogen werden.

Das Projekt KV-Impfsurveillance

Ziel der KV-Impfsurveillance ist die Aufbereitung und die Bereitstellung von Daten für die Akteure der Impfprävention. Von allen 17 Kassenärztlichen Vereinigungen werden anonymisierte Abrechnungsdaten niedergelassener Ärzte zu Impfleistungen, Kinder- und Jugendvorsorgeuntersuchungen und Diagnosen impfvermeidbarer Erkrankungen an das RKI übermittelt. Mit Hilfe dieser Daten, die die Leistungen gegenüber allen gesetzlich Krankenversicherten widerspiegeln, lassen sich Impfquoten, die Häufigkeit der Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen und Erkrankungszahlen repräsentativ für alle Bundesländer bis auf Kreisebene und für verschiedene Altersgruppen abschätzen.

Die Analyse dieser Versorgungsdaten kann fehlende epidemiologische und gesundheitspolitische Informationen liefern und Datenlücken schließen.

Ziele des Projekts

  1. Erfassung des Impfstatus der Bevölkerung
  2. Abschätzung der Häufigkeit impfvermeidbarer Erkrankungen

Finanzierung

Die KV-Impfsurveillance ist ein durch das Bundesministerium für Gesundheit gefördertes Forschungsprojekt.

Ausgewählte Ergebnisse

Impfquoten von Kinderschutzimpfungen des nationalen Impfkalenders

Anonymisierte Leistungsdaten gesetzlich Krankenversicherter der Geburtsjahrgänge 2004-09 wurden in Querschnittanalysen für zweijährige Kinder je nach Jahrgang für 8-13 Bundesländern (Abbildung 1) ausgewertet. Die Quoten der meisten etablierten Impfungen, wie beispielsweise gegen Tetanus und Hepatitis B, liegen für das Alter von 24 Monaten auf einem nur moderaten Niveau. Auswertungen von Impfquoten für das Alter von 36 Monaten zeigen, dass nach dem Alter von 24 Monaten (also später als von der Ständigen Impfkommission (STIKO empfohlen) die Impfquoten noch ansteigen um durchschnittlich 3 Prozentpunkte (vierte Dosis Pneumokokken-Impfung) bis 15 Prozentpunkte (zweite Dosis Masern-Impfung). Insbesondere die zweite Masern-Impfdosis wird häufig nicht zeitgerecht gegeben. Generell können nicht zeitgerecht durchgeführte Impfungen für die betroffenen Kinder ein erhöhtes Erkrankungsrisiko bedeuten. Quoten erst kürzlich in den nationalen Impfkalender aufgenommener Impfungen (gegen Pneumokokken, Meningokokken C und Windpocken) haben deutlich zugenommen.

Abb. 1: Impfquoten der Geburtsjahrgänge 2004 bis 2009 in 8 bis 13 Bundesländern im Alter von 24 Monaten. Impfquoten auf KV-Ebene wurden für bundesweite Darstellungen nach Lebendgeborenenzahlen gewichtet. Abb. 1: Impfquoten der Geburtsjahrgänge 2004 bis 2009 in 8 bis 13 Bundesländern im Alter von 24 Monaten. Impfquoten auf KV-Ebene wurden für bundesweite Darstellungen nach Lebendgeborenenzahlen gewichtet.

Mumpsepidemiologie

Basierend auf Mumps-assoziierten Diagnose-Codes (ICD-10) wurden Inzidenzen von Mumps für Deutschland sowie für die westlichen und östlichen Bundesländer für die Jahre 2007-11 berechnet. In die Analyse gingen dabei nur Diagnosen ein, die als „akut“ und „gesichert“ verschlüsselt worden waren. Die Ergebnisse aus der KV-Datenanalyse weisen darauf hin, dass Mumps in Deutschland mit etwa 10 Fällen pro 100.000 Einwohnern noch immer endemisch ist. Die ermittelten Mumps-Inzidenzen in den westlichen Bundesländern sind durchgängig höher als in den östlichen. Darüber hinaus sind die Altersgruppen unterschiedlich stark betroffen (Abbildung 2). Die Abweichungen zwischen den westlichen und östlichen Bundesländern lassen sich sowohl auf historische Unterschiede in den Impfkalendern von BRD (empfohlene Mumps-Routineimpfung seit 1976) und DDR (keine Routineimpfung bis zur Wiedervereinigung 1990) als auch auf unterschiedliche Impfquoten in den westlichen und östlichen Bundesländern in den Jahren nach 1990 zurückführen.

