Navigation und Service

Zielgruppeneinstiege

Robert Koch-Institut zum Weltgesundheitstag 2017: Daten und Fakten zu Depressionen

Anlässlich des Gründungsdatums der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1948 findet jährlich am 7. April der Weltgesundheitstag statt. Das Thema für 2017 lautet Depression – Let’s talk und unterstreicht damit die hohe Wichtigkeit von psychischer Gesundheit als wesentliche Voraussetzung für das individuelle Wohlbefinden, eine hohe Lebensqualität und Leistungsfähigkeit. Der Zusatz Let’s talk weist darauf hin, dass Depressionen immer noch mit Stigmatisierung behaftet sind und in vielen Gesellschaften tabuisiert werden. Ein wichtiger Schritt ist, darüber zu reden und Depressionen als Bestandteil des Lebens vieler Menschen zu verstehen. Es ist mittlerweile erwiesen, das Stigmatisierung und Ausgrenzung die Probleme der Betroffenen verschärfen und nicht zuletzt auch deren Suizidrisiko erhöhen.

In modernen Industrie-, Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften treten körperliche Leistungen eher in den Hintergrund und mentale in den Vordergrund. Der schnelle gesellschaftliche Wandel verlangt eine hohe Anpassungsleistung an sich ändernde Arbeits- und Sozialbeziehungen. Soziale und kommunikative Kompetenzen gewinnen eine zunehmend größere Bedeutung. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass psychische Störungen und Beeinträch­tigungen bedeutender werden. Gemessen an der Krankheitslast stehen in Ländern mit mittlerem und hohem Einkommen Depressionen hierbei an vorderster Stelle.

Die WHO geht davon aus, dass weltweit ca. 322 Millionen Menschen von Depressionen betroffen sind (WHO, 2017). Das wären mehr als 4,4 % der Welt­bevölkerung und 18 % Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Für Deutschland schätzt die WHO die Zahl der Menschen mit Depressionen auf 4,1 Millionen, 5,2 % der Bevölkerung. Diese Schätzungen gehen auf eine Studie zurück, die in mehreren europäischen Ländern parallel durchgeführt wurde (Alonso et al., 2004).

Depressionen können als eigenständige psychische Störung auftreten, aber auch als Reaktion auf besonders belastende Lebenssituationen und traumatische Erlebnisse oder als begleitende Symptomatik anderer psychischer Störungen und körperlicher Erkrankungen. Sie sind gekennzeichnet durch Nieder­geschlagen­heit, Traurigkeit und Interessenverlust. Zusätzlich treten häufig Antriebslosigkeit, Appetitverlust, Schlafstörungen, innere Unruhe, Gereiztheit, Energieverlust, Gefühle von Wertlosigkeit, unangemessene Selbstvorwürfe, Konzentrationsstörungen und verminderte Leistungsfähigkeit auf. Depressionen können zu Suizidgedanken und Suizidversuchen führen, insbesondere wenn Betroffene sich allein gelassen fühlen oder keine geeigneten Hilfen zur Verfügung stehen. Dauer, Intensität und Symptome depressiver Störungen können erheblich variieren. Oft treten im Lebensverlauf mehrere depressive Episoden auf.

In vielen Berichten über Depression wird nicht präzisiert, was genau untersucht wurde, ob es sich etwa um eine ärztlich oder psychologisch diagnostizierte Depression handelt oder um depressive Symptome. Aus diesen Gründen variieren die Prävalenzen zwischen verschiedenen Studien oft erheblich. Dabei muss es keineswegs „falsch“ sein, wenn eine Studie besonders niedrige Depressionshäufigkeiten findet und eine andere besonders hohe. Unterschiede ergeben sich auch durch die in der Untersuchung gewählten Zeitfenster – je nachdem, ob mit einem Untersuchungsinstrument eine aktuell vorliegende depressive Störung erhoben wurde, oder die letzten 12 Monate betrachtet werden (12-Monats-Prävalenz). Ebenso kann auch das gesamte bisherige Leben als Referenzzeitraum dienen (Lebenszeitprävalenz) oder das Risiko bestimmt werden, im Laufe des Lebens eine Depression zu entwickeln (Lebenszeitrisiko).

