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Shigellen-Infektionen - Häufigkeit, Übertragungswege und Verlauf bei der Übertragung durch sexuelle Kontakte

Shigellen-Infektionen

Infektionen mit Shigellen gehören zu den sog. fäkal-oral übertragenen Erkrankungen, zu denen auch die meisten anderen Durchfallerkrankungen, aber z.B.--zum Beispiel auch die Hepatitis A gehören. Die Übertragung erfolgt meistens durch fäkal verunreinigtes Wasser, durch kontaminierte Lebensmittel, bzw. durch Schmierinfektionen bei unzureichender Händehygiene. Schon die Aufnahme sehr geringer Keimzahlen kann zur Erkrankung führen. Diese beginnt einen bis mehrere Tage nach Aufnahme des Erregers mit Durchfall, Bauchkrämpfen und Fieber. Schwere und Dauer der Erkrankung hängen u.a. vom Typ des Erregers ab und können von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Das Spektrum reicht von eher milden Krankheitsverläufen von wenigen Tagen Dauer mit geringen Beschwerden bis zu schweren Krankheitsbildern mit wochenlang anhaltenden schweren, auch blutigen Durchfällen mit hohem Fieber. Umgangssprachlich wird das Erkrankungsbild auch als Ruhr bezeichnet. Die auslösenden Shigellen vermehren sich im Darm und werden über den Stuhl ausgeschieden. Wenn die Infektion nicht mit Antibiotika behandelt wird, können die Erreger noch mehrere Tage bis wenige Wochen nach Ende der klinischen Beschwerden weiter ausgeschieden werden. Nach Behandlung mit Antibiotika, auf die der Erreger empfindlich ist, verschwindet bereits etwa einen Tag später der Erreger aus dem Stuhl.
Wie eine Reihe anderer Durchfallerreger sind Shigellen in den vergangenen Jahrzehnten durch Verbesserung der hygienischen Bedingungen in den Industriestaaten seltener geworden.
Knapp 3/4 der aktuell in Deutschland diagnostizierten Infektionen sind "Mitbringsel" aus dem Urlaub, vor allem aus Nordafrika und der Türkei.

Sexuelle Übertragung von Shigellen-Infektionen bei schwulen Männern in Berlin

Im Herbst 2001 machte eine Berliner Krankenhauslaborärztin das Robert Koch-Institut auf eine Häufung von Shigelleninfektionen bei schwulen Männern aufmerksam, die nicht im Ausland gewesen waren. Innerhalb weniger Wochen hatte sie 10 Infektionen diagnostiziert. Ein daraufhin durchgeführter Vergleich der Shigellen-Erkrankungen in Berlin mit anderen Bundesländern ergab eine auffällige Häufung von Erkrankungen bei Männern, insbesondere in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg, Mitte, Prenzlauer Berg-Pankow sowie Kreuzberg-Friedrichshain (siehe Link Abbildung). Zwei Drittel der insgesamt 120 Berliner Fälle des Jahres 2001 traten bei Männern auf, während in den meisten anderen Bundesländern etwas über die Hälfte der Erkrankungen bei Frauen und weniger als die Hälfte bei Männern diagnostiziert wurden. Nicht zuletzt auch, weil im Oktober in einer Publikation von einer offenbar auf sexueller Übertragung beruhenden Shigellenepidemie bei schwulen Männern in San Francisco berichtet worden war (dort erkrankten im 2. Halbjahr 2000 mindestens 230 Männer), kam der Verdacht auf, dass auch in Berlin der Erreger auf sexuellem Wege unter schwulen Männern übertragen wird. Das Robert Koch-Institut entschloss sich darauf hin, in Zusammenarbeit mit der Senatsgesundheitsverwaltung und den bezirklichen Gesundheitsämtern eine Befragung bei den männlichen Patienten des Jahres 2001 ohne Auslandsreisen in der Woche vor ihrer Erkrankung durchzuführen. Ein schriftlicher Fragebogen, welcher Fragen nach eventuellen sexuellen Übertragungsrisiken enthielt, wurde den Männern mit der Bitte zugeschickt, ihn ausgefüllt anonym an das Robert Koch-Institut zurückzuschicken.

