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Zielgruppeneinstiege

Empfehlungen des RKI für das Management von Kontaktpersonen laborbestätigter symptomatischer MERS-Fälle

Stand: 03.07.2014

Ziel der Kontaktpersonennachverfolgung bei MERS-CoV

  • Frühzeitige Erkennung von Fällen, um eine frühzeitige symptomatische Behandlung und eine Isolation dieser Personen zu ermöglichen, um Übertragungen zu verhindern.
  • Kontinuierliches Monitoring des Erregers bezüglich seines Potentials der Mensch-zu-Mensch Übertragung.

Prinzipiell sind die Empfehlungen gedacht für das Management von Kontaktpersonen laborbestätigter, symptomatischer Fälle mit „Middle East Respiratory Syndroms“ (MERS), da bisher (Juni 2014) keine Übertragungen durch asymptomatische MERS-Fälle dokumentiert wurden. Grundsätzlich obliegt dem Gesundheitsamt die Entscheidung zum individuellen Vorgehen. Allerdings kann im Einzelfall auch die Nachverfolgung von Kontaktpersonen wahrscheinlicher MERS-Fälle (Pneumonie und Kontakt zu einem laborbestätigten Fall) oder asymptomatischer, laborbestätigter Fälle sinnvoll sein.

Sollten Informationen bekannt werden, die eine andere Vorgehensweise für sinnvoll erscheinen lassen, werden die hier genannten Empfehlungen angepasst.

Hintergrund und Grundlage

Relevant für die Empfehlungen zur Nachverfolgung von Kontaktpersonen laborbestätigter MERS-Fälle sind die momentan (Stand 25.06.2014) verfügbaren Informationen zu MERS-Coronavirus (CoV) sowie die Empfehlungen des Europäischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention (ECDC).

  • Seit 2012, als das Virus entdeckt wurde, sind bis Juni 2014 über 800 MERS-Fälle weltweit bekannt geworden. Für die aktuelle Situation wird auf die Internetseiten des RKI verwiesen (Link siehe unten)
  • Nach Deutschland wurden bis zum Juni 2014 zwei Fälle importiert.
  • Infektionsverlauf: von asymptomatisch bis zu tödlicher Erkrankung.
  • Letalität der gemeldeten Fälle: über 30%.
  • Infektionsquelle: als wahrscheinlichste Infektionsquelle von Primärfällen wird ein direkter oder indirekter Kontakt zu Dromedaren /nicht erhitzten Dromedarprodukten (Milch, Fleisch, Urin) in Ländern der arabischen Halbinsel angenommen.
  • Inkubationsperiode: 2-14 Tage.
  • Bisher wurden Mensch-zu-Mensch-Übertragungen nur nach Kontakt zu symptomatischen Patienten dokumentiert, in der Regel wird eine Infektiosität so lange angenommen, wie eine Symptomatik besteht.
  • Die Ausscheidung erfolgt über die oberen und tiefen Atemwege, virale RNA wurde aber auch in Stuhl und Urin entdeckt.
  • Als Übertragungsmechanismus wird angenommen, dass vorwiegend Tröpfcheninfektionen, vermutlich aber auch Schmierinfektionen eine Rolle spielen.
  • Mensch-zu-Mensch Übertragungen sind eindeutig belegt. Die beschriebenen Fälle betreffen v.a. medizinisches Personal und enge Kontaktpersonen. In systematischen Untersuchungen wurden familiäre Kontakte in weniger als 5% angesteckt. Fortgesetzte menschliche Infektketten wurden bislang nicht beschrieben.
  • Von Übertragungen in Flugzeugen wurden bislang nicht berichtet.

Empfehlungen im Einzelnen

Für den Umgang mit Kontaktpersonen bestätigter MERS-Fälle werden im Rahmen der Beobachtung nach § 29 IfSG folgende Begriffe definiert:

Kontaktpersonen der Kategorie I („höheres“ Infektionsrisiko):

  • Personen mit kumulativ mindestens 15-minütigem Gesichts- („face-to-face“) Kontakt, z.B. im Rahmen eines Gesprächs. Dazu gehören z.B. Personen aus Lebensgemeinschaften im selben Haushalt.
  • Personen mit direktem Kontakt zu Sekreten oder Körperflüssigkeiten, insbesondere zu respiratorischen Sekreten eines bestätigten MERS-Falls, wie z.B. Küssen, Kontakt zu Erbrochenem, Mund-zu-Mund Beatmung, Anhusten, Anniesen, etc.
  • Medizinisches Personal mit Kontakt zum bestätigten MERS-Fall im Rahmen von Pflege oder medizinischer Untersuchung, unabhängig von verwendeter Schutzausrüstung.
  • Kontaktpersonen eines bestätigten MERS-Falles im Flugzeug:

