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Das Bund-Länder-Rahmenkonzept zur Vorbereitung auf biologische Gefahrenlagen

Beispiel: Pocken

Bund-Länder-Zuständigkeit

In einer biologischen Gefahrensituation ist der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD), insbesondere das lokale Gesundheitsamt bzw. das jeweilige Länderministerium, für die Durchführung der entsprechenden Maßnahmen zuständig. Für besondere Gefahrenlagen wurden und werden jedoch gemeinsame Handlungskonzepte von Bund und Ländern erstellt, da ein abgestimmtes Vorgehen zur Bewältigung notwendig ist. Im Folgenden wird beispielhaft das Konzept für einen Pockenausbruch zusammengefasst.

Pocken

2002 wurde das Robert Koch-Institut (RKI) auf Wunsch der Länder durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) beauftragt, zusammen mit Vertretern der Länder und Fachgesellschaften koordinierend ein Rahmenkonzept zu erarbeiten, das die notwendigen fachlichen Vorbereitungen und Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung nach bioterroristischen Anschlägen mit Pocken beschreiben sollte. Dieses Dokument (Stand 10/2003) wird - der aktuellen Diskussion sowie den neuesten Erkenntnissen und Entwicklungen folgend – fortgeschrieben und enthält neben dem eigentlichen konzeptionellen Anteil einen umfangreichen Anhang mit Definitionen, Merkblättern und Hilfs- und Informationsmaterialien. Diese Dokumente unterstützen beim Umgang mit infizierten und ansteckungsverdächtigen Personen sowie bei der Vorbereitung und Durchführung der Impfung (z.B. durch vorbereitete Materialien zur Impfaufklärung, zu Hygienemaßnahmen und zur Dokumentation der Impfung).

Über zwanzig Jahre nach der weltweiten Eradikation der Pocken und Einstellung von Pockenschutzimpfungen würde eine absichtliche Ausbringung des Erregers eine erhebliche Gefährdung für jedes Land bedeuten, da das Virus auf eine in weiten Teilen ungeschützte Population treffen würde. Über den individuellen Impfschutz von Personen, die vor Jahrzehnten noch gegen Pocken geimpft wurden, lassen sich mit vertretbarem Aufwand keine befriedigenden Aussagen treffen. Umso mehr gilt es, eine erste Pockenerkrankung frühzeitig zu erkennen, mögliche Kontaktpersonen zu ermitteln und ggf. zu impfen. Je früher geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden können, umso höher ist die Chance eine epidemische Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern.

Inhalte des Konzepts

Das Rahmenkonzept erläutert ausführlich die Schwerpunkte Diagnostik, seuchenhygienische Maßnahmen, Organisation von Schutzimpfungen und Behandlung im Falle eines Pockenausbruchs. So zeigt es die jeweils notwendigen Handlungsschritte auf und begründet diese. An die Darstellung der Durchführung schließen sich Ausführungen zum organisatorischen, personellen und materiellen Bedarf an, die der vorbereitenden Planung und Umsetzung dienen sollen. Der aufgezeigte Bedarf wurde dabei streng an den fachlichen Notwendigkeiten ausgerichtet. Diese Handlungsschritte sind nicht in einer zeitlichen oder hierarchischen Reihenfolge zu sehen. Vielmehr würden im Ernstfall die meisten der im Rahmenkonzept beschriebenen Handlungsschritte gleichwertig und u.U. gleichzeitig umgesetzt werden müssen. Um der Situation angemessene Maßnahmen vorbereiten und durchführen zu können, spielen Aspekte der Früherkennung, Gefahrenbeurteilung und Intervention eine zentrale Rolle.

Schritt 1: Früherkennung

Dieser Bereich umfasst das frühzeitige Erkennen eines Pockenfalls von der klinischen Diagnostik bis zur labordiagnostischen Bestätigung. Das Aufdecken eines Pockenverdachtsfalls setzt die Vertrautheit mit dem Krankheitsbild voraus. Die Anzahl der heute tätigen Ärzte, die klinische Erfahrungen mit Pockenpatienten haben, ist sehr gering. Daher muss die Ärzteschaft wieder mit dem Krankheitsbild der Pocken (inkl. Differentialdiagnostik) vertraut gemacht werden.

