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Europäisches Netzwerk zur Diagnostik "importierter" Viruserkrankungen

Das Robert Koch-Institut koordiniert seit 1995 ENIVD

Hintergrund

In den vergangenen Jahren zeigte sich immer wieder, dass spezielle virale Erreger, die schwere Erkrankungen beim Menschen hervorrufen können, aus tropischen Ländern nach Europa und auch nach Deutschland eingeschleppt werden können. Beispiele sind die Erreger hämorrhagischer Fieber wie das Lassa-Virus, das Gelbfieber-Virus und das Ebola-Virus. Das Risiko einer möglichen Einschleppung besteht im Zusammenhang mit der Einreise nach Aufenthalt in den entsprechenden Endemiegebieten. In Anbetracht der Tatsache, dass eine Vielzahl von Erregern in Frage kommt und bei den meisten dieser Erreger kaum Möglichkeiten einer spezifischen Prophylaxe oder einer spezifischen Therapie bestehen, hat die WHO in den Jahren 1993 und 1994 Expertentagungen zum Thema "Neue und wieder auftretende Infektionserreger" durchgeführt (Emerging infectious diseases: Memorandum from a WHO meeting. Bull WHO 1994; 72: 845-850 / Report of WHO Meeting on Emerging Infectious Diseases. Geneva-Switzerland, 25.-26. April 1994. World Health Organization CDS/BVI, 94: 2). Hauptthemen waren Erkrankungen, die durch Arthropoden übertragen werden (Arboviren) und hämorrhagische Fieber (VHF), die durch verschiedene Viren verursacht werden. Ein Ergebnis dieser Tagungen war die Empfehlung, weltweit Netzwerke zum Austausch von Informationen, Methoden und Reagenzien zu etablieren.

Im Gegensatz zur Labordiagnostik der in den jeweiligen europäischen Ländern endemischen Erreger fehlen zur Diagnostik solcher seltenen und "importierten" Erreger in vielen Ländern die Erfahrung und die Expertise. Die hier in Frage kommenden Erreger können, wenn überhaupt, nur in wenigen spezialisierten Laboratorien diagnostiziert werden. Gegenwärtig bestehen in Europa große Unterschiede zwischen den Laboratorien, die seltene und "importierte" Erreger diagnostizieren. In Frankreich, Schweden und Großbritannien wurden z.B. zentrale Einrichtungen geschaffen; in Deutschland sind verschiedene Laboratorien in der Lage, Infektionen durch spezielle Erreger zu diagnostizieren. In einigen europäischen Ländern finden sich spezialisierte Laboratorien mit einem hohen Standard, während andere Länder weder über Experten noch über die geeigneten Laboreinrichtungen verfügen. Je nach den jeweiligen Voraussetzungen und auch speziellen Interessen konzentrieren sich Laboratorien in aller Regel auf unterschiedliche Bereiche der Virusdiagnostik.

Zur Zeit wird die Diagnostik für seltene Erreger hauptsächlich mit selbstentwickelten Testen durchgeführt. Dabei werden serologische Teste wie Immunfluoreszenz, Hämagglutinationshemmteste, ELISA oder Neutralisationsteste durchgeführt, jedoch auch die Virusisolierung in Zellkulturen oder der Genomnachweis mit Hilfe der PCR. Da Erkrankungen durch diese Erreger selten sind, fehlt eine Standardisierung im Hinblick auf die Gewinnung von Untersuchungsmaterial und auf die Spezifität und Sensitivität der Teste in Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Erkrankung des Patienten. Nur für wenige Erreger werden kommerzielle Teste angeboten, da nur ein kleiner Markt vorhanden ist. Zudem gibt es keine externe Qualitätskontrolle, etwa im Rahmen eines Zulassungsverfahrens. Aufgrund der großen Zahl von Erregern, speziell im Bereich der hämorrhagischen Fieber, ist kein Land allein in der Lage, eine vollständige diagnostische Palette vorzuhalten.

Schwerpunkte der Kooperation

Die methodisch-technischen Probleme und die mit dem "Import" solcher Erreger verbundene Gefährdung der Bevölkerung machen es erforderlich, auf dem Gebiet der Diagnostik international enger zu kooperieren. Dem wurde 1995 durch den Aufbau eines Europäischen Netzwerkes zur Diagnostik von "importierten" Viruserkrankungen (ENIVD) Rechnung getragen. In den Treffen tauschen sich Wissenschaftler/innen aus virologischen Speziallaboratorien fast aller europäischen Länder - Albanien, Belgien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Kosovo, Kroatien, Luxemburg, Lettland, Litauen, Malta, Mazedonien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Schweiz, Serbien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn und Zypern - über diese spezielle Diagnostik aus.

