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Zielgruppeneinstiege

MiTest-Studie: Zugang zu HIV- und STI-Testung für Migrantinnen und Migranten in Deutschland

Eine Qualitative Studie

Projektleitung: Claudia Santos-Hövener
Projektkoordination: Adama Thorlie, Navina Sarma
Förderung: RKI
Laufzeit: 1.8.2014 bis 28.2.2015

Ziele

  • Ermittlung der Zugänglichkeit und Nutzung bestehender HIV- und STI-Testangebote durch Migrantinnen und Migranten
  • Identifizierung von Barrieren, Herausforderungen und Ressourcen auf struktureller, Anbieter- und Empfängerebene
  • gemeinschaftliche Entwicklung praxisrelevanter Empfehlungen für einen optimierten Zugang zu Testangeboten
  • Stärkung der Vernetzung von für die Testung relevanter Akteure

Zusammenfassung

Migrantinnen und Migranten können ein erhöhtes STI- und HIV-Risiko haben. Spezifische Vulnerabilitäten werden sowohl durch den Migrationsprozess an sich als auch durch sozio-ökonomische, kulturelle und rechtliche Faktoren bedingt. Diese können sowohl einen eingeschränkten Zugang zu Prävention, Beratung und Testung, als auch ein erhöhtes Risikoverhalten zur Folge haben. Das spiegelt sich auch in den HIV-Meldedaten wieder. So wurde beispielsweise 2013 bei 32,3% der Personen mit einer HIV-Neudiagnose ein anderes Herkunftsland als Deutschland angegeben. Knapp die Hälfte dieser Infektionen wurde vermutlich in Deutschland erworben. Nach Deutschland zugewanderte Menschen sind demnach eine hinsichtlich HIV epidemiologisch relevante und für Primärprävention wichtige Gruppe.

Es gibt Erhebungen zu Wissen, Einstellung und Verhalten (u.a. Inan­spruch­nahme von Testangeboten) in Bezug auf HIV/ und STI bei Migrantinnen und Migranten in Deutschland, die jedoch stets bestimmte Gruppen betreffen oder regional begrenzt sind. So führt das RKI z.B. eine multizentrische Studie zur Ermittlung der HIV- und STI-Präventionsbedarfe unter Migrantinnen und Migranten aus Subsahara Afrika durch (www.rki.de/missa).

Die MiTest-Studie ermöglicht einen Einblick in die HIV- und STI-Test- und Beratungslandschaft in Deutschland in Bezug auf deren Inanspruchnahme durch Migrantinnen und Migranten aus Sicht der Anbieter (Akteure aus Test- und Beratungsstellen, aus Schwerpunktpraxen und aus Beratungsstellen für Migrantinnen und Migranten).

Dazu wurden Fokusgruppendiskussionen mit Expertinnen und Experten aus der HIV- und STI-Testung, -Beratung und -Behandlung und aus Beratungs­ein­rich­tungen für Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Darin wurden Praxis­er­fah­rungen zu Barrieren, Herausforderungen und Lösungsansätzen diskutiert. Ergänzt wurde diese qualitative Methode mit einem quantitativen Fragebogen zur de­tail­lierten Erhebung von Informationen zur aktuellen Testpraxis teilnehmender Einrichtungen. In einem abschließenden Workshop wurden gemeinschaftlich praxisrelevante Empfehlungen für einen optimierten Zugang zu HIV- und STI-Testangeboten entwickelt.

Es fanden sieben Fokusgruppendiskussionen mit jeweils vier bis zwölf Teil­neh­men­den in sechs Städten (Bevölkerung >500 000) mit hohem Migrations­anteil (13% - 31%) statt. Außerdem wurden 37 Fragebögen an alle Einrichtungen mit potentiellem Testangebot ausgegeben (Rücklaufquote 100%).

Die Fokusgruppen zeigten, dass es in der HIV- und STI-Test und -Beratungs­praxis bereits viele gute Ansätze und einen reflektierten Umgang mit den Themen Migration und HIV gab. Es wurde immer wieder betont, dass Migrantinnen und Migranten eine heterogene Gruppe sind und der Status Migrantin oder Migrant nichts über einen guten oder schlechten Zugang zu Testung aussagt. Vielmehr sind es verschiedene und teilweise migrationsassoziierte soziale, rechtliche, kulturelle und ökonomische Faktoren, die einen positiven oder negativen Einfluss auf die Inanspruchnahme von Testung haben können.

Migrantinnen und Migranten hatten im Vergleich zur mehrheitsdeutschen Bevölkerung noch immer keinen gleichberechtigten Zugang zu Testangeboten. Von eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten bei positivem HIV-Status über einschränkende Faktoren wie einen ungeregelten Aufenthaltsstatus, fehlende Krankenversicherung, Sprachbarrieren, finanzielle Limitationen, Stigmatisierung und Rassismuserfahrung oder andere, durch den Migrationsprozess bedingte Aspekte, bis hin zu fehlenden Basisangeboten wie Sprach- und Kulturmittlung, waren Zugangsbarrieren in der Praxis präsent. Die Barrieren lassen sich den drei Ebenen politische und gesetzliche Rahmenbedingungen, Angebote und Nutzung zuordnen. Entsprechend beziehen sich auch die Lösungsvorschläge auf alle drei Ebenen. Viele der in den Fokusgruppen diskutierten Barrieren sind bekannt und in der Forschung oftmals identifiziert und beschrieben worden.

Darüber hinaus wurde in der MiTest-Studie festgestellt, dass nicht ausreichend bekannt ist, wer durch die bestehende Angebotsstruktur nicht erreicht wird. Zudem spielt auch der Aspekt der Identität im Zugang zu Angeboten eine entscheidende Rolle. Wenn keine Identifikation mit der durch die Angebote angesprochenen Zielgruppe stattfindet, kann dies auch eine Barriere darstellen.

Auf Ebene der politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, müssten aus Sicht der Studienteilnehmenden die Problematik präsent, die HIV-Versorgung gesichert und finanzielle Mittel für die Optimierung von Angeboten bereitgestellt sein. Auf der Ebene der Angebote spielte die Anerkennung von Diversity eine wichtige Rolle. Angebote müssten noch besser an den Bedarf angepasst und kultursensibel ausgerichtet werden. Auf Ebene der Nutzung waren zentrale Lösungsansätze die Teilhabe von Migrantinnen und Migranten durch Partizipation in Forschung und Praxis, die Vermittlung von Wissen zu HIV und STI sowie Integration. Ziel sollte sein, dass Migrantinnen und Migranten „wie alle anderen zu uns kommen“.

Die in der MiTest-Studie diskutierten Praxiserfahrungen zeigen einen hohen Handlungsbe-darf hinsichtlich der Optimierung des Zugangs zu HIV- und STI-Testung für Migrantinnen und Migranten.

Bestehende Barrieren müssen effektiv und langfristig erkannt und abgebaut werden, so dass alle Menschen, unabhängig ihres Herkunftslandes und ihrer Lebenssituation, den gleichen Zugang zu Gesundheit haben. Partizipative Forschungsmethoden und Anerkennung von Diversity stellen eine Chance für die zukünftige Forschung und Praxis dar, um Angebote noch effektiver an die Lebenswelten der Zielgruppen anzupassen. Dabei ist eine enge Kooperation zwischen Praxis und Forschung, sowie die kontinuierliche und aktive Thematisierung der Problematik auf politischer Bühne von zentraler Bedeutung.

Stand: 15.07.2016

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