    • Passagiere, die in derselben Reihe wie der bestätigte MERS-Patient oder in den zwei Reihen vor oder hinter diesem gesessen hatten, unabhängig von der Flugzeit.
    • Crew-Mitglieder oder andere Passagiere, sofern eines der anderen Kriterien zutrifft (z.B. längeres Gespräch; Kontakt zu Erbrochenem; o.ä.).
    • Unter dem Ziel einer frühzeitigen Identifizierung infizierter Kontaktpersonen wird – abhängig von der Verfügbarkeit entsprechender Daten - empfohlen, eine Kontaktpersonen-Nachverfolgung zu initiieren, wenn der Flug innerhalb der letzten 28 Tage statt gefunden hat (2 x Dauer der Inkubationszeit).

Empfohlenes Vorgehen für das Management von Kontaktpersonen der Kategorie I:

  • Ermittlung, namentliche Registrierung sowie Mitteilung der Telefonnummer des Gesundheitsamtes.
  • Information der Kontaktpersonen über das MERS-Krankheitsbild, mögliche Krankheitsverläufe und Übertragungsrisiken (z.B. Merkblatt der BZgA, Link siehe unten).
  • Keine häusliche Absonderung, solange keine Atemwegssymptomatik auftritt.
  • Gesundheitsüberwachung bis zum 14. Tag nach dem letzten Kontakt mit dem bestätigten MERS-Fall auf folgende Weise:

    • Zweimal täglich Messen der Körpertemperatur durch die Kontaktperson selbst.
    • Führen eines Tagebuchs durch die Kontaktperson selbst bezüglich Symptomen, Körpertemperatur und allgemeinen Aktivitäten:

      • Retrospektiv kumulativ oder, wenn möglich/erinnerlich, retrospektiv täglich (Beispiel eines Tagebuchs auf den RKI-Seiten, Link siehe unten)
      • Prospektiv täglich.
    • Hinweis des Gesundheitsamts an die Kontaktperson, dass beim Auftreten von Symptomen das GA sofort zu benachrichtigen ist.
    • Nach Ablauf der 14 Tage nach dem letzten Kontakt Information des Gesundheitsamtes zum Gesundheitszustand.
    • Medizinisches Personal: bei fortbestehender Exposition zum MERS-Patienten zusätzlich tägliche Dokumentation verwendeter Schutzausrüstung (z.B. unterteilt in Kittel, Handschuhe, OP-Maske, FFP2-, FFP3-Maske, Schutzbrille). (siehe Beispiel-Template)
  • Wird eine Kontaktperson innerhalb von 14 Tagen nach Kontakt mit dem bestätigten MERS-Fall symptomatisch und ist die Symptomatik vereinbar mit einer MERS-Infektion, so gilt sie als krankheitsverdächtig und ist gemäß RKI-Falldefinition ein „Patient zur weiteren diagnostischen Abklärung“. Es sollte erfolgen:

    • Kontaktaufnahme seitens des Patienten zur weiteren diagnostischen Abklärung mit dem Gesundheitsamt und Besprechung des weiteren Vorgehens.
    • In Absprache mit Gesundheitsamt ärztliche Konsultation, inklusive Diagnostik mittels einer geeigneten Atemwegsprobe gemäß den Empfehlungen des RKI zur Labordiagnostik (Link siehe unten) und ggf. Therapie.
    • Kontaktreduktion nach Maßgabe des Gesundheitsamtes. Dies kann, gemäß § 31 IfSG, u.U. eine häusliche Absonderung der Kontaktperson beinhalten, insbesondere bei medizinischem Personal, aber auch die Betreuung in einem Krankenhaus. Sollte das betreuende Gesundheitsamt sich für eine häusliche Absonderung entscheiden, sollte dies einschließen: (i) Kein Verlassen der Wohnung/des Haushaltes; (ii) Beschränkung des Empfangs von Besuch auf das Notwendigste; (iii) (soweit möglich) räumliche Trennung von Mitbewohnern (z.B. getrennte Verwendung von Badezimmern, wenn zwei vorhanden sind); (iv) ansonsten keine besonderen Maßnahmen für Mitbewohner.
    • Im Tagebuch des Patienten: prospektive, zusätzliche Dokumentation der Personen mit mindestens 15-minütigem Gesichtskontakt (d.h. die Kontaktpersonen der jetzt zum „Patienten zur weiteren diagnostischen Abklärung“ gewordenen Kontaktperson).
    • Übermittlung nach § 12 IfSG.

