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Zielgruppeneinstiege

Studienarm: Vor-Ort-Beratungskampagne

(Knowledge, Attitudes, Behaviour as to Sexually Transmitted Infections)

Hintergrund

Das Robert Koch-Institut führte von Juni bis September 2006 im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit eine umfangreiche Befragung zu Wissen, Einstellungen und Verhalten homosexueller Männer in Deutschland durch (KABaSTI-Studie: Knowledge, Attitudes and Behaviour as to Sexually Transmitted Infections).

Studienteilnehmer werden dabei zum einen über das Internet gewonnen, andererseits über ärztliche Praxen mit einem hohen Anteil homosexueller Männer im jeweiligen Patientenkollektiv.

Zusätzlich zum Fragebogen wurde als Pilotprojekt für Studienteilnehmer aus Berlin die Möglichkeit angeboten, sich anonym durch die Einsendung von auf Filterpapier aufgetropften und getrockneten Blutstropfen (aus Kapillarblut aus der Fingerkuppe) auf Antikörper gegen Syphilis, Hepatitis B, Hepatitis C und HIV testen zu lassen. Ergebnisse können mittels der ID-Nummer des Fragebogens und eines selbst gewählten Passwortes im Rahmen eines Nachberatungsgesprächs an drei verschiedenen Gesundheitsämtern über das Internet abgefragt werden.

Die Übermittlung der Testergebnisse erfolgte dabei über eine gesicherte Internetverbindung und war nur in Gegenwart eines Arztes oder einer Ärztin möglich, die über ein entsprechendes gegenzeichnendes Passwort verfügte.

Dieses Pilotprojekt wurde in Absprache mit der AG Primärprävention des Landesverbandes der Berliner AIDS-Selbsthilfegruppen (LABAS e.V.) für die Aktion „Komm auch Du!“ modifiziert. So wurde nicht mit angetrockneten Blutstropfen, sondern mit der herkömmlichen Serodiagnostik gearbeitet und entsprechend eine venöse Blutentnahme durchgeführt, die eine erweiterte Diagnostik der Syphilis ermöglichte. Zusätzlich konnten Testergebnisse im Rahmen der Aktion „Komm auch Du!“ nicht nur bei den drei an der KABaSTI-Studie beteiligten Gesundheitsämtern, sondern auch in drei ärztlichen Praxen (AK AIDS) sowie in den vier beteiligten Beratungsprojekten abgerufen werden.

Methoden

Befragung:

Im Rahmen der in Bussen, drei ärztlichen Praxen und vier Projekten durchgeführten Beratungsgespräche wurden Fragebögen verteilt, die zusätzlich zu den gewünschten Tests 27 Fragen umfasste, die dem sehr viel umfangreicheren Hauptfragebogen entnommen waren. Für die Beantwortung der Fragen waren ca. 10 Minuten erforderlich. Während Praxen und Projekte mittwochs bzw. freitags von 15 bis 20 Uhr geöffnet hatten, wurden die Busse jeweils freitags und samstags von 22 bis 2 Uhr an szenenahen Orten in Berlin-Schöneberg, -Kreuzberg, -Prenzlauer Berg und -Friedrichshain eingesetzt.

Der Fragebogen gliederte sich in fünf Abschnitte. Im Abschnitt „Fragen zu Ihrer Person“ sollten Angaben zu Alter, Bildung, Berufsstatus und Muttersprache im Elternhaus gemacht werden. Im Abschnitt „Wie leben Sie?“ wurden Fragen zur Anzahl und Häufigkeit sexueller Kontakte gestellt, zum Beziehungsstatus, zu sexuellen Praktiken mit männlichen Partnern außerhalb einer festen Beziehung sowie dazu, an welchen Orten sexuelle Kontakte geknüpft werden. Im Abschnitt „Was wissen Sie über Übertragungswege und wie schätzen Sie Ihr Risiko ein?“ wurde nach dem geschätzten eigenen Risiko gefragt, sich selbst mit HIV zu infizieren bzw. sich andere sexuell übertragbaren Infektionen zuzuziehen. Weiterhin wollten wir wissen, welche Faktoren nach Einschätzung der Teilnehmer die Übertragung der Hepatitis C begünstigen.