Depressionen im nationalen Gesundheitsmonitoring

Eine wichtige Basis für gesundheitspolitische Maßnahmen, insbesondere die Planung von Prävention und Versorgung ist eine gute Datenlage. Hier leistet das durch das Bundesministerium für Gesundheit geförderte Gesundheitsmonitoring am Robert Koch-Institut einen wichtigen Beitrag. Auf der Basis des „Bundes-Gesundheitssurveys“ (BGS98), der in den Jahren 1997 bis 1999 durchgeführt wurde, und der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS1) aus den Jahren 2008-2011, liegen für Deutschland aussagekräftige Daten zur Depression vor. In beiden Studien wurde jeweils ein standardisiertes klinisches Interview zur psychischen Gesundheit im Rahmen eines zusätzlichen Moduls durchgeführt. Damit sind differenzierte Aussagen zu Häufigkeiten, Schweregraden und Verläufen von Depressionen möglich. Weiterhin können Risiko- und Schutzfaktoren identifiziert werden, weil Daten zu zentralen gesundheits­relevanten Merkmalen erhoben wurden. Die wichtigsten Ergebnisse zur Häufigkeit von Depression aus dem Gesundheitsmonitoring sollen im Folgenden zusammenfassend berichtet werden.

Nach den DEGS1 Daten hatten 9% der Studienteilnehmenden innerhalb der letzten 12 Monate die Kriterien für eine Depression erfüllt (12-Monats-Prävalenz), bei 13 % der Frauen und 6 % der Männer. Am häufigsten handelte es sich hierbei mit einer Prävalenz von 8 % um sogenannte unipolare Depressionen. Hiervon waren 11 % der Frauen und 5 % der Männer betroffen. Bipolare Störungen, auch manisch-depressive Störungen genannt, waren mit einer Prävalenz von 1,5 % hingegen deutlich seltener, mit geringerem Geschlechterunterschied (Frauen:1,7 % vs. Männer: 1,3 %). Weiterführende statistische Analysen schätzen das Risiko bis zum Alter von 75 Jahren eine Depression zu entwickeln bei Männern auf über 20 % und bei Frauen auf über 35 %. Allerdings – und das ist die gute Nachricht – sind einzelne depressive Episoden häufiger als wiederkehrende. Die Dauer einer Episode variiert zudem im Altersverlauf. So haben jüngere Menschen überproportional häufiger kurze Episoden und ältere Menschen eher längere Episoden einer Depression.

Hinsichtlich der Häufigkeit von Depression im Altersgang zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen epidemiologischen Daten und den Diagnosestatistiken der Krankenkassen. Um hier mehr Klarheit zu schaffen und die Gründe hierfür aufzuklären, werden am Robert-Koch Institut in Zusammenarbeit mit universitären Forschungsgruppen und kooperierenden Forschungsinstituten vergleichende Analysen zu unterschiedlichen Datenquellen durchgeführt. Dabei zeigen aktuelle Analysen von Krankenkassendaten einen Anstieg der Depressionsrate von 4 % im Alter von 20 bis 29 Jahren auf 14 % im Alter von 70 bis 79 Jahren, bei Frauen von 5 % auf 18 % und bei Männern von 3 % auf 9 %. Bei der direkten persönlichen diagnostischen Untersuchung in DEGS1 erfüllten jüngere Frauen im Alter von 18 bis 34 Jahren mit über 15 % hingegen besonders häufig die Kriterien für eine Depression, die dann bis in die Altersgruppe der 55- bis 64-jährigen Frauen auf 6 % zurückging. Bei Männern konnte kein entsprechender Trend festgestellt werden.

Diese Beispiele machen deutlich, dass Angaben zur Prävalenz von Depression bei verschiedenen Datenquellen sehr unterschiedlich ausfallen können. Für die gesundheitspolitische Unterstützung ist daher die Zusammenschau verschiedener Daten aus Versorgungsgeschehen und epidemiologischen Erhebungen notwendig.