Abb. 2: Mumps-Inzidenzen nach Altersgruppen, westliche und östliche Bundesländer 2007-2011 Abb. 2: Mumps-Inzidenzen nach Altersgruppen, westliche und östliche Bundesländer 2007-2011

Stand: 25.04.2016

Ausgewählte Publikationen

  • Robert Koch-Institut (2016): KV-Impfsurveillance: Ergänzungen zu den Impfdaten aus den Schuleingangsuntersuchungen.
    Epid Bull (16): 134. doi: 10.17886/EpiBull-2016-025.
    (PDF, 308KB)

  • Siedler A, Rieck T, Tolksdorf K (2016): Strong additional effect of a second varicella vaccine dose in children in Germany, 2009–2014.
    J. Pediatrics: Epub Mar 16. doi: 10.1016/j.jpeds.2016.02.040. mehr

  • Oberle D, Pavel J, Rieck T, et al. (2016): Anaphylaxis following immunization of children and adolescents in Germany.
    Pediatr. Infect. Dis. J. 35 (5): 535–541. Epub Feb 1. doi: 10.1097/INF.0000000000001073. mehr

  • Robert Koch-Institut (2016): Impfquoten der Masern-, HPV- und Influenza-Impfung in Deutschland.
    Epid Bull (1): 1-7.
    (PDF, 1MB)

  • Remschmidt C, Rieck T, Bödeker B, Wichmann O (2015): Application of the screening method to monitor influenza vaccine effectiveness among the elderly in Germany.
    BMC Infect. Dis. 15 (137): 1–11. Epub Mar 20. doi: 10.1186/s12879-015-0882-3. mehr

  • Takla A, Wichmann O, Rieck T, Matysiak-Klose D (2014): Measles incidence in Germany, 2007–2011. Review of surveillance and insurance data towards measles elimination in Germany.
    Bull. World Health Org. 92 (10): 742-749. Epub Aug 15. doi: 10.2471/BLT.13.135145. mehr

  • Rieck T, Feig M, Deleré Y, Wichmann O (2014): Utilization of administrative data to assess the association of an adolescent health check-up with human papillomavirus vaccine uptake in Germany.
    Vaccine 32 (43): 5564–5569. Epub Aug 12. doi: 10.1016/j.vaccine.2014.07.105. mehr

  • Rieck T, Feig M, Eckmanns T, Benzler J, Siedler A, Wichmann O (2014): Vaccination coverage among children in Germany estimated by analysis of health insurance claims data.
    Hum. Vaccin. Immunother. 10 (2): 476-484. Epub 2013 Nov 5. doi: 10.4161/hv.26986. mehr

  • Takla A, Wichmann O, Klinc C, Hautmann W, Rieck T, Koch J (2013): Mumps epidemiology in Germany 2007-11.
    Euro Surveill. 18 (33): pii=20557. mehr

  • Siedler A, Hecht J, Rieck T, Tolksdorf K, Hengel H (2013): Die Varizellenimpfung in Deutschland.
    Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 56 (9): 1313–1320. Epub Aug 29. doi: 10.1007/s00103-013-1789-z. mehr

  • Siedler A, Rieck T, Reuss A, Walter D, Poggensee G, Poethko-Müller C, Reiter S (2012): Estimating vaccination coverage in the absence of immunisation registers – the German experience.
    Euro Surveill. 17 (17): pii=20152. mehr

  • Robert Koch-Institut (2012): Impfquoten bei der Schuleingangsuntersuchung in Deutschland 2010.
    Epid Bull (12): 135-139.
    (PDF, 105KB)

  • Ultsch B, Siedler A, Rieck T, Reinhold T, Krause G, Wichmann O (2011): Herpes zoster in Germany: Quantifying the burden of disease.
    BMC Infect. Dis. 11: 173. doi: 10.1186/1471-2334-11-173. mehr

  • Reuss A, Feig M, Kappelmayer L, Eckmanns T, Poggensee G (2010): Bestimmung von Impfquoten und Inzidenzen von Erkrankungen anhand von Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen.
    Gesundheitswesen 72 (6): 340-346. Epub May 4. http://dx.doi.org/10.1055/s-0030-1249691. mehr

  • Reuss AM, Feig M, Kappelmayer L, Siedler A, Eckmanns T, Poggensee G (2010): Varicella vaccination coverage of children under two years of age in Germany.
    BMC Public Health 10 (1): 502. Epub Aug 19. mehr

  • Robert Koch-Institut (2008): Zum Vergleich der Häufigkeit von Varizellenimpfungen anhand von Erhebungen im Rahmen des KV-Sentinels des RKI und des Varizellen-Sentinels der AGMV.
    Epid Bull (8): 64-65.
    (PDF, 156KB)

  • Reuss AM, Walter D, Feig M, Kappelmayer L, Buchholz U, Eckmanns T, Poggensee G (2010): Influenza Vaccination Coverage in the 2004/05, 2005/06, and 2006/07 Seasons. A Secondary Data Analysis Based on Billing Data of the German Associations of Statutory Health Insurance Physicians.
    Dtsch. Arztebl. Int. 107 (48): 845-850. Epub Dec 3. mehr

  • Mette A, Reuss AM, Feig M, Kappelmayer L, Siedler A, Eckmanns T, Poggensee G (2011): Masern-Ausbruch in Nordrhein-Westfalen: Untererfassung von Masernerkrankungen am Beispiel von Nordrhein-Westfalen in den Jahren 2006 und 2007.
    Dtsch. Arztebl. 108 (12): 191-196.

Zusatzinformationen

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Telefon:
030-18754-3356

Marcel Feig (IT-Ansprechpartner)

Telefon:
030-18754-3742

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