Unter der Überschrift „Sind Freunde, Bekannte oder Sie selbst von sexuell übertragbaren Infektionen betroffen?“ folgten Fragen zur Vorgeschichte bzgl. sexuell übertragbarer Infektionen und HIV, zum Testverhalten, zur Impfung gegen Hepatitis B, zur Partnerbenachrichtigung im Falle der eigenen Erkrankung sowie zur Kombinationstherapie (im Falle einer bekannten HIV-Infektion). Im letzten Abschnitt „Wie reagieren Sie auf die Gefahr, sich mit sexuell übertragbaren Infektionen anzustecken?“, ging es neben diesen Reaktionsmöglichkeiten um Fragen zur Häufigkeit ungeschützten Analverkehrs (differenziert nach festem Partner, bekannten und anonymen Sexpartnern) sowie um reale und hypothetische Gründe des Kondomverzichts. Schließlich konnten die Teilnehmer wählen, auf welche der oben genannten Erreger sie sich testen lassen wollten.

Nicht alle Teilnehmer der Kampagne, die an einem Beratungsgespräch teilgenommen haben, haben auch einen Fragebogen ausgefüllt. Diese Nachlese bezieht sich ausschließlich auf die ausgewerteten Fragebögen.

Serologie:

Alle serologischen Untersuchungen wurden mit Vollblut bzw. Vollblutserum durchgeführt. Die Testung auf HIV-Antikörper erfolgte am Robert Koch-Institut (Arbeitsgruppe Dr. Claudia Kücherer).
Dabei wurden jeweils zwei unabhängige Suchtests sowie ggf. bei positiven Suchtest ein Immunoblot- Bestätigungstest durchgeführt. Die Untersuchung auf Hepatitis-Antikörper wurde im niedersächsischen Landesgesundheitsamt durchgeführt (Dr. Armin Baillot), wobei hier nur der Suchtest für HCV-Antikörper zur Anwendung kam. Auch bei der Hepatitis B haben wir uns auf die anti-HBc- Antikörper beschränkt, so dass es nicht möglich war, zu beurteilen, ob eine Hepatitis ausgeheilt ist oder nicht. Ob eine Impfung gegen Hepatitis B durchgeführt worden war, wurde zwar im Fragebogen fragt, aber nicht serologisch überprüft.
Für die Beurteilung der Syphilis haben wir mit drei Berliner Laboren zusammengearbeitet, die Ihre Leistungen für die gesamte Aktion dankenswerterweise kostenlos zur Verfügung gestellt haben.
Der Grund für die Verwendung von Vollblutproben und die Einbeziehung der Berliner Labore war insbesondere, dass nur auf diese Weise eine an der aktuellen Behandlungsnotwendigkeit orientierte Syphilis-Diagnostik möglich war. Die quantitative Bestimmung von Syphilis-Antikörpern (TPPA-Titer, VDRL-Titer) aus getrockneten Filterblutproben ist nicht etabliert, ebenso wenig wie der Syphilis-IgG/-IgM-Blot oder alternativ der FTA-Abs-Test. Zur Beurteilung der Behandlungsnotwendigkeit – insbesondere wenn Vorergebnisse fehlen – sind diese zusätzlichen Untersuchungen unverzichtbar.

Ergebnisse

Befragung:

Insgesamt haben 182 Männer den Fragebogen ausgefüllt, 175 haben sich Blut abnehmen lassen.
Abbildung VII-13 zeigt die Verteilung auf die verschiedenen Orte, an denen Beratungen stattgefunden
haben. Die Anzahl der Beratungsgespräche, die stattgefunden haben, ohne dass ein Fragebogen
ausgefüllt wurde, wurde nicht erfasst. Nach Angaben von Beratern handelt es sich jedoch um
Einzelfälle.