Das RKI entwickelte aus diesem Grund Fortbildungsmaterialien zu den Schwerpunkten Diagnostik, seuchenhygienische Maßnahmen, Organisation von Schutzimpfungen und Behandlung. Diese stehen sind in Form von Microsoft Powerpoint-Präsentationen mit Begleittext als Download zur Verfügung (siehe untenstehenden Link unter "Weitere Informationen Pocken"). Ziel ist es, so die Wahrscheinlichkeit, einen Pockenfall frühzeitig zu entdecken, zu erhöhen.

Die fachgerechte Durchführung der Probennahme und Asservierung sowie der Probentransport müssen vorab geregelt sein, um einen unnötigen Zeitverlust und eine Gefährdung durch unsachgemäße Handhabung oder Verpackung zu vermeiden. Die für die Pockendiagnostik bestimmten Labore müssen ihrerseits eine schnelle und qualitätsgesicherte Durchführung der Diagnostik gewährleisten und eine Labor-Verdachtsdiagnose bzw. einen bestätigten Befund umgehend an die entsprechenden Stellen weiterleiten.

Schritt 2: Gefahrenbeurteilung

Bereits ein erster Verdachtsfall löst verschiedene Meldungen aus, deren Wege nach Infektionsschutzgesetz (IfSG) und internationalen Vorschriften geregelt sind. Darüber hinaus muss, wenn eine absichtliche Ausbringung wahrscheinlich ist, von einer realen Bedrohung für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland ausgegangen werden, d. h. neben den zuständigen Gesundheitsbehörden werden auch Krisenstäbe aktiv werden, um das umfassende Management im Falle der Bestätigung und epidemischen Ausbreitung sicherzustellen.

Neben den Meldungen sind bestimmte Ermittlungen/Untersuchungen notwendig, um eine erste Risikobeurteilung für die Ausbreitung der Infektion vornehmen zu können. Hierzu wird wie bei einer Ausbruchsuntersuchung vorgegangen, d.h. die Ermittlung und das Aufsuchen der ansteckungsverdächtigen Kontaktpersonen, die Identifikation der ansteckungsverdächtigen Exponierten und der Infektionsquelle sowie eine aktive Fallsuche stehen im Vordergrund, um ein Bild der epidemiologischen Lage zu erhalten. Auf dieser Basis wird dann über das weitere Vorgehen entschieden.

Schritt 3: Intervention

Neben einer Beobachtung und Analyse der epidemischen Entwicklung sind unter anderem folgende Maßnahmen zu koordinieren:

  • Umgehende Überführung Erkrankter in ein Krankenhaus mit Isolierstation und dortige Behandlung
  • Inkubationsimpfung Krankheitsverdächtiger gemäß § 20 IfSG und die Beobachtung sowie ggf. eine Absonderung gemäß §§ 28 - 32 IfSG
  • Pockenschutz der Bevölkerung durch eine rechtzeitige Impfung möglich: abgestuftes Vorgehen - angepasst an die epidemische Entwicklung, bei Bedarf eine Massenimpfung der gesamten oder von Anteilen der Bevölkerung
  • Maßnahmen gegen Ausbreitung des Infektionsgeschehens, wie z.B. Zugangsbeschränkungen zu Einrichtungen und Veranstaltungen, Absonderung sowie Empfehlungen geeigneter Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln
  • Information der Bevölkerung als Teil des Risikomanagements: transparente und umfassende Informationspolitik als Voraussetzung für ein positives Einwirken auf das Verhalten der Bevölkerung
  • Internationale Kooperation: Informationsaustausch und Abstimmung, sowie dem Anfordern bzw. Bereitstellen von technischer und personeller Unterstützung

Umsetzung des Konzepts

Das Bund-Länder-Rahmenkonzept basiert auf einem Modell, das drei Phasen unterscheidet:

  1. Phase I: kein Pockenfall weltweit
  2. Phase II: erster Pockenfall weltweit
  3. Phase III: erster Pockenfall in Deutschland ODER im Ausland mit unmittelbarer Bedrohung für die deutsche Bevölkerung

Derartige Modelle dienen als Hilfsgerüst für eine idealtypische Planung und suggerieren einen chronologischen Ablauf, wie er so in der Realität nicht unbedingt zu erfolgen hat. So ist beispielsweise ein direkter Übergang von Phase 1 in Phase 3 denkbar.

