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Hepatitis E in Deutschland: eine lebensmittel-bedingte Zoonose?

Die Hepatitis E ist eine selbstlimitierende Krankheit von unterschiedlichem Schweregrad. Klassischer Weise zeigt sie klinische Symptome wie bei der Hepatitis A. Eine fulminante Hepatitis tritt selten auf, allerdings kann die Letalität bei Schwangeren über 10% betragen. In jüngster Zeit wurden vereinzelt chronische Infektionen bei Organtransplantierten beschrieben.

Hepatitis E-Virus

Das Hepatitis E Virus (HEV) kommt in vielen tropischen Regionen endemisch vor und wird dort häufig im Rahmen von trinkwasser-bedingten Ausbrüchen über­tragen. In Industrieländern wurde die Krankheit lange Zeit als vor allem reise­be­dingt eingeschätzt. In den letzten Jahren wurden in diesen Ländern allerdings zunehmend autochthone Erkrankungsfälle (d.h. ohne Reiseanamnese) doku­men­tiert und das HEV wurde bei Wildschweinen und Schweinen nachgewiesen. Aus diesen Tieren wurde charakteristischer Weise der HEV-Genotyp 3 isoliert, wäh­rend in endemischen tropischen Ländern vor allem der Genotyp 1 (in Asien zum Teil auch Genotyp 4) zirkuliert.

In Deutschland ist die Hepatitis E seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001 meldepflichtig. Bis 2006 stieg die Anzahl der autochthonen HEV-Fälle konti­nu­ier­lich an, die konkreten Übertragungswege blieben zumeist unklar.

Dies hat das Robert Koch-Institut im Frühjahr 2006 veranlasst, ein Projekt zur Epidemiologie der Hepatitis E in Deutschland zu initiieren und gemeinsam mit Gesundheitsämtern, Landesstellen und dem Konsiliarlabor für Hepatitis A und E durchzuführen.
Das Projekt umfasste eine Fall-Kontroll-Studie und phylogenetische Analysen von HEV-Stämmen bei autochthonen und importierten HEV-Fällen.

Ergebnisse

Im Studienzeitraum Mai 2006 bis August 2007 wurden insgesamt 96 Hepatitis E-Fälle mit Labornachweis gemäß Falldefinition an das RKI übermittelt.

Davon konnten 66 Fälle standardisiert zu Expositionsrisiken befragt werden und erfüllten zusätzlich die spezifischen Einschlusskriterien. In 45 Fällen (68%) han­del­te es sich um eine autochthone HEV-Infektion, 21 Patienten hatten die In­fek­tion während Reisen in Endemiegebieten erworben. Bei den autochthonen Fällen überwogen Männer (76%) und Personen, die in kleineren Gemeinden lebten. Die Fälle waren geographisch über ganz Deutschland verteilt, der Altersmedian be­trug 46 Jahre (Spannbreite 6-84 J.). Reiseregionen bei den importierten Fällen waren vor allem der Indische Subkontinent (50%), Afrika (24%) und Südostasien (14%).

In der Fall-Kontroll-Studie, die neben den autochthonen HEV-Fällen 135 Kontroll­per­sonen einschloss, waren in der multivariaten Analyse der Verzehr von In­ne­rei­en und der Verzehr von Wildschweinfleisch in den 2 Monaten vor Symptombeginn unabhängig mit dem Auftreten einer Hepatitis E assoziiert. Von den Fällen hatten 53% mindestens eines der beiden Produkte verzehrt.

Fälle und Kontrollen unterschieden sich nicht signifikant bezüglich anderer Charakteristika wie z.B. Leben / Arbeiten in der Landwirtschaft, berufliche Exposition gegenüber Tieren, direkter Kontakt zu Schweinen. Von 24 HEV-Fällen konnte der Erreger isoliert und sequenziert werden. Bei 8 von 9 importierten HEV-Stämmen handelte es sich um Genotyp 1. Ein weiterer mutmaßlich importierter Stamm (Reiseland USA) entsprach Genotyp 3.

Hingegen handelte es sich bei 14 von 15 autochthonen HEV-Stämmen um Genotyp 3 (swine-like sequences). Bei dem anderen autochthonen Fall wurde ein HEV-Genotyp 4 nachgewiesen – nach Kenntnis des Robert Koch-Instituts zum ersten Mal außerhalb Asiens.

Bewertung

Die epidemiologischen und phylogenetischen Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Hepatitis E in Deutschland endemisch als Zoonose existiert und das Virus wahrscheinlich bei einem erheblichen Teil der autochthonen Erkran­kungs­fälle durch den Verzehr von Fleischprodukten (Wildschwein) und Innereien übertragen wird. Dies stimmt überein mit Befunden bei Wildschweinen in Deutschland (Nachweis von HEV-RNA in 5% von Wildschweinseren) und bei kommerziell angebotenen Schweinelebern in Niederlande (7% HEV-positiv).

Die Hepatitis E ist zwar bisher in Deutschland eine relativ selten diagnostizierte und gemeldete Krankheit. Allerdings steigt die Zahl der autochthonen Fälle seit einigen Jahren kontinuierlich an, und angesichts der häufig uncharakteristischen klinischen Symptomatik ist von einer erheblichen Untererfassung auszugehen. In bevölkerungsbezogenen Surveys in einzelnen anderen Industrieländern wurden teilweise Seroprävalenzen von HEV-Antikörpern von deutlich über 10% gefunden.

Aus den Ergebnissen der Studie lassen sich Konsequenzen für die Prävention ableiten. Zum Schutz vor einer lebensmittelbedingten HEV-Infektion ist es wichtig bestimmte Fleischprodukte und Innereien mit ausreichend hohen Temperaturen lange genug zu garen und durch sorgfältige Küchenhygiene Kreuzkontaminationen zu vermeiden.

In Deutschland wie in anderen Industrieländern besteht Forschungsbedarf zum Vorkommen von HEV in Tierpopulationen (vor allem Wildschweine, Schweine) und zur HEV-Kontamination von Fleischprodukten. Außerdem sind Studien wichtig zu Risikofaktoren bei autochthonen HEV-Fällen, die sich nicht durch den Verzehr der oben genannten Risikolebensmittel erklären lassen, und zur tatsächlichen Gefährdung (Durchseuchung) der Allgemeinbevölkerung und bestimmter Risikogruppen.

Judith Koch/Klaus Stark, FG 35 Gastrointestinale Infektionen, Zoonosen und tropische Infektionen

Stand: 23.02.2009

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