Abbildung 1: Beratungsgespräche / Beratungspotential

Abbildung1:  Beratungsgespräche / Beratungspotential

Die Altersverteilung derjenigen Menschen, die in Bussen und Praxen beraten wurden, ist der Altersverteilung in der von Michael Bochow et al. über Szenemagazine durchgeführten Befragung schwuler Männer von 2003 sehr ähnlich: Gut die Hälfte der Teilnehmer ist zwischen 30 und 44 Jahre alt, ca. jeweils ein Viertel ist unter 30 bzw. über 45. Der Anteil der Teilnehmer unter 20 Jahren ist ausgesprochen klein. Die Jahrgänge der beratenen Männer reichten von 1937 bis 1988. Der Altersmedian ist mit 39 Jahren relativ hoch, was darauf zurückzuführen ist, dass der Anteil der über 44-Jährigen, die in den Projekten beraten wurden, 46% betrug (Ein Altersmedian von 39 bedeutet: Die Hälfte der Teilnehmer war älter, die andere Hälfte jünger als 39 Jahre). Hier war auch der Anteil der berenteten und arbeitslosen Menschen mit 14% bzw. 27% am höchsten. An allen drei Beratungsorten betrug der Anteil der Berufstätigen ca. 50%. Auch in Bezug auf Bildungsabschlüsse gleicht die untersuchte Gruppe den Befragungsteilnehmern von Michael Bochow: Fast zwei Drittel hatten Abitur
oder einen höheren Abschluss. In der allgemeinen Bevölkerung (Männer) beträgt dieser Anteil nur ein Fünftel (Abbildungen 2 und 3).

Abbildung 2: Altersverteilung

Abbildung 2: Altersverteilung

Abbildung 3: Bildungsverteilung

Knapp die Hälfte der befragten Männer gab an, in den letzten zwölf Monaten mehr als 10 gleichgeschlechtliche Sexpartner gehabt zu haben. Ebenfalls rund die Hälfte der befragten Männer war zum Zeitpunkt der Befragung in einer festen Beziehung mit einem Mann. Davon gab wiederum die Hälfte an, dass der feste Freund nicht der einzige Sexpartner ist. Diese Verteilung scheint in verschiedenen Befragungen homosexueller Männer ziemlich robust zu sein. Bezüglich der sexuellen Praktiken ist festzustellen, dass knapp 40% der Männer gar keinen rezeptiven Analverkehr mit Sexpartnern außerhalb fester Beziehungen praktizieren (alle KABaSTI-Teilnehmer: 34%), während ca. 30% angeben, keinen insertiven Analverkehr außerhalb fester
Beziehungen zu haben (alle KABaSTI-Teilnehmer: 34%).


Sexuell übertragbare Infektionen (STI) waren bei zwei Dritteln der Befragten in den letzten zwölf Monaten ein Thema, über das sie sich Gedanken gemacht haben. Gründe dafür waren an sich selbst festgestellte Symptome (23%), die Erkrankung eines Sexpartners (11%) oder ungeschützter Verkehr (26%).
Gut die Hälfte der Befragten hat den letzten Test bei einem niedergelassenen Arzt gemacht, ungefähr in Drittel nutzte die anonyme Test-Möglichkeit der Gesundheitsämter. Vier der Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Befragung HIV-positiv.

Serologie:

Serologisch untersucht wurde das Blut von 175 Teilnehmern (Abbildung 4). Unter den 154 Teilnehmern, die angegeben hatten, noch keine Syphilis gehabt zu haben, fanden sich 10 mit einem positiven TPPA, der bei der Syphilis als Suchtest dient. Bei der Hälfte dieser 10 Männer legte die weiterführende serologische Diagnostik den dringenden Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Syphilis nahe. Dies war auch bei 3 von den 20 Männern der Fall, die angegeben hatten, in der Vergangenheit bereits eine Syphilis durchgemacht zu haben (Abbildung 5) . Aufgrund des anonymen Charakters der Untersuchung und der entsprechend nicht vorhandenen Voruntersuchungsergebnisse war es in diesen drei Fällen nicht möglich, zu differenzieren, ob es sich um eine bereits ausreichend behandelte aber erst kurz zurückliegende Syphilis handelte, um eine in der Vergangenheit unzureichend behandelte
Erkrankung oder eine bislang unerkannte Neuinfektion.

Abbildung 4: Serologische Testergebnisse

Abbildung 4: Serologische Testergebnisse  (n=175)

Abbildung 5: Anamnese

Abbildung 5: Anamnese (n=175)

Bei der Untersuchung auf Antikörper gegen das Hepatitis-C-Virus (HCV) gab es nur ein neu positives Testergebnis, das jedoch nach Angaben des nachuntersuchenden niedergelassenen Arztes nicht bestätigt werden konnte. Durchgeführt wurde im Rahmen der KABaSTI-Studie nur der HCV-Suchtest, bei dem falsch positive Befunde vorkommen. Dies bedeutet, dass keiner der Teilnehmer zum Untersuchungszeitpunkt an einer Hepatitis C erkrankt war. Da die untersuchte Population im wesentlichen HIV-negativ war, liegt dieses Ergebnis im Rahmen von Schätzungen und Studien zur Hepatitis-C-Prävalenz von HIV-negativen Menschen.