Besondere Relevanz besteht hierbei bzgl. der Analyse von zeitlichen Trends. So berichten die Versorgungsstatistiken seit vielen Jahren eine gravierende Zunahme von Depressionen. Auch die Krankschreibungen und Rentenzugänge wegen Depressionen haben stetig zugenommen. Im Gegensatz zu den Versorgungsstatistiken kann aus den Ergebnissen der epidemiologischen Studien BGS98 und DEGS1 jedoch keine dramatische Zunahme der Depressionen in der Bevölkerung hergeleitet werden. Zwar können die Daten dieser beiden Studien nicht direkt miteinander verglichen werden, weil sich die Bevölkerung in der Zeit zwischen den Studien und auch die Diagnostik in Einzelheiten verändert hat, dennoch sind sich die an den Studien beteiligten Expertinnen und Experten einig, dass die epidemiologischen Daten keinen generellen Anstieg der Depressionen in der Bevölkerung nahelegen. In näherer Zukunft sind also in diesem Zusammenhang weitere Fragen zu beantworten, um die zunächst einmal diskrepant erscheinenden Entwicklungen in den Berichten aus unterschiedlichen Datenquellen sachgerecht interpretieren zu können.

Neben der Untersuchung der Häufigkeit ist die Untersuchung von Risiko- und Schutzfaktoren von hoher Bedeutung. Aktuelle Auswertungen der DEGS1 Daten zeigen z.B., dass bei Menschen mit überdurchschnittlicher Stressbelastung das Risiko einer depressiven Störung gegenüber denen mit unterdurchschnittlicher bis durchschnittlicher Stressbelastung um mehr als das Doppelte erhöht ist. Bei Personen, die von einer sehr starken Stressbelastung berichten, liegt es sogar um das Zehnfache höher. Es ist davon auszugehen, dass Wechselwirkungen zwischen Stressbelastung und Depression für die Höhe solcher Zusammenhänge verantwortlich sind. Liegt erst einmal eine Depression vor, nimmt auch die Stressresistenz ab.

Am RKI werden im Fachgebiet 26 „Psychische Gesundheit“ die vorhandenen Daten zur psychischen Gesundheit zusammengeführt und durch weitergehende Analysen interpretierbar gemacht. Auf diese Weise sollen aus den vorliegenden Daten konkrete gesundheitspolitische Zielsetzungen abgeleitet werden.

Ausgewählte Literatur und Quellen

Alonso J et al. (2004). Prevalence of mental disorders in Europe: results from the European Study of the Epidemiology of Mental Disorders (ESEMeD) project. Acta Psychiatr Scand Suppl. 2004;(420):21-7

Bretschneider J, Müllender S, Jacobi F (2015) Die vermeintliche Zunahme auf dem Prüfstand. BKK Magazin 2015:44-49

Busch MA, Maske UE, Ryl L, Schlack R, Hapke U (2013) Prävalenz von depressiver Symptomatik und diagnostizierter Depression bei Erwachsenen in Deutschland. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 56:733-739

Hapke U, Maske UE, Scheidt-Nave C, Bode L, Schlack R, Busch MA (2013) Chronischer Stress bei Erwachsenen in Deutschland: Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 56:749-754

Hapke, U., Busch, M, Maske U: Präsentation anlässlich des Workshops zum Abschluss des Projekts DEGS1 Modul Psychische Gesundheit – Auswertungsprojekte (DEGS1-MH). Berlin, 29.09. 2016

Jacobi F, Bretschneider J, Müllender S (2015) Veränderungen und Variationen der Häufigkeit psychischer Störungen in Deutschland. Krankenkassenstatistiken und epidemiologische Befunde. In: Kliner K, Rennert D, Richter M (Hrsg) Gesundheit in Regionen – Blickpunkt Psyche. BKK Gesundheitsatlas 2015. Medizinisch wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin, S 63-71

Jacobi F, Höfler M, Strehle J, Mack S, Gerschler A, Scholl L, Busch MA, Maske U, Hapke U, Gaebel W, Maier W, Wagner M, Zielasek J, Wittchen H-U (2014) Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Nervenarzt 85:77-87

Jacobi F, Höfler M, Strehle J, Mack S, Gerschler A, Scholl L, Busch MA, Maske U, Hapke U, Gaebel W, Maier W, Wagner M, Zielasek J, Wittchen H-U (2016) Erratum zu: Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul „Psychische Gesundheit“ (DEGS1-MH). Nervenarzt 87:88-90

Mack S, Jacobi F, Beesdo-Baum K, Gerschler A, Strehle J, Höfler M, Busch MA, Maske U, Hapke U, Gaebel W, Zielasek J, Maier W, Wittchen H-U (2015) Functional disability and quality of life decrements in mental disorders: Results from the Mental Health Module of the German Health Interview and Examination Survey for Adults (DEGS1-MH). European Psychiatry 30:793-800

