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Zielgruppeneinstiege

Auswirkungen von Armut und sozialer Ungleichheit auf die Gesundheit

Pressekonferenz zum Kongress "Armut und Gesundheit" am 15. März 2017

PD Dr. Thomas Lampert, Robert Koch-Institut, Abt. für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring, Berlin

Das Robert Koch-Institut (RKI) führt regelmäßig Gesundheitsstudien durch, die umfassende Aussagen zur Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland erlauben. Für die Gesundheitsberichterstattung nutzt das RKI daneben zahlreiche andere Studien und Statistiken, um eine möglichst aussagekräftige Daten- und Informationsgrundlage zu schaffen.

Die vorliegenden Daten verdeutlichen, dass in Deutschland die Lebenserwartung kontinuierlich steigt und in vielen Bereichen eine Verbesserung der Gesundheit zu beobachten ist. Gleichzeitig ist festzustellen, dass nach wie vor große soziale Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung bestehen und viele Krankheiten und Gesundheitsbeschwerden in sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen verstärkt auftreten. Dies trifft u.a. auf Menschen zu, die einem Armutsrisiko ausgesetzt sind, auf Geringqualifizierte, prekär Beschäftigte, Arbeitslose und zum Teil auch auf Alleinerziehende.

Zentrale Forschungsbefunde der Studien des RKI sind:

  • Männer und Frauen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze haben im Vergleich zu den hohen Einkommensbeziehern eine um 11 bzw. 8 Jahre geringe mittlere Lebenserwartung bei Geburt
  • Das Risiko für chronische Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und chronische Bronchitis ist in den sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen 2- bis 3-fach erhöht
  • Für viele psychische Erkrankungen, darunter Depressionen und Angststörungen, ist von einem etwa 2-fach erhöhtem Erkrankungsrisiko bei sozial Benachteiligten auszugehen
  • Im höheren Lebensalter sind sozial Benachteiligte etwa 2-mal häufiger in ihrer Alltagsgestaltung beeinträchtigt, z.B. in der Selbstversorgung oder in den sozialen Kontakten
  • Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem Sozialstatus haben 2- bis 3-mal häufiger einen schlechten allgemeinen Gesundheitszustand, sie sind häufiger psychisch oder verhaltensauffällig, übergewichtig oder sogar adipös, sie treiben weniger Sport und ernähren sich ungesünder.
  • Kinder aus statusniedrigen Familien werden häufiger nicht gestillt (30% gegenüber 8%). Dass sie während der Schwangerschaft geraucht haben, trifft auf 28% der Mütter mit niedrigem im Vergleich zu 2% der Mütter mit hohem Sozialstatus zu

Die sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung haben zahlreiche Ursachen. Zunächst sind die Wohlstandsverteilung und die Unterschiede in Bezug auf den Lebensstandard, die soziale Absicherung und auch die Wohnverhältnisse zu berücksichtigen. Eine wichtige Rolle spielen daneben die schlechteren Arbeitsbedingungen und die höheren körperlichen wie psychosozialen Belastungen der niedrigen Statusgruppen, die auch im Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, z.B. der Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse, zu sehen sind. Zu Recht wird auch auf das Gesundheitsverhalten geschaut, weil die Daten auf erhebliche Unterschiede z.B. in Bezug auf das Bewegungs- und Ernährungsverhalten hinweisen und entsprechend das Risiko für Übergewicht, Bluthochdruck und andere mit dem Verhalten verbundene Risikofaktoren bei sozial Benachteiligten erhöht ist. Hinzu kommt, dass die vorhandenen Angebote der Prävention und Gesundheitsförderung seltener wahrgenommen werden. Das gilt z.B. für die Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, den Gesundheits-Check-up, die Schwangerenvorsorge und das Krankheitsfrüherkennungsprogramm für Kinder (U-Untersuchnungen).

Für Aussagen zu zeitlichen Entwicklungen und Trends kann inzwischen auf eine deutlich bessere Datengrundlage zurückgegriffen werden. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich keine Anhaltspunkte dafür finden, dass sich die sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung verringert haben könnten. Im Gegenteil muss in einigen Bereichen von einer Ausweitung der Unterschiede ausgegangen werden. Dies gilt z.B. für die subjektive Einschätzung der eigenen Gesundheit. Auch die Unterschiede in der ferneren Lebenserwartung ab 65 Jahren haben zugenommen – das legt zumindest eine Studie auf Basis von Daten der Deutschen Rentenversicherung Bund nahe. Und es ist eine Ausweitung der sozialen Unterschiede in Bezug auf den Tabakkonsum und die sportliche Aktivität festzustellen. In beiden Fällen ist insgesamt eine positive Entwicklung zu beobachten, die aber vor allem dadurch zustande kommt, dass in den höheren Statusgruppen weniger geraucht und mehr Sport getrieben wird. In den niedrigen Statusgruppen zeichnet sich dieser positive Trend nicht gleichermaßen ab.

Begriffsklärung

Von einem Armutsrisiko wird nach amtlicher Definition bei einem bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 60% des gesellschaftlichen Mittelwertes ausgegangen. Nach dem Mikrozensus lag die Armutsrisikogrenze im Jahr 2015 für einen Einpersonenhaushalt bei 942 Euro und für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bei 1978 Euro. Die Armutsrisikoquote betrug in Bezug auf alle Haushalte 15,7%.

Der Sozialstatus beschreibt die Position von Individuen bzw. Haushalten auf der sozialen Stufenleiter. In den Gesundheitsstudien des Robert Koch-Instituts wird er mehrdimensional erfasst und dabei auf Angaben zum Bildungsniveau, zur beruflichen Stellung und zum bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen zurückgegriffen.

Presseanfragen

Pressestelle des Robert Koch-Instituts
Susanne Glasmacher, Tel. 030/18754-2286 oder-2562 oder -2239, E-Mail: presse[a]rki.de

Stand: 15.03.2017

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