Abbildung 1Shigellenerkrankungen nach Meldemonat und Geschlecht

Ergebnisse der Untersuchung zu Infektionsrisiken

Es wurden 58 Fragebögen verschickt. 33 Personen sandten einen ausgefüllten Fragebogen zurück. Unter den Antwortenden waren 25 schwule und 8 heterosexuelle Männer. Auf die Frage nach dem selbst vermuteten Infektionsweg wurden 10-mal Lebensmittel, zweimal soziale Kontakte, 17-mal sexuelle Kontakte (ausnahmslos von schwulen Männern; Mehrfachangaben waren möglich) angegeben, in fünf Fällen hatten die Betroffenen keine Vorstellung, wie es zu der Infektion gekommen sein könnte. Sexuelle Kontakte mit Männern in der Woche vor ihrer Erkrankung wurden von 25 Personen angegeben, wobei vier Männer angaben, nur mit bereits länger bekannten Partnern Kontakt gehabt zu haben, die selbst in der fraglichen Zeit keine Symptome aufwiesen. In einem Fall wurde gemeinsames Kochen und Essen mit Personen, die an Durchfall erkrankt waren, als wahrscheinlicher Übertragungsweg angegeben. Nur in einem Fall war eine Durchfallerkrankung des Sexualpartners vor der Erkrankung eines Untersuchungsteilnehmers bekannt gewesen: der Durchfall war zunächst vom Hausarzt falsch diagnostiziert und behandelt worden. In allen anderen Fällen war den Teilnehmern nicht bekannt, ob ihre Partner in der Zeit vor oder während der sexuellen Kontakte eine Durchfallerkrankung hatten. Die meisten Erkrankten geben sexuelle Kontakte in Bars, auf Parties oder in der Sauna an, wo die Partner in der Regel auch kennengelernt wurden. Die Befragung kann die Übertragungswege im Einzelnen natürlich nicht nachweisen und es besteht keine Möglichkeit die gemachten Angaben zu überprüfen. Trotzdem legen die Ergebnisse der Befragung nahe, dass zumindest ein großer Teil der Erkrankungen durch sexuelle Kontakte, die einen direkten oder indirekten (z.B. über Finger) Kontakt zwischen Mund und Analregion des Partners beinhalteten, übertragen wurde. Offenbar gibt es aber über die Personen hinaus, bei denen die Shigelleninfektion diagnostiziert wurde, eine Reihe weiterer Infizierter, die entweder weniger schwer erkranken oder noch über längere Zeit nach Ende der akuten Erkrankung die Erreger über den Darm ausscheiden und dadurch bei sexuellen Kontakten die Infektion an Sexualpartner weitergeben. Und offenbar sind dies so viele Personen und findet dies so häufig statt, dass jetzt seit mindestens einem Jahr kontinuierlich solche Infektionen bei schwulen Männern auftreten. Für eine solche Infektionskette mit vorwiegend sexueller Übertragung spricht auch die Analyse mehrerer Shigellen-Isolate, die von Patienten stammen, die gegen Ende des Jahres 2001 oder im Laufe des ersten Quartals 2002 in Berlin erkrankten. Die Isolate, die wahrscheinlich von schwulen Männern stammen, gehören alle einem bestimmten Bakterienstamm an, der sich von den Stämmen anderer Personen ohne sexuelle Risiken unterscheidet.

Konsequenzen und Empfehlungen

Die Etablierung einer vorwiegend über anal-orale Kontakte übertragenen Erkrankung als sexuell übertragbare Erkrankung bei schwulen Männern ist kein völlig neues und unbekanntes Phänomen. Auch die Hepatitis A, die auf demselben Wege übertragen wird, tritt immer wieder als sexuell übertragene Erkrankung bei schwulen Männern auf. Es besteht bisher kein Grund, die Situation zu dramatisieren. Die Zahl der bisher Erkrankten ist nicht sehr hoch und die Erkrankung ist zwar unangenehm, aber in der Regel nicht gefährlich und gut behandelbar. Trotzdem gibt es eine Reihe von Verhaltensempfehlungen, deren Beachtung dazu beitragen kann, die weitere Ausbreitung solcher Krankheitserreger einzudämmen. Auch wenn es für Personen mit wechselnden, insbesondere anonymen Partnern, kein Patentrezept gibt, sich vor einer Shigelleninfektion zu schützen, gibt es einige allgemeingültige Empfehlungen, die jeder berücksichtigen sollte:

  • Wichtig ist, dass Personen, die mit Fieber, Bauchkrämpfen und Durchfall erkranken, zum Arzt gehen und dass der Arzt daran denkt, eine Stuhluntersuchung zu veranlassen.
  • Während und in den ersten Tagen nach einer Durchfallerkrankung sollte man auf sexuelle Kontakte verzichten.
  • Wenn eine Shigelleninfektion diagnostiziert wird, sollte sie mit Antibiotika behandelt werden, die gegen den Erreger wirksam sind, auch um die Dauer der Ausscheidung möglichst zu reduzieren.
  • Betreiber von Bars mit Darkroom und Veranstalter von Sex-Parties sollten dafür sorgen, dass Seifenspender zum Händewaschen in den Waschräumen installiert sind.
  • Saunabetreiber sollten darauf achten, dass Whirlpools ausreichend gechlort werden.
  • Weitere denkbare Übertragungswege sind gemeinsam benutzte, unzureichend desinfizierte Dildos, von mehreren Personen benutzte Dosen mit Gleitmittel z.B. beim Fisten u.ä.

Der Gebrauch von Kondomen beim Analverkehr bietet angesichts der möglichen Übertragungswege keinen ausreichenden Schutz.

Zur Vermeidung der Übertragung bei sozialen Kontakten sollten an Durchfall erkrankte Personen sich insbesondere vor der Zubereitung von Lebensmitteln und Speisen für andere Personen gründlich die Hände waschen.

Stand: 01.04.2002

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