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Infektionsrisiken in Überschwemmungsgebieten in Deutschland

Im Zusammenhang mit Überschwemmungen stellt sich die Frage nach möglichen Infektionsgefahren. Das Risiko von Ausbrüchen von Infektionskrankheiten durch Überschwemmungen wird in der Öffentlichkeit meist überschätzt, gerade bei Überschwemmungen in Industrieländern. Grundsätzlich können aber über fäkal kontaminiertes Wasser (z.B. Überflutung von Abwassersystemen) bestimmte mit dem Stuhl ausgeschiedene Erreger übertragen werden und zu Magen-Darm-Erkrankungen oder Hepatitis A führen. In der Vergangenheit gab es bei Überschwemmungen in Deutschland keine Hinweise auf außergewöhnliche Infektionsgeschehen. In der Stadt Halle wurden allerdings im August 2013 insgesamt 24 Fälle von Kryptosporidiose, einem sich im menschlichen Darm ansiedelnden Parasit, gemeldet.

Kryptosporidiose-Ausbruch in Halle 2013

Das Robert Koch-Institut untersuchte gemeinsam mit dem Gesundheitsamt Halle, dem Umweltbundesamt und dem Bernhard-Noch-Institut für Tropenmedizin die Fälle und Umweltproben, um die Quelle des Ausbruchs zu identifizieren. Im Juni zuvor gab es eine Überschwemmung des Flusses Saale, von der die Flussauen, Teile des Stadtzentrums und das zentrale Abwassersystem betroffen waren. Insgesamt umfasste der Kryptosporidiose-Ausbruch 167 Personen, rund ein Viertel von ihnen wurden als Sekundärfälle klassifiziert, die vermutlich durch Mensch-zu-Mensch-Übertragung (über Schmierinfektion) entstanden sind. Bei dem Erreger handelte es sich um Cryptosporidium hominis. In einer Studie wurden erkrankte und nicht-erkrankte Kindergartenkinder bezüglich ihrer Exposition bei Aufenthalten in den früheren Überflutungsgebieten (Flussauen), Besuchen von Schwimmbädern, Zoobesuchen und dem Trinken von Leitungswasser untersucht und verglichen. Kinder, die sich in den Überflutungsgebieten aufgehalten hatten, wiesen ein deutlich erhöhtes Kryptosporidiose-Risiko auf. Stuhlproben wurden auf Oozysten untersucht, die Dauerform der Erreger, die vom Wirt ausgeschieden wird und die infektiöse Form darstellt. Ebenso wurde mit Proben aus dem Fluss Saale, aus Schwimmbädern und aus dem öffentlichen Trinkwasser System, verfahren. Der Parasit konnte überall nachgewiesen werden, außer im Trinkwasser. Daraufhin wurde von den Behörden angeordnet, den Aufenthalt in den von der Überschwemmung betroffenen Gebieten zu unterlassen und darauf hingewiesen, dass in diesen Gebieten das Risiko besteht, sich auch Wochen nach der Überschwemmung noch zu infizieren, da die im Stuhl ausgeschiedenen, Oozysten sehr widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse und Chemikalien sind, und im feuchten Milieu über Monate, in Einzelfällen bis zu zwei Jahre infektiös bleiben können (Die wissenschaftliche Beschreibung der Ausbruchsuntersuchung in Halle ist im Februar 2015 in der Zeitschrift BMC Infectious Diseases erschienen (Link siehe unten).