Soweit erforderlich sind die im Rahmenkonzept formulierten Empfehlungen diesen Phasen angepasst, wenngleich ein Großteil der dafür notwendigen Voraussetzungen bereits in Phase I vorbereitet bzw. erfüllt werden muss. Diese Vorbereitungen sind notwendig, um in Phase II und III ohne Zeitverzögerung reagieren zu können. Dazu zählen das Erstellen von regionalen Pockenalarmplänen sowie die notwendigen Vorbereitungen wie z.B. die Schulung von Mitarbeitern, die Schaffung der infrastrukturellen Voraussetzungen sowie die Beschaffung von Materialien.

Stand: 01.08.2011

Ausgewählte Publikationen

  • Kurth A, Achenbach J, Miller L, Mackay IM, Pauli G, Nitsche A (2008): Orthopoxvirus Detection in Environmental Specimens during Suspected Bioterror Attacks: Inhibitory Influences of Common Household Products.
    Appl. Environ. Microbiol. 74 (1): 32-37. mehr

  • Friesecke I, Biederbick W, Boecken G, Gottschalk R, Koch HU, Peters G, Peters S, Sasse J, Stich A (2007): Biologische Gefahren II - Entscheidungshilfen zu medizinisch angemessenen Vorgehensweisen in einer B-Gefahrenlage.
    BBK und RKI (Hrsg), 1.Auflage. Bonn/Berlin: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Robert Koch-Institut.

  • Gottschalk R, Graf P, Koch U, Peters M (2007): Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes bei Auftreten von Infektionskrankheiten.
    In: RKI und BBK (Hrsg), Biologische Gefahren I - Handbuch zum Bevölkerungsschutz, 3. Auflage. Berlin/Bonn: Robert Koch-Institut und Bundesamt für Bevölkerungsschutz, 410-416.

  • Nitsche A (2007): Rapid detection of bioterror agents.
    In: Mackay IM (Hrsg), Real-time PCR in microbiology: from diagnosis to characterization. Wymondham, UK: Caister Academic Press, 319-356. mehr

  • Ammon A, Sasse J, Riedmann K (2007): Early disease management strategies in case of a smallpox outbreak.
    In: Mercer, Andrew A., Schmidt Axel, Weber Olaf (Hrsg), Poxviruses. Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser Verlag, S. 407-421.

  • Kurth A, Nitsche A (2007): Fast and reliable diagnostic methods for the detection of human poxvirus infections.
    Future Virology 2 (5): 467-479. mehr

  • Nitsche A, Gelderblom HR, Eisendle K, Romani N, Pauli G (2007): Pitfalls in diagnosing human poxvirus infections.
    J. Clin. Virol. 38 (2): 165-168.

  • Riedmann K, Sasse J (2003): Das Bund-Länder-Rahmenkonzept zu notwendigen fachlichen Vorbereitungen und Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung nach bioterroristischen Anschlägen mit Pocken.
    Der Mikrobiologe 13 (4): 123-130.

  • Schmidt E (2003): Aktivitäten auf Bundesebene zur Vorsorge von bioterroristischen Anschlägen.
    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 46 (11): 997-1000. DOI: 10.1007/s00103-003-0712-4.

  • Wirtz A, Gottschalk R, Weber HJ (2003): Management biologischer Gefahrenlagen - Überlegungen zur notwendigen Infrastruktur in Ländern und Kommunen.
    Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 46 (11): 1001-1009. DOI: 10.1007/s00103-003-0717-z. mehr

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