Kontaktpersonen der Kategorie II (geringeres Infektionsrisiko):

Beispielhafte Konstellationen:

  • Personen, die sich im selben Raum wie ein bestätigter MERS-Patient aufhielten, z.B. Klassenzimmer, Arbeitsplatz, jedoch keinen kumulativ mindestens 15-minütigem Gesichts- („face-to-face“) Kontakt mit dem MERS-Fall hatten.
  • Personen im selben Flugzeug wie ein bestätigter MERS-Fall, die jedoch mehr als 2 Reihen vor oder hinter dem bestätigten MERS-Fall gesessen hatten und keinen sonstigen, relevanten Kontakt hatten.
  • Familienmitglieder, die keinen mindestens 15-minütigen Gesichts- (oder Sprach-) kontakt hatten.
  • Laborpersonal, welches mit vermehrungsfähigen MERS-CoV arbeitet, sofern adäquate Schutzmaßnahmen eingehalten werden.
  • Medizinisches Personal, welches sich im selben Raum wie der MERS-Patient aufhielt, aber eine Distanz von 2 Metern nie unterschritten wurde.

Empfohlenes Vorgehen für das Management von Kontaktpersonen der Kategorie II:

  • Falls gemäß Risikoeinschätzung des Gesundheitsamtes als sinnvoll angesehen, sind optional möglich:

    • Ermittlung und namentliche Registrierung,
    • Information zu MERS.
  • Keine tägliche Symptomkontrolle; keine Meldung beim Gesundheitsamt nach Ablauf von 14 Tagen nach dem letzten Kontakt mit dem bestätigten Fall.
  • Hinweis, dass sich die Kontaktperson bei eintretender Symptomatik, die mit einer MERS-Infektion vereinbar ist (insbesondere Atemwegssymptome, aber auch z.B. Durchfall), sofort mit dem GA in Verbindung setzen soll zur Besprechung des weiteren Vorgehens. Auch diese Person gilt gemäß RKI-Falldefinition als „Patient zur weiteren diagnostischen Abklärung“ (RKI-Falldefinition, Information des RKI zu Erkrankungsfällen durch das MERS-Coronavirus, Links siehe unten). Es sollte erfolgen:

    • Diagnostische Abklärung und Besprechung des weiteren Vorgehens.
    • Kontaktreduktion nach Maßgabe des Gesundheitsamtes.
    • Bei medizinischem Personal kann die Aussprechung eines beruflichen Tätigkeitsverbotes gemäß § 31 IfSG bis zum labordiagnostischen Ausschluss einer MERS-Infektion erwogen werden.
    • Übermittlung nach § 12 IfSG. 

Anhang

Vergleich der Empfehlungen der RKI-Empfehlungen mit dem "Tenth Risk Assessment"des Europäischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention (ECDC) vom 31.05.2014 (Link siehe unten)

ECDCRKI-Emp­fehlungKommentar
Enge Kontaktperson ist medizinisches Personal oder pflegendes Familienmitglied oder jede Person mit längerem Gesichtskontakt (mehr als 15 Minuten)…Ja... allerdings wird „Familie“ auf „Haushalt“ erweitert
… mit bestätigtem oder wahrscheinlichem symptomatischem Fall in jedem geschlossenen RaumBestätigter Fall: ja
Wahr­schein­licher Fall: nein
Wegen der hohen diagnostischen Kapazität deutscher Labore wird es als unwahrscheinlich angesehen, dass ein „wahrscheinlicher“ Fall nicht rasch ausgeschlossen oder bestätigt werden kann
Serumprobe sollte von engen Kontaktpersonen genommen werdenNeinWird als zu aufwendig angesehen, nur in besonderen Situationen/Studien sinnvoll
Bei Kontaktpersonen im Flugzeug sollte die Flugzeit keine Rolle spielenJa-
Priorität bei der Nachverfolgung von Flugpassagieren für Passagiere in der selben Reihe wie der Indexfall sowie in den zwei Reihen davor und danachJa-
Alle Crew-Mitglieder sollten nachverfolgt werdenNeinNur, wenn relevanter besonderer Kontakt vorliegt (z.B. mehr als 15-minütiger Sprachkontakt)
Flugpassagiere mit Kontakt zu respiratorischen Sekreten sollten nachverfolgt werdenJa-
Flugpassagiere, die zum selben Haushalt wie der MERS-Fall gehören, sollten nachverfolgt werdenJa…… sofern ein relevanter Kontakt vorgelegen hat
Falls Crew-Mitglied der Indexfall ist, sollten alle Passagiere nachverfolgt werden, oder, falls das nicht möglich ist, die Passagiere in dem Bereich, in dem die Person tätig war.NeinNur insofern ein relevanter Kontakt bestand

Stand: 03.07.2014

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