Generelle Empfehlungen

Generell empfiehlt das Robert Koch-Institut in von Überschwemmungen betroffenen Gebieten bestimmte Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung von Infektionsrisiken. Grundsätzlich können über fäkal kontaminiertes Wasser (z.B. Überflutung von Abwassersystemen) bestimmte mit dem Stuhl ausgeschiedene Erreger übertragen werden und zu Magen-Darm-Erkrankungen oder Hepatitis A führen. Nach den Erfahrungen bei früheren massiven Hochwasser-Ereignissen in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist jedoch eine allgemeine Impfung der Betroffenen gegen Hepatitis A in der Regel nicht erforderlich. Eine Hepatitis A-Impfung kann bei besonderer Gefährdung (keine Verfügbarkeit von sauberem Trink- und Waschwasser sowie Lebensmitteln) jedoch erwogen werden. Für Kanalisations- und Klärwerksarbeiter gibt es unabhängig von Überschwemmungsgeschehen eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut für eine Hepatitis A-Impfung. Eine solche Impfung kann auch für die Einsatzhelfer sinnvoll sein. Einzelheiten sollten mit dem zuständigen Arzt (z.B. Betriebsarzt) und der örtlichen Gesundheitsbehörde (Gesundheitsamt) besprochen werden. In überschwemmten Gebieten sind auch Leptospirose-Infektionen (Ansteckung z.B. über kleine Hautwunden in direktem Kontakt mit dem Wasser) denkbar, jedoch sind diese Erkrankungen in Deutschland selten, und der Verdünnungseffekt reduziert das Infektionsrisiko.

Hygienische Probleme ergeben sich vor allem nach dem Ende der Überschwemmung, wenn die Bewohner bei Aufräumarbeiten in ihren Häusern, Kellern und Gärten intensiven Kontakt zu möglicherweise mit Fäkalien kontaminiertem Wasser haben. Kinder sollten deshalb nicht im Überschwemmungswasser baden oder spielen. Der Kryptosporidiose-Ausbruch in Halle zeigt, dass Überflutungsgebiete unter Umständen noch mehrere Monate mit Kryptosporidien kontaminiert sein können. In überschwemmten Gebieten sind auch Leptospirose-Infektionen (Ansteckung zum Beispiel über kleine Hautwunden) denkbar, jedoch sind diese Erkrankungen in Deutschland selten und der Verdünnungseffekt reduziert das Infektionsrisiko noch weiter.

Gegen die fäkal-oral übertragbaren Krankheiten schützt man sich am besten durch strikte Händehygiene und den Verzehr von ausschließlich hygienisch unbedenklichen Lebensmitteln, vor allem von sauberem Trinkwasser. Es ist davon auszugehen, dass das Trinkwasser vor Ort laufend kontrolliert wird, und dass die lokalen Behörden die Bevölkerung über mögliche Probleme mit der Trinkwasserqualität aufklären. Lebensmittel, die mit Überschwemmungswasser in Berührung gekommen sind, sollten nicht verzehrt werden.

Besonders problematisch ist die Nutzung von Einzelbrunnen zur Trinkwasserversorgung, diese sollten bei einer Überschwemmung erst nach einer Freigabe durch das zuständige Gesundheitsamt wieder genutzt werden. Gartenbesitzer sollten daran denken, dass Wasser aus Teichen und Bächen nach einer Überschwemmung für die Bewässerung von Gemüse, Feldfrüchten, Obst u.ä. nicht geeignet ist. Grundsätzlich sollte die Bevölkerung die Hinweise und Anordnungen, z.B. Abkochgebote für Trinkwasser, des zuständigen Gesundheitsamtes befolgen. Da bei Aufräumarbeiten die Verletzungsgefahr erhöht ist, sollte der Impfschutz gegen Tetanus überprüft und ggf. aktualisiert werden. Erwachsenen wird (generell unabhängig von Überschwemmungsgeschehen) eine Auffrischimpfung gegen Tetanus alle zehn Jahre empfohlen, bei einer Verletzung sollte mit dem Hausarzt (unter Berücksichtigung von der Art der Wunde und der Anzahl der Vorimpfungen) geklärt werden, ob eine sofortige Impfung notwendig ist.

Das Robert Koch-Institut rät, sich nach Überschwemmungsgeschehen bei der Reinigung von Häusern und Wohnungen durch Gummistiefel, wasserdichte Handschuhe und wasserabweisende Kleidung vor dem Kontakt mit möglicherweise "verkeimtem" Wasser zu schützen und sich vor der Zubereitung und dem Verzehr von Lebensmitteln sowie dem Rauchen sorgfältig die Hände mit hygienisch einwandfreiem Wasser zu waschen.

Stand: 31.08.2017

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