Mack S, Jacobi F, Gerschler A, Strehle J, Höfler M, Busch MA, Maske UE, Hapke U, Seiffert I, Gaebel W, Zielasek J, Maier W, Wittchen H-U (2014) Self-reported utilization of mental health services in the adult German population - evidence for unmet needs? Results of the DEGS1-Mental Health Module (DEGS1-MH). Int J Methods Psychiatr Res 23:289-303

Maske UE, Busch MA, Jacobi F, Beesdo-Baum K, Seiffert I, Wittchen HU, Riedel-Heller S, Hapke U (2015) Current major depressive syndrome measured with the Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) and the Composite International Diagnostic Interview (CIDI): results from a cross-sectional population-based study of adults in Germany. BMC Psychiatry 15:77

Maske UE, Hapke U, Riedel-Heller SG, Busch MA, Kessler RC (2017) Respondents’ report of a clinician-diagnosed depression in health surveys: comparison with DSM-IV mental disorders in the general adult population in Germany. BMC Psychiatry 17:39

Maske UE, Buttery AK, Beesdo-Baum K, Riedel-Heller S, Hapke U, Busch MA (2016) Prevalence and correlates of DSM-IV-TR major depressive disorder, self-reported diagnosed depression and current depressive symptoms among adults in Germany. J Affect Disord 190:167-177

Maske UE, Scheidt-Nave C, Busch MA, Jacobi F, Weikert B, Riedel-Heller SG, Hapke U (2015) Komorbidität von Diabetes mellitus und Depression in Deutschland. Psychiatrische Praxis 42:202-207

Maske U, Busch M, Jacobi F, Riedel-Heller S, Scheidt-Nave C, Hapke U (2013) Chronische somatische Erkrankungen und Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit bei Erwachsenen in Deutschland. Psychiatr Prax 40:207-213

Maske UE, Riedel-Heller SG, Seiffert I, Jacobi F, Hapke U (2016) Häufigkeit und psychiatrische Komorbiditäten von selbstberichtetem diagnostiziertem Burnout-Syndrom. Psychiatr Prax 43:18-24

Robert Koch-Institut (2014) Gesundheitliche Lage der Männer in Deutschland: Kapitel 2.5. Psychische Störungen. In: Gesundheitliche Lage der Männer in Deutschland. Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Robert Koch-Institut, Berlin, S 56-75.
https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsB/maennergesundheit.pdf

Robert Koch-Institut (2015) Gesundheit in Deutschland 2015: Kapitel 2.11. Psychische Gesundheit. In: Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. Robert Koch-Institut, Berlin, S 111-122
Verfügbar unter: http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsGiD/2015/02_gesundheit_in_deutschland.pdf?__blob=publicationFile

Robert Koch-Institut (2015) Gesundheit in Deutschland 2015: Kapitel 05. Wie haben sich Angebot und Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung verändert? In: Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. Robert Koch-Institut, Berlin, S 300-374
Verfügbar unter: http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsGiD/2015/05_gesundheit_in_deutschland.pdf?__blob=publicationFile

Thom J, Jacobi F (2014) Häufigkeiten und epidemiologische Entwicklung psychischer Störungen. In: Windemuth D, Jung D, Petermann O (Hrsg) Psychische Erkrankungen im Betrieb. Eine Orientierungshilfe für die Praxis. Universum Verlag, Wiesbaden, S 68-96

Thom J, Bretschneider J, Müllender S, Becker M, Jacobi F (2015) Regionale Variationen der ambulanten primär- und fachärztlichen Versorgung psychischer Störungen. Regionale Bedarfsunterschiede oder Versorgungsungerechtigkeit? Die Psychiatrie - Grundlagen und Perspektiven 12:247-254

WHO (2017) Depression and Other Common Mental Disorders: Global Health Estimates. Geneva: World Health Organization; Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO.

Stand: 05.04.2017

Gesundheitsmonitoring

In­fek­ti­ons­schutz

Forschung

Kom­mis­sio­nen

Ser­vice

Das Robert Koch-Institut ist ein Bundesinstitut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit

© Robert Koch-Institut

Alle Rechte vorbehalten, soweit nicht ausdrücklich anders vermerkt.