149 Antikörper gegen das Core-Antigen des Hepatitis-B-Virus (HBV) konnten bei einem Viertel der Teilnehmer festgestellt werden. Dieser Anteil kontrastiert zunächst mit den oben erwähnten 8%, die sich erinnern konnten, schon einmal eine Hepatitis B durchgemacht zu haben. Es ist jedoch bekannt, dass HBV-Infektionen häufig symptomlos verlaufen. Eine Differenzierung in chronische und ausgeheilte Hepatitis B war mit den verwendeten Untersuchungen nicht möglich. Es ist aber auch bekannt, dass der Anteil derjenigen Infektionen, die chronifizieren, sehr gering ist. In Anbetracht des hohen Altersdurchschnitts der Teilnehmer bzw. der Altersverteilung der positiven Hepatitis-BAntikörper-Suchtests (Abbildung 6) kann eigentlich davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem weit überwiegenden Teil dieser HBV-Infektionen um ausgeheilte Infektionen handelt. Eine ausgeheilte Hepatitis B hinterlässt im Gegensatz zur Hepatitis C eine lebenslange Immunität.

Abbildung 6: Positiver anti-HBc-Test und Alter

Abbildung 6: Positiver anti-HBc-Test und Alter

Fünf Teilnehmer lehnten einen HIV-Test im Rahmen der Studie ab (darunter eine von den vier Personen mit einer bekannten HIV-Infektion). Von den verbleibenden 170 Männern war der HIVAntikörpertest bei 159 (94%) negativ. Unter den 11 positiv getesteten Teilnehmern (6%) waren somit 8 Männer, bei denen im Rahmen der Beratungskampagne erstmalig eine HIV-Infektion festgestellt wurde. 6/8 dieser positiven HIV-Testergebnisse wurden im BED-CEIA als inzident gewertet (Infektion vor weniger als 20 Wochen). Der Gesamtanteil der Menschen mit HIV unter den Teilnehmern beträgt daher je nach Berechnungsgrundlage 6 bis 7% und steht im Einklang mit den Schätzungen zur HIVPrävalenz bei MSM in Deutschland.

Schließlich ist noch anzumerken, dass am Stichtag 31.8.2006 84% der Teilnehmer Ihre Testergebnisse auch abgerufen und im Rahmen einer Nachberatung mitgeteilt bekommen hatten; hierunter befanden sich auch all diejenigen Teilnehmer, die ein positives Testergebnis für HIV-Antikörper hatten. Es ist aber zu vermuten, dass der Anteil der tatsächlich abgefragten Testergebnisse höher liegt als der dokumentierten – zumindest haben einzelne Ärzte in persönlichen Rückmeldungen darauf hingewiesen, dass der entsprechende Haken in der Online-Maske von Ihnen nicht durchgehend gesetzt wurde.

Abschließende Bemerkung

Auf zwei Beschränkungen bei der epidemiologischen Auswertung der Beratungskampagne „Komm auch Du!“ muss hingewiesen werden: Zunächst handelt es sich bei der KABaSTI-Studie um eine Querschnittstudie, die Daten zu einem bestimmten Zeitpunkt erhebt. Somit können nur sehr eingeschränkt Aussagen zu zeitlichen Zusammenhängen gemacht werden. Da jeder Kausalzusammenhang auch ein zeitlicher Zusammenhang ist (jede Ursache geht ihrer Wirkung zeitlich voraus), sind Aussagen zu Ursachen im Rahmen dieser Studie nur eingeschränkt möglich. Für die Aktion „Komm auch Du!“ kommt die statistisch gesehen geringe Fallzahl hinzu. Daher verzichtet die Auswertung dieses Studienarmes auf die statistische Analyse von Zusammenhängen.
Die Tatsache, dass 83% der Teilnehmer in der Vergangenheit einen HIV-Test gemacht haben, 59% Mehrfachfester sind und 33% für ihren letzten HIV-Test ein Gesundheitsamt aufgesucht haben, unterstreicht den fortgesetzten Bedarf homosexueller Männer an kostenlosen und anonymen Test- und Beratungsangeboten.

Danksagung

Im Namen des Robert Koch-Institutes bedanken wir uns herzlich bei allen beteiligten Projekten und Organisationen: 

Stand: 05.09.2006

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