Die Wissenschaftler haben sich in einem gemeinsam unterzeichneten Manifest auf folgende Schwerpunkte einer Kooperation geeinigt:

  1. Aufbau eines europäischen Netzwerkes zur Diagnostik seltener und "importierter" viraler Erreger; gegenseitige Unterstützung beim Austausch von Materialien, z.B. Seren, Virusisolaten, Methoden und Informationen zur Verbesserung der Diagnostik
  2. Auswahl viraler Erreger mit hoher Kontagiosität, für die eine Diagnostik schnell durchgeführt werden muß (< 24 h); Erstellen einer Liste von Laboratorien, die in der Lage sind, diese Diagnostik durchzuführen
  3. Ausarbeiten von Empfehlungen für die Standardisierung und Qualitätssicherung der angewendeten Untersuchungsmethoden
  4. Erstellen von Arbeitsanweisungen für die Durchführung von Standard-Testen entsprechend festgelegter Qualitätsanforderungen
  5. Optimieren der begrenzten Ressourcen durch Austausch von Reagenzien, Methodenbeschreibungen und Expertise
  6. Verbessern der Kontakte durch regelmäßige Treffen, Austausch und Training von Laborpersonal
  7. Offenhalten des Netzwerkes für Wissenschaftler aus weiteren europäischen Laboratorien
  8. Koordinieren von Aktivitäten mit anderen international arbeitenden Gruppen, wie z.B. der Surveillance network group und der Task force on vaccines and viral diseases, anderen nationalen Organisationen wie den Centers for Disease Control (CDC) oder internationalen Organisationen wie der World Health Organization (WHO) und der Pan American Health Organization (PAHO)

Konstante Weiterentwicklung

Die Kooperation bietet die Chance, allen Partnern in diesem europäischen Netzwerk ein breites Spektrum an Diagnostik anzubieten. Schwerpunkte von regionalem oder internationalem Interesse können definiert, von einem Expertenlaboratorium bearbeitet und anderen Partnern zur Verfügung gestellt werden. Die Aufteilung der Aufgaben auf die einzelnen Laboratorien wird allen europäischen Partnern zugute kommen. Nach einer Beschreibung der Defizite verschiedener Länder muß entschieden werden, ob zusätzliche diagnostische Kapazitäten aufgebaut werden müssen oder ob durch eine Übernahme von Aufgaben durch einige wenige Laboratorien die Versorgung ausreichend sichergestellt werden kann.

Die Frage der Qualitätssicherung der Diagnostik wurde seit 1999 in bisher 23  Ringversuchen angegangen. Untersucht wurden Teste sowohl zur serologischen als auch zur molekularbiologischen Diagnostik von  CCHF-, Chikungunya-, Dengue-, Filo-, FSME-, Gelbfieber-, Hanta-, Lassa-, Pocken-, SARS- und West-Nil Viren. Die beteiligten 168 Laboratorien aus 65 europäischen und außereuropäischen Ländern erzielten überwiegend zufrieden stellende Ergebnisse bezüglich der Qualität dieser diagnostischen Teste. Für die Zukunft sind weitere Ringversuche geplant.

Das Netzwerk steht in enger Verbindung mit der WHO und ist seit 2001 Focal Point bei WHO-GOARN. Seit 2008 wird das Netzwerk durch das ECDC finanziert und ist dort Bestandteil des ECDC "Outbreak Assistance Laboratory Network“, um labordiagnostische Beratung und labortechnische Unterstützung im Rahmen von Ausbruchssituationen anzubieten.

Aktuelle Informationen

Auf der englischspachigen Internetseite des ENIVD finden Sie folgende Informationen:

  • Liste der europäischen Laboratorien, die im Netzwerk mitarbeiten
  • Übersicht über die Leistungen der Laboratorien (untersuchte Erreger, Untersuchungsmethoden, z.B. ELISA, IF, PCR, etc.)
  • Empfehlungen für die Durchführung der Untersuchungen seltener Erreger
  • Verweise auf weitere Informationen im Internet über diese Erreger sowie über Biologische Sicherheit, Tagungen, Kongresse zu diesem Themenkomplex usw.
  • Link zur ENIVD-CLRN, dem "Collaborative Laboratory Response Network"-Projekt für das ECDC
  • Protokolle der letzten Treffen des ENIVD
  • Empfehlungen der WHO zum Vorgehen bei Verdacht auf ein virales hämorrhagisches Fieber (VHF)

Abhängig von der Art der Information sind diese öffentlich zugänglich oder sie stehen ausschließlich den Mitarbeitern des Netzwerkes zur Verfügung.

Stand: 30.05.2012

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